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"Start"-Chef sieht Zeitarbeit als eine Übergangssituation

17.07.2014 | 13:28 Uhr
"Start"-Chef sieht Zeitarbeit als eine Übergangssituation
Wilhelm Oberste-Beulmann sieht in der Zeitarbeit große Chancen für Arbeitnehmer.Foto: Start

Essen.   Im Interview spricht der Vorsitzende der Zeitarbeitsfirma Start, Wilhelm Oberste-Beulmann, über Mindestlohn in der Branche, die sensible Arbeit mit Langzeitarbeitslosen und die soziale Verantwortung gegenüber Arbeitnehmern.

Wilhelm Oberste-Beulmann ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Zeitarbeitsfirma Start in Duisburg. Mit dieser Zeitung sprach er über Mindestlohn, Arbeitnehmer-Qualifizierung und die soziale Verantwortung gegenüber den Beschäftigten.

Erst vor wenigen Tagen ist der Mindestlohn beschlossen worden, ist das ein Problem für Ihr Unternehmen oder für andere der Branche?

Wilhelm Oberste-Beulmann: Start Zeitarbeit hat einen Haustarifvertrag mit der IG-Metall und Verdi, der heute schon deutlich über dem gerade beschlossenen Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euroliegt. Bei uns beginnt die Skala in der niedrigsten Lohngruppe bei mindestens 9,10 Euro. Für unsere Zeitarbeitnehmerinnen und Zeit- arbeitnehmer steigt danach die Vergütung analog zur Beschäftigungszeit im Unternehmen. Das bedeutet, auch bei einem Einsatzwechsel erhöht sich die Vergütung bis Equal-pay erreicht wird. Für die Zeitarbeitsbranche ist der Mindestlohn nicht das entscheidende Thema. Die Vergütung ist heute bereits in den alten Bundesländern auf 8,50 Euro angehoben worden. In den neuen Bundesländern wird nach der tariflichen Übergangsfrist diese Höhe ebenfalls erreicht. Deshalb ist der Mindestlohn branchenweit zwar keine einfache Sache, aber aus meiner Sicht durchaus durchführbar. Unser Problem ist nicht, dass ein Mindestlohn eingeführt wird. Unser Problem ist vielmehr, dass aus der Politik relativ unklare Vorgaben für den Zeitarbeitsmarkt kommen, die sehr wechselnd sind. Manchmal wünscht man sich als Unternehmen hier mehr Kontinuität in der Gesetzgebung.

"Zeitarbeit hat immer noch ein schlechtes Image"

Wie ist das Image mit der Zeitarbeit?

Oberste-Beulmann: Die Zeitarbeitsbranche hat immer noch in der Bevölkerung ein relativ schlechtes Image.

Woran liegt das?

Oberste-Beulmann: Die Branche hat sich deutlich gewandelt. Fast alle Zeitarbeitsunternehmen erfüllen heute mehr als den sozialen Mindeststandard. Die Zeitarbeit ist ein moderner Weg, Menschen an Unternehmen und an die Beschäftigung heranzuführen, da mehr als zwei Drittel aus der Arbeitslosigkeit kommen. Wir bei Start begreifen die Zeitarbeitssituation immer als Übergangszustand und wollen einen schnellen Drehtüreffekt durch Übernahme unseres Personals, die ausschließlich vormals arbeitslos waren, erreichen. Egal, ob wir es aus der Perspektive der Entleihunternehmen betrachten, wenn man zum Beispiel Spitzen abdecken möchte oder aus unserer Perspektive, wir sind von unserer Unternehmensphilosophie darauf angelegt, Menschen, die vormals arbeitslos waren, in Arbeit zu bringen. Das schlechte Image entsteht durch Einzelbeispiele, die nicht immer der Zeitarbeit zugeordnet werden können. Insgesamt ist die Branche auf einem guten Weg.

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Was ist das Besondere an Start?

Oberste-Beulmann: Wir verbinden wirtschaftliche Ziele mit einem sozialen Auftrag. Mehr als 60 Prozent der zu vermittelnden Kräfte sind Geringqualifizierte, Langzeitarbeitslose, Migranten ohne passende Ausbildung und Menschen mit Behinderungen. Wir arbeiten für diese Zielgruppen hart und sorgen dafür, dass sie durch eigene Programme und Qualifizierung wieder in Arbeit kommen. Außerdemhaben wir eine breite Gesellschaftsstruktur, die von Arbeitgeberverbänden, über kommunale Spitzenverbände bis hin zu den Gewerkschaften (DGB) reicht. Start ist ein Zeitarbeitsunternehmen mit einem gesellschaftlichem Auftrag. Das ist unsere Unternehmensphilosophie, damit sind wir wirtschaftlich erfolgreich. An Start ist einmalig, dass es soziale Ziele wirtschaftlich effizient umsetzt. Darauf sind wir seit nun mehr fast 20 Jahren auch ein bisschen stolz.

Wie sehen das Ihre Mitbewerber? Sind die nicht kritisch?

Oberste-Beulmann: Das waren sie am Anfang. Heute ist es umgekehrt. Unsere Modellprojekte, wie zum Beispiel die Gesundheitsförderung oder die partnerschaftliche Ausbildung werden in der Branche positiv aufgenommen. Wir gelten als vorbildlich, weil wir kooperativ sind und das gute Beispiel nicht nur marketingmäßig ins Fenster stellen. Wir geben unsere Erfahrungen weiter und versuchen so, in die Branche hineinzuwirken. Wir möchten etwas für die Entwicklung und Akzeptanz der Zeitarbeit tun. Das wird uns abgenommen. Wir sind kein Wettbewerber wie jeder andere. Wir sehen uns als Modellunternehmen, dass die Branche positiv beeinflussen kann. Zum Beispiel gilt das Modell partnerschaftliche Ausbildung mittlerweile als Erfolgsfaktor.

Was ist das Besondere an diesem Modell?

Oberste-Beulmann: Zunächst einmal ist es eine Möglichkeit, dass die Betriebe zusätzlich oder über Bedarf ausbilden. Es ist kein Ersatz für die klassische Ausbildung. Wer partnerschaftlich ausbildet, muss „über den Durst“ ausbilden. Außerdem sind die Zielgruppen aus unserer Perspektive wichtig und sozial attraktiv. Jugendliche unter 25 Jahren ohne Hauptschulabschluss in Arbeit zu bringen, ist eine Herausforderung. Aber das Kooperationsmodell funktioniert. Der Betrieb führt die fachliche Ausbildung aus. Er beteiligt sich zur Hälfte an der Ausbildungsvergütung. Wir übernehmen das Ausbildungsmanagement und sorgen vorab durch eine qualifizierte Absicherung durch ein Praktikum oder eine Einstiegsqualifizierung. Die partnerschaftliche Ausbildung ist nach Ende mit einer Beschäftigungsgarantie verbunden, wenn keine Anschlussbeschäftigung nach erfolgter Ausbildung Im Ausbildungsbetrieb möglich ist. Wir minimieren das Risiko für den Betrieb und nehmen diesem viel Arbeit ab. Das macht das Projekt gerade für Handwerksunternehmen und kleinere Unternehmen sehr attraktiv. Auch für die Jugendlichen ist das einfacher, da gerade diese Personengruppe relativ viel Betreuung braucht. Der Jugendliche hat einen Ansprechpartner und bei Problemen gibt es immer jemanden der vermittelt. Insgesamt konnten wir in der partnerschaftlichen Ausbildung fast 1000 Einstellungen seit 2005 auf den Weg bringen. Das ist eine hervorragende Quote. Die partnerschaftliche Ausbildung steht am Anfang der Erwerbsbiographie.

"Gute Arbeitsmarktpolitik ist keine Frage des Parteibuchs"

Wie sieht das mit den Langzeitarbeitslosen aus?

Oberste-Beulmann: Hier ist viel Geschick, Einfühlungsvermögen und Qualifizierung nötig, weil nach einer langen Arbeitslosigkeit der Wiedereinstieg problematisch ist. Wir bringen die Menschen langsam aber sicher in Arbeit, indem wir ihnen Hilfestellung geben und für ihre Qualifizierung sorgen. Da können wir unterstützen und flexibler sein, als mancher Betrieb. Wir gehen sehr vorsichtig vor. Wir wissen, die Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen ist manchmal das Bohren dicker Bretter. Dennoch haben wir echte Erfolgserlebnisse. Wir haben hier eine positive Entwicklung zu verzeichnen.

Wenn man so lange wie Sie am Arbeitsmarkt tätig war, so hat man sicherlich auch ein besonderes Bild auf die Arbeitsmarktpolitik. Was wünschen Sie sich von der Politik?

Oberste-Beulmann: Dass sie mit den Zeitarbeitsfirmen im Dialog bleiben. Es ist ganz wichtig, dass man einen kontinuierlichen Diskussionsprozess mit der Politik führt. Wir haben in Nordrhein Westfalen hervorragende Erfahrungen mit allen Regierungen gemacht. Das Arbeitsministerium und die jeweiligen Arbeitsminister haben uns gleichermaßen unterstützt und wussten den Vorbildcharakter von Start in der Zeitarbeit zu nutzen. Gute Arbeitsmarktpolitik ist keine Frage des Parteibuchs. Es ist vielmehr eine Frage des gegenseitigen Verständnisses. So finden wir immer Lösungen und gute wie tragfähige Kompromisse. Solange der Dialog intakt ist, gibt es auch keine bösen Überraschungen.

So viel zum Thema Politik, aber wie kann dafür gesorgt werden, dass die Zeitarbeit sich auch selbst sehr verändert. Sie bilden an unterschiedlichen Stellen aus. Wie steht es mit der Qualifizierung und Bildung ihrer eigenen Mitarbeiter?

Oberste-Beulmann: Start ist ein besonderes Unternehmen. Unsere ersten Mitarbeiter kamen alle aus der Arbeitslosigkeit und sind motiviert an die Arbeit gegangen. Dieser Geist ist heute noch im Unternehmen zu spüren. Deshalb ist Qualifizierung und Weiterbildung für unsere internen Mitarbeiter immer ein großes wie wichtiges Thema. Die Branche selber entwickelt sich ebenfalls. Es gibt mittlerweile hervorragende Instrumente wie z.B. den Ausbildungsberuf, die Qualifizierung zum Fachwirt und begleitende Studiengänge. Sie alle erfreuen sich großer Beliebtheit.

Manfred Lachniet

Kommentare
23.07.2014
15:35
"Start"-Chef sieht Zeitarbeit als eine Übergangssituation
von Illoinen | #2

Und ich glaube Herr Wilhelm Oberste-Beulmann hofft darauf, dass sich die Übergangssituation auch in Zukunft dauerhaft in seinem Unternehmen verankert....
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2014-07-17 13:28
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