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Was die Textilriesen gegen Katastrophen wie in Bangladesch tun können

13.05.2013 | 18:33 Uhr
Was die Textilriesen gegen Katastrophen wie in Bangladesch tun können
Die Folgen des Fabrikeinsturzes in Bangladesch waren verheerend: Mehr als 1000 Menschen starben in den Trümmern. Nicht erst seitdem stehen Textilriesen in der Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, nicht genug gegen die katastrophalen Produktionsbedingungen zu tun.Foto: dpa

Berlin.   Nach dem Fabrikeinsturz in Bangladesch mit mehr als 1000 Toten sollen die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden. Noch wichtiger ist allerdings die Frage, wie solche Katastrophen in Zukunft vermieden werden. Zwei Wege stehen zur Diskussion.

Mehr als 1000 Tote, noch immer viele Vermisste, so lautet die vorläufige Schreckensbilanz des Einsturzes einer Textilfabrik in Bangladesch, in der auch Kleidung für Deutschland genäht wurde. Das täglich wachsende Ausmaß der Katastrophe lässt die Frage nach der Verantwortung westlicher Textilkonzerne lauter werden.

In Bangladesch wurden neun Menschen festgenommen, gegen den Hausbesitzer wird wegen Mordes ermittelt. Die EU drohte dem Billiglohnland mit Strafmaßnahmen, sollten die Sicherheitsstandards nicht verbessert werden.

Hunderte Textilfabriken geschlossen

Der Verband der Textilhersteller und -exporteure von Bangladesch reagierte am Montag: Rund 500 Fabriken im Industriekomplex Ashulia sind ab Dienstag geschlossen – für immer. Grund dafür sind nach Verbandsangaben die Proteste: Laut Polizei hatten am Montag die Arbeiter von rund vier Fünftel der Fabriken ihren Arbeitsplatz verlassen.

Zur Diskussion steht auch die Verantwortung der Auftraggeber, etwa des Textil-Discounters KiK. Das Unternehmen hat eingeräumt, in dem eingestürzten Gebäude seien bis Jahresanfang auch Produkte für KiK gefertigt worden.

Immer wieder kommt es zu Unfällen und sozialen Missständen in der Zulieferkette deutscher Unternehmen. So starben im vergangenen Jahr mehrere hundert Arbeiterinnen und Arbeiter beim Brand einer Textilfabrik in Pakistan, die ebenfalls für KiK nähte. Die kurzfristige Empörung ist jedes Mal groß. Aber wie lässt sich so etwas grundsätzlich verhindern?

Pflicht zur Haftpflicht?

Christian Lahnstein vom Rückversicherer Munic Re beobachtet seit Jahren die weltweiten Entwicklungen des Haftungs- und Versicherungsrechtes. Er regt an: „Firmen wie KiK sollten von ihren Zulieferfirmen einen Nachweis verlangen, dass diese eine lokale Betriebshaftpflichtversicherung in ausreichender Höhe abgeschlossen haben.“

Bangladesch
Textil-Discounter Kik gerät in Erklärungsnot

Nach dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch mit 433 Toten räumen die Handelsketten Primark, NKD, Benetton und Mango ein, direkt oder indirekt Kleidungsstücke aus der Unglücksfabrik bezogen zu haben. Auch Kleidungsstücke des Discounters Kik sollen unter den Trümmern gefunden worden sein.

Heute ist dies kaum der Fall. Zwei Varianten bieten sich an: Entweder verlangen Unternehmen wie KiK freiwillig, dass ihre Zulieferer Versicherungsverträge unterschreiben. Oder der Bundestag beschließt eine Gesetzesänderung, die dies erzwingt. Überlebende und Angehörige der Opfer in Bangladesch wären dann eher in der Lage, Entschädigungen zu erstreiten.

Ist das nur der durchsichtige Vorschlag eines Versicherungsunternehmens, das mit derartigen Risiken Geld verdient? Lahnstein argumentiert: Wenn obligatorische Betriebshaftpflichtversicherungen existierten, würden die lokalen Versicherungsunternehmen eher darauf achten, dass Fabriken die Sicherheits- und Arbeitsschutzregeln einhalten. Schließlich wollen sie finanzielle Belastungen aus Schadensfällen möglichst klein halten. Die Hoffnung: Dass Fabrikbesitzer marode Gebäude illegal aufstocken oder Notausgänge unpassierbar machen, käme so seltener vor.

Klagemöglichkeit in Deutschland

Juristin Miriam Saage-Maaß von der Menschenrechtsorganisation ECCHR sieht dagegen die Politik in der Pflicht. Sie fordert, das deutsche Parlament und die Regierung sollten die Unternehmen zu mehr Sorgfalt verpflichten. „Die Sorgfaltspflicht des ordentlichen Kaufmanns ist bereits Bestandteil deutschen Rechts“, sagt Saage-Maaß.

Lesen Sie auch:
Primark entschädigt Einsturz-Opfer von Bangladesch

Der irische Bekleidungshändler Primark will nach dem Einsturz eines Hauses in Bangladesch Opfer und Hinterbliebene entschädigen. Ein Lieferant der Billig-Kette hatte eine Etage in dem achtstöckigen Gebäude in Dhaka angemietet. Auch eine kanadische Suopermarktkette kündigte Hilfe an.

Sie schlägt nun vor, diese Pflichten für Firmen zu erweitern. Als Bezugspunkt bieten sich unter anderem die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) an, sagt die Juristin. Diese sehen Existenz sichernde Löhne und Mindeststandards beim Arbeitsschutz vor. Ebenso das Recht der Beschäftigten, sich in unabhängigen Gewerkschaften zu organisieren. In vielen Ländern dieser Welt stehen diese Grundsätze bislang aber nur auf dem Papier.

Das könnte sich ändern, wenn deutsche Unternehmen zu größerer Sorgfalt verpflichtet wären. Die Arbeiter der Zulieferfabriken bekämen die Möglichkeit, ihre Rechte vor deutschen Gerichten einzuklagen. Das würde auch für die Betriebshaftpflicht und die entsprechenden Entschädigungen gelten.

Hannes Koch



Kommentare
14.05.2013
09:08
Was die Textilriesen gegen Katastrophen wie in Bangladesch tun können
von KuKu | #8

Ein Problem ist, das die sogenannten "Sozialsysteme" in den reichen Ländern diese Fabriken dringend benötigen. In einem Land wie Deutschland, in dem immer weniger Lohn für Arbeit gezahlt wird, in dem immer mehr Menschen mit ganz wenig Rente oder sehr wenig Sozialentgelt auskommen müssen, ist es für die Politik und Manager/Arbeitgeber fast überlebenswichtig, dass die Menschen sich überhaupt noch Kleidung kaufen können. Damit dieses "System" hier bei uns noch funktioniert, arbeiten Unternehmer, Politiker bei uns mit den Unternehmen in Bangladesch und anderen Drittweltländern zusammen. Wenn Menschen aus diesen Staaten dann aufgrund dieser, von Deutschland mitverursachten besch.. Bedingungen, hierher fliehen, wo es wenigstens was zu Essen gibt, werden sie als Armutsflüchtlinge auch noch für den Niedergang der Sozialsysteme von denen verantwortlich gemacht, die hier nichts haben. So funktioniert Kapitalismus. Die Benachteiligten dieser Welt machen sich noch gegenseitig dafür verantwortlich.

14.05.2013
07:50
Was die Textilriesen gegen Katastrophen wie in Bangladesch tun können
von Faltengesicht | #7

Nichts .Solange die Geiz ist Geil Menthalität herscht wird sich nichts ändern.Das Beispiel Nokia hat doch gezeigt das selbst Produktionen in Rumänien noch zu teuer sind.Also zieht diese Heuschrecke weiter .Genauso ist es mit den Textilherstellern .
Vor einiger Zeit war einmal ein Bericht über die Produktion von Edelbuchsen in Asien .
War schon interessant wer da alles fertigen läßt .Angefangen bei Kik ,H & M ;Mustang , und noch einige Edelmarken . Die Produktioskosten pro Hose liegen bei 2-3 € ,liegen aber hier im Hochpreisbereich,nur weil sie gerade einmal in sind .
Wenn man eine Änderung erreichen will muss man die Länder in Asien unter Druck setzen,das Aufträge nur noch vergeben werden ,wenn Arbeitsbedingungen geschaffen werden die Menschwürdig und Gerecht sind .Aber das wird nicht passieren ,weil die Handaufhaltenmenthalität viel zu groß ist .

1 Antwort
Was die Textilriesen gegen Katastrophen wie in Bangladesch tun können
von KuKu | #7-1

Kik und H & M Edelmarken im Hochpreisbereich?

13.05.2013
23:13
Was die Textilriesen gegen Katastrophen wie in Bangladesch tun können
von Shy_Eye | #6

....rgen. Die Politik ist natürlich auch gefragt. Aber was den Menschen NICHT hilft, dass wenn sie arbeitslos werden. Unternehmen machen fette Gewinne und geizen. Ich find das abartig.

13.05.2013
23:10
Was die Textilriesen gegen Katastrophen wie in Bangladesch tun können
von Shy_Eye | #5

Wie ich es einfach nur Leid bin, die Ausreden großer und sehr reicher Unternehmen zu hören. Diese brutale Gier. Was bitte soll eine Versicherung hier machen? Wir brauchen für diese Produktionsstätten Brandsicherheit, Natürlich ein sicheres Gebäude, Arbeitssicherheit, Arbeitskleidung, Mundschutz, Filtetsysteme weil.Due ganze Chemie in die Gewässer läuft, humane Arbeitszeiten und einen angemessenen Lohn.

Auf Rtl wurde gesagt, dass 20ct mehr, einen doppelten Lohn für die Arbeiter bringen würde und ich denke 20ct sind wir alle bereit zu zahlen. Und alles andere sind "einmalige Investitionen" und der Euro hat einen starken Wechselkurs in solchen Ländern, das heißt, dass 10.000 wahrscheinlich mind das Doppelte in Indien "ich kenn den Wechselkurs Grad nicht. Ich versteh auch überhaupt nicht wieso hier immer nur über Kik gesprochen wird, solche Produktionsstätten werden von fast allen Modeunternehmen angeschrieben. Diese Millionenschweren Unternehmen sollen für eine sichere Betriebsstätte so

1 Antwort
Was die Textilriesen gegen Katastrophen wie in Bangladesch tun können
von Der.Luedenscheider | #5-1

20 Cent mehr machen nur den Fabrikbesitzer reicher. Deutsche Unternehmen können kaum durchsetzen, dass viel mehr gezahlt wid. Es gilt ein örtliches Rechtssytem.

Viel schwieriger ist, dass es kaum kontrollierbar ist-. Wenn dann eine Fabrik nach allen neuesten Sicherheitsstandards gebaut wird, wird die nur zu Showzwecken oder als "Showroom" genutzt. D. h. so lange ein Inspekteur vor Ort ist, wird da auch relativ viel Ware produziert. Der Grossteil der Ware kommt aber aus einer ganz anderen Fabrik, von der weder der deutsche Kunde wie KiK, etc. und auch die Inspekteure nix wissen. Der Auftrag wird an eine Fabrik vergeben, aber die Produktion kann ganz woanders stattfinden. Das kann auch mit heutigen sozialen Audits nicht sichergestellt werden. Dafür sind dort viel zu viele Fabriken und herrscht viel zu viel Korruption in diesen Ländern.

13.05.2013
21:02
Apfelkompott | #1
von schRuessler | #4

"Die Frage ist auch, was wir als Verbraucher machen können"

Die Frage ist leicht zu beantworten. Nichts.

Ob ich mir morgen bei KIK ne neue Unterhose kaufe oder nicht, ändert an den Gegebenheiten in Bangladesh überhaupt nichts.

Zum einen ist der weltweite Markt viel zu groß, als ob man veränderte Kaufgewohnheiten in einem Land irgendetwas bewegen könnte.
Zum anderen werden die Geschäftemacher in Bangladesh und anderswo die Menshcen dort weiter ausbeuten, selbst wenn wir als Kunden wegfallen.

Das einzige, was ein Boykott bewirken würde, wäre, dass wir ein besseres Gewissen hätten, wenn das nächste Mal was passiert. "Wir können nicht dafür, wir haben da nicht gekauft".

Zumindest, bis sich dann herausstellt, dass der teure Designerladen, wo wir jetzt kaufen, auch da produzieren lässt.

13.05.2013
20:53
Die private WIrtschaft kann da gar nichts tun.
von meigustu | #3

weil es immer einen Gewissenloseren geben wird, der asozial handelt.

Der Staat kann was tun, Sozialabgaben abschaffen und stattdessen eine Versicherung für alle Bürger - finanziert durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer.

So fällt ein unfairer Kostenvorteil für Importprodukte weg.

13.05.2013
20:35
Was die Textilriesen gegen Katastrophen wie in Bangladesch tun können
von Hutmacher | #2

Apfelkompott, was schlägst Du vor? ich habe ein bißchen mehr Geld als Hartz IV, wie kann ich mich globalverträglich verhalten?

13.05.2013
20:28
Was die Textilriesen gegen Katastrophen wie in Bangladesch tun können
von Apfelkompott | #1

Die Frage ist auch, was wir als Verbraucher machen können. In erster Linie natürlich nachdenken und hinterfragen, wie es sein kann, dass es T-Shirts für 4 oder Hosen für 10 Euro gibt. Auch und gerade unseren Nachwuchs sollten wir beibringen, unter welchen Bedingungen solche Billigsachen hergestellt werden. Dies ist natürlich umso schwieriger, solange es Presse gibt, wie diese Zeitung, die etwa für Billigtextiler, wie Primark, einen kostenfreien Werbeartikel nach dem anderen veröffentlicht. Angefangen von der tollen Eröffnungsfeier, dem tollen Andrang bis über die tolle Facebook-Community der Billigketten. Dies gilt übrigens nicht nur für Primark, sondern auch für die ganzen anderen Billigheimer.

1 Antwort
Was die Textilriesen gegen Katastrophen wie in Bangladesch tun können
von IIDottore | #1-1

Das Schlimme ist ,daß man nicht einmal dann ,wenn man teurere Marken kauft ,davor gefeit ist ,blutbefleckte Kleidung zu bekommen . In den Trümmern er eingestürzten Fabrik wurden Hemden , die für Benetton genäht wurden ,gefunden .
Zara und Mango wurden von denen beliefert . Das sind alles Marken in einem Preissegment weit über Kik und Primark ...

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