Essen

Auf der anderen Seite des Standes

Symbolfoto.
Symbolfoto.
Foto: WAZ FotoPool

Essen. . Eine Ratte liegt entstellt mit nur einem Ohr in einem Käfig eines Labors. „Wir wollen Tierversuche stoppen“, sagt Michel bestimmt und deutet auf das Foto in seiner Mappe. Neben ihm steht eine junge Frau, die ihm aufmerksam zuhört. Seine verzerrten Gesichtsausdrücke verleihen seiner inneren Wut sichtlich Ausdruck. Er wirkt überzeugend. Die Dame nimmt sich die Zeit, die Mappe vollständig anzuschauen. Als er schließlich darauf zu sprechen kommt, ob sie nicht ein paar Euro im Monat spenden möchte, verneint sie. Doch Michel lässt sich nicht entmutigen. Gemeinsam mit seinen Kollegen steht er kürzlich in der Essener Innenstadt mit einem Informationsstand. Sie gehören zum Verein „NRW schützt Tiere“.

Viele, die durch die Stadt bummeln, machen einen Bogen um Infostände. Aber wie ist es, auf der anderen Seite zu stehen?

Michels erste Frage ist stets: „Lieben Sie Tiere?“ Sie ist gut, aber oftmals nicht gut genug. „Nein, danke.“, „Lassen Sie mich in Ruhe“, lauten die Antworten. Obwohl es besonders einigen Frauen schwer zu fallen scheint, der Frage auszuweichen, verringern die meisten nur kurz ihr Schritttempo und winken dann damit ab, wenig Zeit zu haben. „Ja, ich liebe Tiere und besonders meine Yorkies“, ruft eine ältere Dame im Vorbeigehen, die gerade zwei Yorkshire-Terrier ausführt. Aber sie geht weiter, schenkt kein Vertrauen. Der Informationsstand nebenan scheint sie mehr zu interessieren. Zwei junge Männer mit Bärten haben auf dem Tisch vor ihnen Dutzende Bücher gestapelt. Unverkennbar gehören sie zur „Lies-Kampagne“, die von Salafisten, also Anhängern einer ultrakonservativen Strömung des Islam, seit 2011 in Innenstädten betrieben wird. Auf rot-weißen Plakaten, die manche Männer auch auf dem Rücken tragen, steht: „Lies. Im Namen des Herrn, der dich erschaffen hat.“

Das Interesse am Koran ist groß

Die Dame mit den Yorkies erkundigt sich nach dem Preis der Bücher. „Sie können einen Koran umsonst mitnehmen“, antwortet einer der Männer. Das lässt sich die Tierliebhaberin nicht zwei Mal sagen und steckt eines der fein säuberlich aufeinander gestapelten weißen Bücher in ihre schwarze Handtasche. Ein älterer Herr mit Rucksack, Sonnenbrille und Sandalen nähert sich ebenfalls dem Stand und erkundigt sich, ob der Koran auf Deutsch übersetzt ist. „Ja und auf Englisch, Spanisch und Russisch“, sagt der andere in gebrochenem Deutsch. „Gut, ich habe ihn nämlich noch nicht gelesen, das muss ich nachholen.“ Der Herr greift zu einem Buch und liest die goldene Schrift auf dem Einband: „Der edle Qur’an. Die ungefähre Bedeutung in deutscher Sprache“. In die kleine Sparbüchse neben den Büchern wirft er etwas Kleingeld. „Danke“, sagen die Männer im Chor. „Wir verschenken eigentlich den Koran. Unsere Mission ist friedlich und wir arbeiten für Allah“, erklärt einer der beiden Salafisten. Sie wollen den Glauben verbreiten, denn dann kämen sie ins Paradies, so erzählen sie. Das Interesse an der heiligen Schrift scheint groß zu sein. Passanten verschiedenen Alters und unterschiedlicher Nationalität kommen auf sie zu. Sie wollen den Koran lesen. Auch, „um besser zu verstehen, wieso so viel Leid mit dem Glauben einhergeht“, sagt eine junge Frau so, dass es die beiden Koran-Verteiler nicht hören. Ein paar Minuten später kommen drei Jugendliche zu dem Tisch, vollbepackt mit Tüten und einem Eis in der Hand. Sie stecken ohne viele Worte jeder einen Koran in die braune Papiertüte mit dem Aufdruck „Amazing fashion, Amazing prizes“.

Polizei schlichtet den Konflikt

Einer der Männer zeigt auf eine leere Plastikkiste hinter sich. „Die war voll, als wir ankamen.“ Alle zwei Wochen, so erzählt er, verteilt er die heilige Schrift. Vor zwölf Jahren kam er aus Tschetschenien nach Deutschland. Er heiratete eine deutsche Frau, die zum Islam konvertierte. Nun möchte er, dass auch andere Menschen den Koran lesen und verstehen. „Jeder soll den Koran lesen, bevor er was Falsches sagt.“ Eine Passantin beschuldigt ihn, die Gräueltaten des Islamischen Staates zu unterstützen. Daraufhin erwidert er, dass sie keine Leute kennen würden, die Menschen töten. „Wir sind friedlich und haben keine Waffe. Wir sind keine Terroristen und wir lieben Jesus“, beteuert er. In dem Moment schaut er nervös zur Seite und zuckt zusammen. Eine Gruppe Männer und Frauen umstellen den Tisch und richten eine Handykamera genau auf ihn und seinen Kollegen: „Wir wollen keine Salafisten-Schweine. So ‘ne Scheiße könnt ihr in eurem Land abziehen“, schreit einer aus der Gruppe aggressiv durch die Fußgängerzone, so dass mehrere Passanten anhalten und sich eine Menschentraube um den Stand bildet. Aufgeregt schauen die beiden Muslime um sich. Hinter ihnen haben sich einige muslimische Bürger gestellt. „Ich rufe jetzt die Polizei“, ruft der Mann vom Koran-Stand aufgebracht mit beunruhigten Unterton. Ein heftiger Schlagabtausch von Beschimpfungen und Provokationen treibt den Konflikt auf die Spitze. Auch der Muslim filmt mittlerweile mit seinem Handy das Geschehen und nimmt auf, wie einer aus der Gruppe gegen die Bücher schlägt, so dass sie polternd zu Boden fallen. „Zum dritten Mal sind die heute hier aufgetaucht, sie provozieren schon den ganzen Tag“, herrscht einer der Passanten den Polizisten an, der gerade aus seinem Einsatzwagen steigt und sich mitten in das Gerangel stellt und diesem somit ein Ende bereitet. „Die sollen das Video löschen. Sofort“, ruft einer aus der Gruppe dem Polizisten mehrfach zu, während eine Freundin ihn am Arm zieht. Dann suchen sie das Weite.