Das aktuelle Wetter NRW 9°C
Verbraucherschutz

Wie mit Testsiegeln geschwindelt wird

10.08.2009 | 11:02 Uhr
Wie mit Testsiegeln geschwindelt wird

Essen. Das Vertrauen der Verbraucher in die Urteile von Stiftung Warentest oder Öko-Test ist hoch. Ein gutes Testergebnis kurbelt den Verkauf daher kräftig an. Das ruft dreiste Trickser auf den Plan. Sie drucken falsche oder alte Siegel auf Produkte und Prospekte - und haben wenig zu befürchten.

Auf Käufer haben sie die Wirkung eines Magneten. Testsiegel mit den Bestnoten „sehr gut“ und „gut“ bieten Orientierung im Dschungel der Warenwelt. Fast 90 Prozent der Verbraucher vertrauen den Urteilen der „Stiftung Warentest“. Auch Konkurrent „Öko-Test“ wird von 80 Prozent als verlässlicher Produkt-Richter bewertet. Den Herstellern und Händlern bringt das bares Geld. Studien belegen: Gute Testurteile können den Marktwert einer Ware um bis zu 30 Prozent steigern.

Markantes "T": Das Cover des Stiftung-Warentest-Hefts August 2009 mit dem aktuellen Logo. Foto: Stiftung Warentest

So drucken die Werber die Testsiegel fleißig auf Prospekte und Produkte. Zumal sie das kaum etwas kostet: Für das Logo mit einem Testergebnis zahlen sie 500 Euro an die Stiftung Warentest und dürfen es beliebig oft verwenden. „Wir halten den Betrag bewusst gering, damit auch kleinere Firmen sich das leisten können“, sagt Winfried Ellerbrock von Stiftung Warentest. Um so größer ist der Ärger der Tester, wenn der gute Ruf der Siegel immer wieder durch dreiste Trickser gefährdet wird. Bis zu 100 Missbrauchs-Fälle mit Stiftung-Warentest-Logos verfolgt der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) jedes Jahr. Bei Öko-Test werden jährlich bis zu 40 Fälle erfasst.

„Methoden immer ausgefeilter“

Die Mitarbeiter von Öko-Test erwischen eher kleinere Firmen beim Mogeln. Doch auch große Unternehmen und Discounter schrecken vor Siegel-Schwindel nicht zurück. Der Elektronikfachmarkt „Saturn“ pries ein Handy, einen Camcorder und einen Fernseher mit einem Testurteil an, das eigentlich einer Mikrowelle galt. In einem Prospekt der Supermarktkette „Real“ bedruckte man gleich eine komplette Shampoo-Serie mit dem Prädikat „gut“, obwohl nur ein einziges Shampoo getestet wurde. „Die Methoden werden immer ausgefeilter“, sagt Helke Heidemann-Peuser, Leiterin des Rechtsreferats beim VZBV. So setzte „Aldi Nord“ das Testsiegel für eine Hotline in einer Werbebroschüre so dicht neben das Bild eines Notebooks, dass der Glanz der Bestnote auch auf dieses Produkt abfärben konnte.

„Den Missbrauch von Testsiegeln gibt es in allen Branchen. Besonders auffällig sind allerdings die Matratzenhersteller“, sagt Ellerbrock. Auch die Palette der Tricks ist vielfältig. Beliebt ist die Werbung mit veralteten Tests, bei denen das Produkt noch besser abgeschnitten hat. „Die Kriterien können sich in der Zwischenzeit jedoch verändert oder verschärft haben, sodass dasselbe Produkt in einem aktuellen Test schlechter benotet wird“, sagt Heidemann-Peuser. Gerne wird auch die Bewertung für ein Produkt auf eine komplette Serie oder gar ein völlig anderes Produkt übertragen. Hier und da werben die Siegel-Sünder auch einfach mit einer Einzelnote, die aus dem Gesamturteil hervorsticht.

Auf Hinweise der Verbraucher angewiesen

Manche Werber entwerfen sogar ihr eigenes Logo. Um sich von diesen schwarzen Schafen abzuheben, hat die Stiftung Warentest im vergangenen Jahr ein neues Testsiegel entwickelt: Der Verbraucher erkennt das Original jetzt am großen „T“ auf rotem Grund.

Bei Matratzen wird besonders häufig geschwindelt. Foto: imago

Für die Tester selbst ist es unmöglich, die korrekte Verwendung der Siegel zu überprüfen. Sie sind auf Hinweise von Verbrauchern und manchmal auch von Konkurrenten der Firmen angewiesen. Bei Missbrauch von Siegeln der Stiftung Warentest schreitet der VZBV ein. „Die meisten Unternehmen sind bereit, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben“, sagt Juristin Heidemann-Peuser. „In höchstens einem Viertel der Fälle müssen wir Klage wegen unlauteren Wettbewerbs erheben.“ Verstößt eine Firma wiederholt gegen ein Unterlassungsurteil, kann ein Ordnungsgeld verhängt werden.

Siegel-Sünder haben nur wenig zu befürchten

In der Regel haben die Siegel-Schwindler jedoch wenig zu befürchten. „Das Verfahren ist mit erheblichem Zeitaufwand verbunden“, sagt Heidemann-Peuser. „Zudem müssen wir nachweisen, dass das Unternehmen vorsätzlich gehandelt hat.“ So wie im Fall des Discounters „Lidl“, der beharrlich mit einem alten Testsiegel für eine Matratze warb. Der VZBV leitete ein Gewinnabschöpfungs-Verfahren ein. Ein Musterprozess, bei dem sich Lidl schließlich verpflichtete, 25.000 Euro zu zahlen. Das Geld floss in die Kasse des Bundesjustizministeriums.

Öko-Test-Chefredakteur Jürgen Stellpflug hofft auf die abschreckende Wirkung des Lidl-Urteils. Wirtschaftsexperten haben jedoch ihre Zweifel, dass der Siegel-Missbrauch gestoppt werden kann. „Diese Summen bestreiten Unternehmen wie Lidl aus der Portokasse. Firmen haben bis dato rechtlich nur sehr wenig zu befürchten“, sagt Manfred Krafft, Professor für Marketing an der Universität Münster.

Da bleibt dem Käufer nichts anderes übrig, als genau hinzuschauen. Quelle, Datum und Gegenstand des Test müssen ebenso angegeben werden wie die Ergebnisse der Konkurrenz-Produkte. Winfried Ellerbrock empfiehlt, den Test im Zweifelsfall auf der Homepage der Stiftung Warentest nachzulesen oder den Leserservice anzurufen. Denn eines wollen die Tester auf keinen Fall verlieren: das Vertrauen der Verbraucher.

Melanie Bergs

Facebook
 
Videos die Sie interessieren könnten
Kommentare
08.06.2010
10:05
Wie mit Testsiegeln geschwindelt wird
von PS | #17

Hallo, ich wüsste gerne, welche Studien den zu Beginn genannten Infos zugrunde liegen. (90% vertrauen der Stiftung Warentest und +30% Marktwert)

10.08.2009
16:44
Wie mit Testsiegeln geschwindelt wird
von Pit01 | #16

Altbekannt: Testsiegel eines alten Tests aufdrucken, doch das neuere Produkt schon geändert, nicht immer zum Besten. Insofern ist es schon mal im Sinne des Wortes Etikettenschwindel.

10.08.2009
10:51
Wie mit Testsiegeln geschwindelt wird
von G. | #15

@scorpionx: Interessante Entwicklung - Hauptsache da tut sich keine neue Alte-Säcke-Blase auf. Wir wollen ja nicht, dass auch die verheizt werden... ;)
Übrigens: Bei den neusten Anschlägen der ETA auf Mallorca sollen keine Kartoffeln beteiligt gewesen sein. Aber es soll vielfach in der Bevölkerung (weltweit) immerwieder von Säcken gesprochen worden sein. Ein direkter Zusammenhang wurde bisher nicht bestätigt. Laien erklären, dass diese Entwicklung großteilig auf die jeweiligen Regierungsleistungen zurück zu führen sein.

Und:
Experten warnen.


*wirdnekolumnedraus?*

10.08.2009
10:19
Wie mit Testsiegeln geschwindelt wird
von scorpionx | #14

@ G. (noch) #10;
ticker-tacker ... neue meldung, neue situationsanalyse --- nachdem der sackindex, aufgrund mangelnder nachfrage, drohte durch das börsenparkett zu schlagen, haben die lupenreinen entscheider vor ort, blitzschnell und geistesgegenwärtig damit reagiert, dass jetzt der komplette restbestand an leeren säcken, nach kurzer umschulungs- und einarbeitungszeit, als strategische mitarbeiter in der versorgungsbanche dienlich sein soll ... es wurde, so heißt es aus gut informierten kreisen, bereits an anderer stelle und dort äußerst erfolgreich, mit einem leeren ausgedienten sack, dahingehend erfahrung gesammelt ...
--- die empirischen untersuchen stammen demnach, wohl prompt aus der gas(z)versorgung ...

*die-woche-scheint-spannend-zu-beginnen*

10.08.2009
07:32
Wie mit Testsiegeln geschwindelt wird
von Christian123456 | #13

@ Kollektiv:
Mit ein bisschen Nachdenken wären Sie darauf gekommen, dass das Siegel, dass Sie meinen nichts mit dem Siegel von Stiftung Warentest oder mit Öko-Test zu tun hat. Insofern ist Ihr Kommentar albern.

@ Redaktion: Das Test-Siegel, das Aldi-Nord angeblich missbraucht, besagt EINDEUTIG, wofür das Testurteil ist. Hier Missbrauch vorzuwerfen, bedarf schon einiger Fantasie. Sollen die das Siegel ganz in der Ecke vom Prospekt abbilden?

10.08.2009
00:58
Wie mit Testsiegeln geschwindelt wird
von hamicha | #12

Testsiegel oder Testberichten in diversen Magazinen ( auch Warentest ) : allen traue ich nicht mehr . Ich denke einfach (aus Erfahrung klug ) , daß ein Produzent jeglicher Ware nur genügend Kohle rüberschieben muß, um mit positiven Testergebnissen den Absatz zu fördern. Das löhnt er dann aus der Portokasse.

10.08.2009
00:27
Wie mit Testsiegeln geschwindelt wird
von maped | #11

hehe :-)

09.08.2009
20:53
Wie mit Testsiegeln geschwindelt wird
von G. | #10

@ scorpionx: immer noch #2 8D
+ Das in Sibirien soll eine Ente gewesen sein -
die putinnahe Regierung soll vorhin bekannt gegeben haben, dass der Kartoffelsack noch stünde und dass von einer Absicht eine Änderung seiner Position in Bezug zur Regierung vornehmen zu wollen, nicht gesprochen werden könne.
Hingegen wurde aus hiesigen Polit-Bänkerkreisen berichtet, dass die Kartoffeln gestohlen worden seien. Daher sei nicht mehr von einem Kartoffelsack, sondern nur noch von einem Sack zu sprechen, welcher jetzt aber als Containerschiff bilanziert werden muss, um das Finanzsystem auch weiterhin stabil zu halten.
Da rein physich der leere Sack allerdings mangels Masse gar nicht zum Umfallen neige, müsse auch das Risiko jetzt neu bewertet werden. Man habe aber die Erwartung, dass sich die Situation schnell verbessere und sich der Sack wieder fülle, da die Diebe für die Lagerung und den Transport von Kartoffeln ja ein geeignetes Behältnis benötigen. Hinter vorgehaltener Hand wurde auch ein mögliches Gesetzt angekündigt, das Besitzer von Kartoffeln zur Bewahrung in Säcken verpflichten soll, um diese Wirkung zu erzeugen.
Sie rechnen also mit steigender Kartoffelsack-Nachfrage und investieren bereits in die Rohstoffe und Textilindustie. Es sollen auch Arbeitsplätze dabei geschaffen werden - so kündigte einer der Herren an künftig noch stärker sein Leben nach italienischem Vorbild führen zu wollen.

*Sonntagseben*

09.08.2009
20:49
Wie mit Testsiegeln geschwindelt wird
von dasKollektiv | #9

Das Siegel (von lat. sigillum, Bildchen) ist eine Form der Beglaubigung von Urkunden und damit hochstrafbar, aber bei der deutschen Justits...

09.08.2009
19:55
Wie mit Testsiegeln geschwindelt wird
von das gewissen der brd | #8

Den Missbrauch von Testsiegeln gibt es in allen Branchen
Die Methoden werden immer ausgefeilter“, sagt Helke Heidemann-Peuser, Leiterin des Rechtsreferats beim VZBV.
In der Regel haben die Siegel-Schwindler jedoch wenig zu befürchten. „Das Verfahren ist mit erheblichem Zeitaufwand verbunden“, sagt Heidemann-Peuser.

Schön ihr Pappnasen von der VZBV, dann ändert doch eindeutig die Regeln.
Kein Gütesiegel darf älter als 3 Jahre alt sein, darf nur für ein Einzel-Produkt gelten und auf dem Siegel muss das Einzel-Produkt aufgeführt sein. Die VZBV legt in einem Regelwerk die Werbekriterien für die Unternehmen fest, die mit einem Gütesiegel ihre Produkte anpreisen.
Unternehmen, welche durch Schummeln aufgefallen sind dürfen mit die nächsten 5 Jahre mit keinem Siegel für ihre Gesamtproduktionspalette mehr werben. Hierfür sind kräftige Strafen in einem Gewinnabschöpfungs-Verfahren gegen das Unternehmen anzusetzen ohne das über die Minderung der Strafe herumprozessiert werden darf.

Fällt ein Kunde auf ein Produkt mit einem falschen Siegel herein, hat er das Recht diesen Artikel für ihn kostenneutral wieder zurückzugeben und das Geld hierfür bar zurückzubekommen. Gleichzeitig steht ihm ein Schadenersatzanspruch im 5-fachen Wert des Artikels in bar zu.

Auch bleibt dem Käufer im Vorfeld nichts anderes übrig, als genau hinzuschauen. Quelle, Datum und Gegenstand des Test müssen ebenso angegeben werden wie die Ergebnisse der Konkurrenz-Produkte. Winfried Ellerbrock empfiehlt, den Test im Zweifelsfall auf der Homepage der Stiftung Warentest nachzulesen oder den Leserservice anzurufen. Denn eines wollen die Tester auf keinen Fall verlieren: das Vertrauen der Verbraucher. Stimmt - das kann der Konsument selber zu seinem eigenen Schutz tun und gleichzeitig den VZBV über das Vergehen des Anbieters informieren.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/75746/create

Umfrage
Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Das Samsung Galaxy S III
Bildgalerie
Smartphones
Die wertvollsten Marken der Welt
Bildgalerie
Markenvergleich
"Lasst Opel nicht sterben"
Bildgalerie
Opel Bochum
Aus dem Ressort
Deutsche Textilfirmen entdecken „made in Marokko“
Mode
Konzerne wie Zara oder Diesel lassen verstärkt ihre T-Shirts und Jeans in Afrika fertigen. Die Vorteile gegenüber China liegen auf der Hand: Es ist preisgünstiger – und schneller. Kritiker sorgen sich allerdings um die Näherinnen.
13.200 Schlecker-Frauen ohne Job - Verdi gibt Politik Schuld
Schlecker
Der Gläubigerausschuss beschließt die Abwicklung des insolventen Unternehmens, da keine wirtschaftliche Perspektive erkennbar sei. 13.200 Beschäftigte verlieren damit endgültig ihren Arbeitsplatz. Gleichzeitig entbrannte ein Streit, wer für die Schlecker-Pleite verantwortlich ist.
Text 46 Kommentare 46