Auf der Jagd nach den Stimmen der heimischen Vögel

Schwarzes Gefieder, gelber Schnabel: Jeder erkennt die männliche Amsel. Das Weibchen hingegen ist braun und gefleckt – und sticht weniger ins Auge.
Schwarzes Gefieder, gelber Schnabel: Jeder erkennt die männliche Amsel. Das Weibchen hingegen ist braun und gefleckt – und sticht weniger ins Auge.
Foto: Getty Images/iStockphoto
Was wir bereits wissen
Ein Spaziergang zu Amsel und Zilpzalp, Rokehlchen und Blaumeise, die schon früh morgens ihre Lieder anstimmen. Wir haben ihnen auf den Schnabel geschaut.

Oberhausen.. Bei dem Wetter schickt man jetzt keinen Hund vor die Tür, aber Himmel!, manch einer ist ja schon draußen. Mag der stürmische Wind die Temperatur unter Null drücken, alle Vögel sind schon da. Morgens um fünf. Am Sonn-Tag wie an jedem anderen. Und der Mensch folgt: zur Vogelstimmen-Wanderung in Oberhausen. Guck mal, wer da singt!

Und wie sie singen. Niemand braucht ja einen Meteorologen und nicht einmal einen Kalender, um zu wissen: Frühling! Man kann ihn hören. Haste Töne, wenn vor dem Wachwerden schon ein Lied vom Dach erklingt und ein Gezirpe aus dem Baum, dass es so seine Art hat. Nur, welche? „Es ist schwierig am Anfang, das zu unterscheiden.“ Sagt Michael Tomec. Was er nicht sagt, ist: Es wird nicht einfacher am Ende des Tages. Jedenfalls nicht dieses.

Vögel zu erkennen an ihrem Gesang, ist Teil einer Kunst, die sich „Ornithologie“ nennt, und das klingt ja schon schwierig genug. Zumal: Frühe Vögel sind nichts für Spätzünder. Was den Tieren ihr gefettetes Federkleid, ist den Menschen ihre Mütze an diesem Morgen, der Handschuh, fest um das Fernglas geschlossen, die dicke Sohle auf eisigem Grund. Aus dem Bett geschält haben sie sich zu einer Zeit, da sie die Welt im Tiefschlaf wähnten, nur ist die Amsel natürlich schon wach. „Die ist immer die erste“, sagt Michael Tomec, der eigentlich Industriemeister ist, Metall und Chemie, solche Sachen. Aber Ruhe, Entspannung findet er beim Federvieh.

Ausgerechnet. Das ist ein Zwitschern und Zetern und Krächzen in der Dämmerung, eine Kakophonie zwischen den Zweigen, dass sich die Gehörgänge verknoten. „Buchfink, Heckenbraunelle, Kohlmeise, Stieglitz“, konstatiert jemand lapidar, man kann das Schulterzucken förmlich hören, „das sind jetzt vier gleichzeitig.“ Schon klar, das mit dem Rechnen, aber. . . Bitte, wie unterscheiden Sie das? „Das hört man. Und da hat gerade eine Amsel gesungen.“

Komische Vögel, diese Hobby-Ornithologen, gehen auf einen Spaziergang zum Stimmenbestimmen und wissen schon alles. Aber es gibt viele ihrer Art und immer mehr. Ganze Ortsgruppen beschäftigen sich, wie in Oberhausen beim Naturschutzbund (Nabu), der auch diese Führung anbietet, mit Vogelarten. In Berlin gibt es gar ein „After-Work-Birding“, ein Klübchen, das sich nach der Arbeit zum Vogelgucken trifft. Warum? Nicht, dass bereits erforscht wäre, wieso Menschen Vögel erforschen, aber Gründe gäbe es viele. Die neue Nähe zur Natur. Die Freundlichkeit des Vögelchens, das positiv besetzt ist in der Kultur. Vielleicht auch die Sehnsucht nach den warmen Gefilden, in die manches Tierchen strebt, während der Mensch im kalten Winter. . .

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Die Mönchsgrasmücke ist schon zurück

Aber der ist ja immer noch, gefühlt; Zilpzalp und Mönchsgrasmücke aber sind bereits zurück. Aus Frankreich, vermutet Tomec, seit zwei Wochen seien sie wieder zu hören. Amsel, Drossel, Fink und Star – sind schon da. Weil selbst letzterer gar nicht mehr flieht vor der deutschen Kälte, es gibt ja kaum noch welche. Was ihm einen Vorteil bringt: „Die hier bleiben“, sagt Michael Tomec, „können auch als erste das Revier besetzen.“ Der frühe Vogel fängt den Wurm.

Und deshalb singt er: nicht vor Freude über den Frühling, zumindest wäre davon nichts bekannt. Er singt, um (s)ein Weibchen zu locken: „Hallo, ich hab’ hier ein Haus, du kannst zur Paarung kommen!“ Erklärt der Vogelkundler, der solche Ansagen offenkundig versteht. Wo also der Hund sein Bächlein macht, erhebt der Vogel seine zarte Stimme. Sympathisch, durchaus, wobei: Auch der Rabe sei ein Singvogel, behauptet Tomec, „das Rab-Rab zählt zu den Gesängen“.

Andererseits muss man dazu auch wissen: Der Ornithologe sortiert nicht nach Tönen, sondern nach der Form des Nests.

An diesem Morgen ist der Spaziergänger indes über ein heiseres Krächzen schon ein wenig froh. „Irgendwie“, sagt Michael Tomec betrübt, „gefällt denen das Wetter heute auch nicht.“ Die Nacht war zu kalt, der Wind zu stark, da ist dem Männchen frühmorgens noch nicht nach dem Weibchen. „Lass mich in Ruhe mit Balzen“, sage es sich, „erstmal satt werden.“ Und weil alle mitmachen beim großen Fressen, droht derzeit auch keine Konkurrenz.

Gefräßige Stille also im Gehölzgarten Ripshorst, auf der Centro-Brache und selbst „inne Siedlung“, wohin die Gruppe „wegen den Vogelstimmen“ strebt. Typisch Ruhrgebiet, das alles. Wie wahrscheinlich auch, dass vom Ende der Fußtruppe jetzt statt Gezwitscher mehr Geschnatter klingt: Es sind die Damen ganz hinten, man schwatzt lautstark über das Wetter. Weil es den Vögeln auf die Stimme schlägt, natürlich. „Nicht mal die Meisen singen“, sagt Michael Tomec traurig. „Auch nicht die Ringeltauben, die sonst rufen wie blöd.“ Am Horizont wirbt der Gasometer für seine aktuelle Ausstellung: „Der schöne Schein.“ Ein bisschen macht den Fachmann das auch wütend. „Sonst geht man hier unter 25 Arten nicht weg.“

Er trillert wie der Zaunkönig

Dem Ungeübten kommt es nicht weniger vor, er hat ja noch keinen der Sänger überhaupt erkannt. Weshalb Tomec jetzt vorsingt. Trillert wie der Zaunkönig. „Kickst“ wie der Specht. Er macht „Pika Pika“ wie die Meise, was allerdings wiederum der lateinische Namen der Elster ist. Und da, am Baum in der Wohnstraße, rennt da nicht der Gartenbaumläufer?

Die Menschen sammeln sich um den Stamm, „hat er gesungen“? Hat er nicht, aber würde er, machte er „Dududu“. Den Zilpzalp entdecken sie oben im Wipfel, man ist zu zweit und schweigt, aber wie der Zilpzalp singt, weiß ja jeder: Wie der Name schon sagt.

Die Kirchenglocken läuten sieben, es rauscht die Autobahn, es schnarren die Stromleitungen, doch einer immerhin ist lauter: das Rotkehlchen. „Ein zarter, perlender Gesang, teilweise ein klein wenig traurig“, sagt Tomec. „Er singt sich langsam warm.“ Die Töne dringen aus dem Vogelhotel, das der Nabu an ein paar Bäumen aufgehängt hat, Nistkästen, die Nummern tragen. Zimmer 80, 85, da könnte das Rotkehlchen sein, „sie müssen ja die Jungen großkriegen, das ist der Sinn und Zweck des Ganzen“.

Auch des Gesangs. So klärt der Specht, in welchem Haus die Kinder aufwachsen sollen („Gehen wir zu mir oder zu dir?“). So verabreden sich die Stare, so lockt der Gartenrotschwanz unter seine Federn. Ach, und da singt die Singdrossel! Verzückt schauen die Menschen in den trüben Himmel, das ist keine Misteldrossel, so viel ist klar: „Die Singdrossel wiederholt die Strophenteile.“ Und was war das wieder? Bachstelze? „Schrapnelle?“ Ein Spaßvogel unter den Ornithologen.

Es war eine Heckenbraunelle, wie sich herausstellt, ein kleiner Schwätzer, unscheinbar. Aber akustisch gar nicht schlecht. Und dann schmettert er doch noch, der Buchfink, normalerweise „4000-mal am Tag“, wie Tomec weiß. Obwohl er das selbst nie zählte. Aber was wäre auch der Naturfreund heutzutage ohne Technik: Singt der Vogel nicht? Dann zückt er sein Telefon und mit ihm die App, Vogelstimmen aus der Hosentasche. Unter jedem Tier stehen dort sicher vier Tasten: Alarmrufe, Lockrufe, Warnrufe, Sozialrufe. Soll ja keiner glauben, dass ein Vogel nur singt.

So steht Michael Tomec mit seinem Smartphone, er ist sichtlich gerührt: Er hat in der Frühe einen Steinkauz gehört! Selten sind die in Oberhausen, man hat sie gezählt, gelockt, bezirzt, dass sie wieder herziehen. Zehn Paare leben nun in der Stadt, ob dieser hier die Hälfte ist des elften? „Könnte auch ein Streuner sein.“ Tomec will ihn jetzt locken, er lässt die App rufen, wieder und wieder. Dann schaltet er sie aus. „Ich will ihn nicht verjagen. Der Kauz weiß ja nicht, dass es ein Handy ist.“ Allerdings könnte er das sehen mit seinen Eulenaugen: Nichts ist so hell an diesem Morgen wie das Telefon.

Und kaum einer singt so schön.