Nachhaltige Produkte fertigen
11.01.2011 | 14:47 Uhr 2011-01-11T14:47:26+0100QUERDENKEN Mit dem Cradle-to-Cradle-Prinzip umweltgerechtes Denken in die Tat umsetzen
Seine Aussagen sind klar und präzise, die Thesen oft provokant, die Ziele pointiert – Professor Dr. Michael Braungart, international renommierter Verfahrenstechniker, Materialwissenschaftler und Chemiker, Ex-Greenpeace-Aktivist und Ehemann der früheren niedersächsischen Umweltministerin Monika Griefahn (SPD), hat eine Mission. Er will Marktwirtschaft neu denken, innovative, intelligente Produkte entwickeln und letztlich unsere Wegwerfgesellschaft umkrempeln. Im Kreislaufwirtschaftsland NRW ist er wohl bekannt, hat unter anderem 2010 im Wissenschaftspark Gelsenkirchen vor 150 Vertretern der Kreislauf- und Recyclingwirtschaft seine Thesen ausgebreitet. WivO erreichte Professor Braungart jetzt in Virginia/USA.
Einen neuen Weg gehen
Worum geht’s eigentlich? Michael Braungart, Vortragsreisender in aller Welt, hält den aktuellen Weg im Umweltschutz und in der Recyclingwirtschaft ganz einfach für falsch. Statt ständig Verzicht und Reduktion zu fordern, müsse ein ganz anderer Weg beschritten werden. „Wir optimieren stets das Falsche“, sagt er. Seine Beispiele sind drastisch: „Es ist kein Fortschritt, wenn ich mein Kind nur noch fünf- statt zwölfmal schlage“, sagt er. Und daher sei es auch unsinnig, wenn ich die Umwelt nur etwas weniger zerstöre. „Ein Umdenken ist notwendig“, fordert Michael Braungart, der gerade in Deutschland die „Romantisierung der Natur“ beklagt, die Umweltschutz mit schlechtem Gewissen kombiniere, was fatal sei.
Es gehe nicht um ständiges Reduzieren, Minimieren und Vermeiden – um Öko-Effizienz –, meint Michael Braungart, denn auch weniger Falsches führe unweigerlich in den Abgrund. Er selbst spricht von Öko-Effektivität als Grundprinzip seiner Cradle-to-Cradle-Konzeption (C2C). Danach werden Produkte von der Wiege bis zur Wiege (engl. cradle = Wiege) – also immer wieder verwert- und verwendbar – konzipiert. „Wir können dabei viel von der Natur lernen“, ist sich Braungart sicher. Die Natur sei üppig und vielfältig, verwerte alles wieder.
Viele Produkte nach neuem Konzept entwickelt
Es gibt bereits Hunderte Produkte, die schon in der Planungsphase nach ihrer Wiederverwertbarkeit konzipiert werden. Entweder können sie komplett kompostiert, also in den biologischen Kreislauf zurückgeführt oder als Basismaterial für andere Produkte dem technischen Kreislauf zugeführt werden. Beispiele gefällig? Es gibt kompostierbare Flugzeugsitze, Schuhsohlen, Hemden oder Teppiche, die nach dem C2C-Konzept hergestellt werden. Natürlich gibt es auch Kritiker, die dem umtriebigen Gründer des Instituts EPEA Internationale Umweltforschung und des Hamburger Umweltinstituts vorwerfen, er sei ein „neoliberaler Entertainer“, der sich lustig mache über viele grüne Bemühungen und Ansätze.
Braungart beklagt den Mangel an Naturwissenschaftlern und Ingenieuren und dass wir durch die Einheit 20 Jahre verloren hätten – Strukturen seien verkrustet, ein grundlegender Wandel im Umweltschutz nicht gewollt, der prinzipiell falsche Weg sei weiterhin perfektioniert worden. Braungarts Beispiele und Ideen sind oft spektakulär und beziehen sich nicht nur auf Design und Verwertbarkeit: Nicht alle Produkte müssten verkauft werden, sagt er, viele könnten für eine bestimmte Zeit verliehen, dann von den Firmen zurückgenommen und wieder in die Bestandteile zerlegt werden. Teppichfirmen aus den Niederlanden haben dies schon umgesetzt. So wie Braungart oftmals auf das innovationslahme Deutschland schimpft, so sehr lobt er das Nachbarland. „Holland stellt sich gerade um, hier wird überall das neue intelligente Konzept umgesetzt“, freut sich der Wissenschaftler. Propheten haben es eben schwer, im eigenen Land Gehör zu finden.
Was halten Sie von dem Cradle-to-Cradle-Konzept und den radikalen Gedanken von Professor Braungart? Schreiben Sie an wirtschaftvorort@waz.de.