„Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet“

Siegen..  Die Hotelanlage im Siegener Ortsteil Geisweid geht auf die Anfänge des letzten Jahrhunderts zurück; gegründet von einem Zeltmissionar. Nicht untypisch für das pietistische Siegerland. „Hier finden Sie die Atmosphäre, die zur Erholung und Entspannung beiträgt“, wirbt das christlich-freikirchliche Gästehaus in seinem Internetauftritt. Von Erholung und wohl erst Recht von Entspannung kann heute nicht die Rede sein, wenn sich IG Metall und der Arbeitgeberverband NRW dort treffen: In Siegen beginnen heute die Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie Nordrhein-Westfalen.

Dabei geht es wohl um mehr, als um die rund 700 000 Beschäftigten in den Betrieben an Rhein, Ruhr, Sieg und Lenne. Ein Abschluss in NRW könnte bundesweit in den Bezirken übernommen werden. Bis dahin liegt noch viel Arbeit vor Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern – immerhin eine gut 50-köpfige Delegation. Die IG Metall fordert 5,5 Prozent mehr Einkommen für die zwölf Monate, verbesserte Regelungen zur Altersteilzeit und, ganz neu, eine tarifliche Bildungsteilzeit. Die Arbeitgeberseite hat bislang, diplomatisch formuliert, extrem zurückhaltend reagiert. Die WESTFALENPOST hat mit IGM-Verhandlungsführer Knut Giesler über die Tarifverhandlungen gesprochen:


Frage: Die Tarifparteien der Metall- und Elektroindustrie NRW treffen sich erstmals in Siegen – ein gutes Pflaster für die Verhandlungen?

Knut Giesler: Wir haben uns schon länger entschieden, mit den Verhandlungen in ganz verschiedene Regionen zu gehen. Die letzte Tarifrunde haben wir in Bielefeld gestartet – jetzt sind wir in Siegen, der drittgrößten IG Metall-Region in NRW.


Wie wird die erste Runde aller Voraussicht nach ablaufen und wie sieht der weitere Fahrplan aus?
Wir haben sehr gute Gründe für unser anspruchsvolles Forderungspaket. Und wir wissen um die absehbar gute wirtschaftliche Entwicklung. Zu beidem erwarten wir von den Arbeitgebern eine erste seriöse Antwort. Am 27. Januar verhandeln wir in Düsseldorf. Dieser Termin ist bereits fest vereinbart.


Wie wichtig ist die Wahl des Verhandlungsortes?
Wir rechnen mit zahlreichen Mitgliedern zu einer Auftaktaktion vor Verhandlungsbeginn. Sie drängen auf Lösungen – für mehr Geld, für gesicherte Altersteilzeit und für eine neue Bildungsteilzeit. Das wird die erste Verhandlung prägen, nicht der Tagungsort.


. . . oder ist das Verhältnis der Verhandlungsführer, auf der einen Seite Sie für die IG Metall, auf der anderen Seite der Attendorner Unternehmer Arndt Kirchhoff für die Arbeitgeber, wichtiger?
Verhandelt wird immer vom ganzen Team. Bei uns ist das die Verhandlungskommission. Dass ich Herrn Kirchhoff schon länger kenne, ist für eine Lösung sicher kein Nachteil. Einzig entscheidend ist aber, dass am Ende die Inhalte stimmen.


Ein Abschluss in NRW könnte bundesweit den Durchbruch bedeuten. – Ist die enorme Erwartungshaltung gut oder eher hinderlich für die Verhandlungen?
Gut ist, dass wir in NRW abschlussfähig sind. Wo wir die besten Lösungen erreichen, wird sich noch erweisen.


Wird es Ihrer Einschätzung nach zu Streiks kommen und rechnen Sie mit einer langen Auseinandersetzung?
So wie die Arbeitgeberseite bisher auf unsere Forderungen bereits reagiert hat, stellen wir uns auf eine sehr zugespitzte Auseinandersetzung ein. Die Friedenspflicht endet am 28. Januar und wir sind auf alle Szenarien vorbereitet.


Wo sehen Sie den größten Streitpunkt auf dem Weg zu einem Abschluss?
Die Arbeitgeber wollen am liebsten ganz allein entscheiden. Ohne verlässliche Ansprüche der Beschäftigten, mit purer Freiwilligkeit für die Arbeitgeber, wird es aber nicht gehen. Sie müssen ihre starre Haltung aufgeben. Zu allen drei Forderungen brauchen wir eine gute Lösung für den Tarifabschluss.