Autor Jörg Albrecht über Kreativität als Wirtschaftsfaktor

Schriftsteller Jörg Albrecht wurde 1981 in Dortmund geboren.
Schriftsteller Jörg Albrecht wurde 1981 in Dortmund geboren.
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Was wir bereits wissen
Im Roman „Anarchie in Ruhrstadt“ spinnt Jörg Albrecht die Hoffnungen der Kreativwirtschaft einfach weiter – bis zur Absurdität. Ein Gespräch.

Dortmund.. Im Jahr 2044 besteht das Revier nur noch aus Kreativzentren: Im Kreis Wesel leben die Schriftsteller, in Dortmund die Modedesigner – eine verrückte Vision, die Autor Jörg Albrecht uns im Roman „Anarchie in Ruhrstadt“ (Wallstein-Verlag) auftischt. Oder? Mit Britta Heidemann sprach der gebürtige Dortmunder über Kreativität als Wirtschaftsfaktor.

Was bedeutet es Ihnen, kreativ zu sein?

Jörg Albrecht: Wenn ich das Stichwort Kreativität höre, denke ich im positiven Sinne zunächst einmal an handwerkliche Dinge. Mein Handwerk besteht etwa darin, zu recherchieren, mir die Dinge sehr genau anzuschauen, mein Material zu sortieren. Oft geht es beim Schreiben darum, Vorhandenes zu verbinden und dabei vielleicht ein paar Tricks anzuwenden.

Welchen Stellenwert hat Kreativität heute in der Gesellschaft?

Albrecht: Im Grunde wird Kreativität heute gefordert und soll genutzt werden, um in wirtschaftlichen Zusammenhängen gute Produkte zu machen. Da geht es ja immer schon darum, die beste Idee zu haben. Ich komme selbst aus so einer subkulturellen Prägung, wo man sich gegenseitig sagt: Du musst mal das Album von der und der Band hören, oder den Film angucken. Dadurch wertet man sein soziales Kapital auf, wenn man sich gut auskennt. Aber daraus soll nichts generiert werden, das einen materiellen Wert mit sich bringt. Ich finde, wenn es darum geht, ist man schon wieder in der Zwickmühle. Weil dann Fantasie Originalität bedeutet – vor allem in der Vermarktung. Und darin sehe ich eine große Schwierigkeit. Aber es ist gar nicht so leicht zu sagen, wo das eine ins andere kippt.

In früheren Romanen haben Sie ein Hamsterrad der Selbstausbeutung beschrieben, in das kreative Angestellte heute geraten.

Literatur Albrecht: Genau, gerade in der Werbung ist das so. Du bringst all deine Fantasie ein, du bringst deine Körperkraft ein, du musst auch noch im Team glänzen, dich profilieren. Da soll man ganz viel von sich selbst geben, aus seiner Persönlichkeit schöpfen. Das wird noch gesteigert durch die digitale Entwicklung, die sozialen Netzwerke, wo man wiederum mit Kollegen befreundet ist. Das führt dazu, dass ich nur noch die Ideen äußere, die meinem Profil entsprechen.

Das Ruhrgebiet war einst Malocherregion, da kam die Kreativität spät. In Ihrem Revier-Roman „Anarchie in Ruhrstadt“ wird sie aber zum großen Heilsversprechen.

Albrecht: Ich habe die Diskussionen verfolgt, die nach der Kulturhauptstadt diese Perspektive ziemlich klar formuliert haben. Der Wirtschaftsminister von NRW sagt ja, es gibt drei Säulen, auf die er baut: Familienbetriebe, die Energiewirtschaft – und eben die Kreativwirtschaft. Dabei scheinen für viele Unternehmen aber Düsseldorf und Köln doch anziehender zu sein. Wenn ich im Ruhrgebiet bin, denke ich natürlich oft, hier passieren ganz tolle Sachen – etwa im Ringlokschuppen oder auf PACT Zollverein. Aber in den Städten wird einem doch schnell bewusst, dass das nur ein sehr geringer Bestandteil der Gesellschaft ist, die das Ruhrgebiet bildet. Deshalb war es mein Anliegen, diese Hoffnung einmal zu Ende zu denken. Und die Absurdität des Ganzen aufzuzeigen.

Warum ist das so absurd, mit Werken der Kreativität Gewinn zu machen?

Albrecht: Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem Produkt der Kunst und einem Produkt der Kreativwirtschaft. Das Kunstwerk entsteht, weil ein Thema oder ein Inhalt bearbeitet wird. Kunst muss erstmal keinen Gewinn abwerfen. Natürlich ist es im Moment so, dass Kunst heute bei Auktionen teilweise große Summen erzielt. Aber eigentlich ist sie nicht dazu da, wirtschaftlich zu sein oder große Rendite abzuwerfen. Ein Kunstwerk entsteht, weil es entstehen muss.