Wenn der Postbote zum Altenpfleger wird

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Essen/Mülheim.. Der Postbote als eine Art Altenpfleger: „Post Persönlich“ heißt ein Angebot, das im Juli in den Ruhrgebietsstädten Gelsenkirchen und Mülheim eingeführt wird. Das Konzept: Briefzusteller der Deutschen Post sollen auf ihrer gewohnten Runde künftig bei den Kunden klingeln, sie „in Augenschein nehmen“ und – wenn nötig – Hilfe organisieren. Dazu kooperiert die Post mit der Johanniter-Unfall-Hilfe, dem nach eigenen Angaben bundesweit größten Pflegedienstleister. Dort sieht man das Angebot als Ergänzung zum bisherigen Hausnotruf.

„Wir hoffen, uns ein neues Geschäftsfeld zu erschließen“, erklärt ein Postsprecher. Die Aussichten sind offenbar gut: „Es gibt viele alte Menschen, denen Kontakte fehlen“, sagt Beate Linz, Leiterin des Geschäftsbereichs „Leben im Alter“ der Diakonie in Düsseldorf. Die Idee der Post, sagt sie, „klingt ganz pfiffig“. Gleichwohl: Experten haben auch Kritik.

Vorbild: USA und Frankreich

Die Post in den USA und in Frankreich ist Vorbild für das deutsche Pilotprojekt. Gelsenkirchen und Mülheim sind in Deutschland das Test-Gebiet. „Weil es dort besonders viele ältere Menschen gibt“, erklärt ein Postsprecher. Im Blick sind Menschen, die sich noch zuhause selbst versorgen, aber denen soziale Kontakte fehlen. „Post Persönlich“ soll ihnen „die beruhigende Gewissheit geben, dass täglich eine vertraute Person nach ihnen schaut“.

Doch das Post-System hat seine Tücken: Die Postzusteller wechseln, bei 38,5 Stunden haben die Beschäftigten einen Werktag in der Woche frei. Sonntags gibt’s den Service nicht, auch nicht montags, „weil da zu wenig Post anfällt und die Zusteller nicht alle Haushalte anlaufen“, erklärt das Unternehmen. Im Angebot sind Besuche dienstags bis freitags oder zusätzlich am Samstag. Der Preis: 37,50 Euro oder 42,50 Euro je Monat.

Eine zweifelhafte Dienstleistung?

Die Gewerkschaft DPVKom stößt sich daran, dass Postzusteller noch mehr Aufgaben erledigen sollen. Extra-Geld soll es für die Zusteller nicht geben, sondern ein „Zeitkontingent“. Bei der Gewerkschaft ist von ein bis zwei Minuten die Rede – pro Kunde und für die Frage „Wie geht’s Ihnen?“, das Warten auf die Antwort und gegebenenfalls eine Meldung an die Johanniter-Unfallhilfe. Doch Pflege-Experten wissen: Es kann sehr lange dauern, bis ein älterer Mensch an der Wohnungstür ist. Michaela Gehms vom Sozialverband Deutschland hält das „Persönlich“-Angebot „für eine zweifelhafte Dienstleistung“, und der Preis sei vergleichsweise hoch. „Hausnotruf-Systeme kosteten je Monat um die 20 Euro, die meist die Krankenkasse übernimmt“, sagt Cornelia Harrer, die beim Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW Expertin für Senioren- und Quartiersarbeit ist. Sie bemängelt auch, „dass die Post zwischenmenschliche Beziehungen auf Dienstleistungen verlagert“. Statt eines „cleveren Geschäftsmodells“ sollte man vielmehr Nachbarschaften sensibilisieren. „Es wäre besser, wenn jeder auf seinen Nachbarn schaut und sich verantwortlich fühlt.“

Ehrenamtliche Hilfe eine Alternative

Alternativen zum Postangebot gebe es, „auch wenn sie schwer zu finden sind“, räumt Michaela Gehms vom Sozialverband Deutschland ein. Kirchen, Sozialträger auch Nachbarschaftshilfen bieten in vielen Orten ähnliche Dienste an, häufig ehrenamtlich. Anlaufstellen, wo man sich über Angebote vor Ort informieren kann, können die örtlichen Pflegestützpunkte sein oder die Landesstelle Pflegende Angehörige in Münster.