Warum wir uns im Supermarkt künftig öfter selbst abkassieren

Eine SB-Kasse in einem IKEA-Möbelhaus: Laut einer Studie nutzen sie 20 Prozent der Befragten regelmäßig. Aktuell sind bundesweit nur rund 1000 dieser Kassensysteme im Einsatz.
Eine SB-Kasse in einem IKEA-Möbelhaus: Laut einer Studie nutzen sie 20 Prozent der Befragten regelmäßig. Aktuell sind bundesweit nur rund 1000 dieser Kassensysteme im Einsatz.
Foto: Knut Vahlensieck
Zwar sind Selbstbedienungskassen in Deutschlands Einkaufsmärkten noch eine Randerscheinung. Verdi befürchtet dennoch den Verlust von Arbeitsplätzen.

Essen.. Sie findet sich in IKEA-Filialen, in Baumärkten und auch in ausgewählten Supermärkten der Ketten Rewe, Real und Edeka: die Selbstbedienungskasse. Im Raum Leverkusen nutzt sogar eine lokale Bäckerei-Kette neuerdings den "Self-Checkout Service", bei dem der Kunde zum eigenen Kassierer wird. Lange Wartezeiten gerade beim schnellen Einkauf zwischendurch sollen so vermieden, Stoßzeiten wie etwa die Mittagspause besser bewältigt werden.

Einzelhandel Doch was beispielsweise in Großbritannien schon seit Beginn des Jahrtausends flächendeckend gang und gäbe ist, ist im deutschen Einzelhandel noch immer eine Randerscheinung. Auch wenn die Zahl der Neuinstallationen von SB-Kassensystemen künftig deutlich ansteigen werde, wie Michael Gerling, Geschäftsführer des Handelsforschungsinstituts EHI, vermutet. Ein Vorzug, der laut Gerling "nicht zu unterschätzen" sei: Durch den Einsatz dieser Technik entstehe eine attraktivere, weil vielseitigere Arbeitsumgebung im Kassenbereich.

Tausend SB-Kassen stehen einer Million herkömmlicher gegenüber

Fakt ist: Etwa 1000 SB-Kassen sind bundesweit in Betrieb, in Großbritannien sind es aktuell über 40.000. Eine verschwindend geringe Anzahl also - erst recht, wenn man sich die mehr als eine Million herkömmlicher Kassen in Deutschland vor Augen führt. Umso bemerkenswerter sind die Ergebnisse, die eine von TNS Infratest durchgeführte Studie im Auftrag des EHI unlängst zu Tage förderte. Demnach kennen 52 Prozent der Bundesbürger diese Form der „Selbstbedienung“ trotz ihrer geringen Verbreitung. Immerhin 20 Prozent der Befragten nutzen SB-Kassen regelmäßig - sofern vorhanden. Gerling dazu: "Dieses Ergebnis hat uns echt vom Hocker gehauen." Zumal er die Annahme, Senioren täten sich im Umgang mit den neuen Geräten generell schwerer, nach eigenen Erfahrungen nicht stützen kann.

15 Irrtümer Der am häufigsten angeführte Grund für die Nutzung von SB-Kassen, nämlich die Zeitersparnis, sei dagegen dem subjektiven Empfinden geschuldet. Tatsächlich sei ein erfahrener Kassierer objektiv betrachtet grundsätzlich schneller als der Kunde, betont Gerling. "Doch ein Kunde fühlt sich schneller und besser, wenn er selbst aktiv werden kann statt anzustehen." Extrem wichtig, das zeigte die Studie auch, sei, dass "der Kunde die volle Kontrolle hat".

Diebstahl-Risiko steigt

Potenzial scheint demnach vorhanden, das EHI beziffert es auf 14 Millionen mögliche regelmäßige Nutzer in Deutschland. Allerdings müsse man Verbraucher gezielter an den SB-Service heranführen, regt der Einzelhandels-Experte an. Denn: "Ein Faktor für die Nicht-Nutzung sind Berührungsängste mit der Technik." Außerdem sagt die Studie aus, dass 42 Prozent der Befragten herkömmliche Kassen nutzen, einfach, weil sie es immer so getan haben. Der Deutsche, das Gewohnheitstier.

Noch einmal der Blick hinüber auf die Insel: Dort ergab eine Anfang 2014 durchgeführte Studie, dass dem britischen Einzelhandel durch Betrug an SB-Kassen, sprich Diebstählen, Einnahmen von rund zwei Milliarden Euro jährlich entgehen. Auch Gerling erkennt ein "deutlich höheres Risiko", das etwa durch Kontrollwaagen unter dem Warenkorb eingedämmt werden soll. Dabei ist das Gewicht eines Artikels im Gerät gespeichert, was Betrugsfälle durch das Scannen falscher Barcodes (oder auch das Nicht-Scannen) eindämmen soll. Aktuell führt das EHI zu diesem Thema eine Befragung bei Händlern und Verbrauchern durch.

Können SB-Kassen Arbeitsplätze kosten?

Wie aber steht es um die Befürchtung, die Anschaffung von SB-Kassen könne Arbeitsplätze kosten, in Zukunft gar eine Rationalisierungswelle nach sich ziehen? Gerling beschwichtigt mittels eines Rechenbeispiels: Betreut lediglich ein Mitarbeiter vier SB-Einheiten, könne zunächst der Eindruck entstehen, 75 Prozent der Arbeitsplätze seien hier weggefallen. Das relativiere sich, wenn man bedenkt, dass der Raum, den diese Zone einnimmt, nur Platz für zwei herkömmliche Kassen biete - die in der Regel auch nicht durchgängig von zwei Kräften besetzt würden. Dazu kommt, dass die Anschaffungskosten deutlich höher ausfielen als für eine handelsübliche Kasseneinheit.

Verdi: "Billigmachern nicht den Weg bereiten"

Ulrich Dalibor, Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, hält dagegen. "Das halte ich, mit Verlaub, für Quatsch", sagt Dalibor, "heruntergebrochen auf einen Markt könnte Herr Gerling vielleicht richtig liegen." Da aber Entscheidungen über Investitionen nun mal nicht auf Markt-, sondern auf Unternehmensebene gefällt würden, folge die Anschaffung von SB-Kassen ganz klar unternehmerischem Kalkül. Dalibor: "Schließlich steigert der Einsatz von SB-Kassen nicht den Umsatz." Nach Möglichkeit aber den Gewinn. "Kosten werden immer nach innen eingespart, dies geschieht dann auf dem Rücken der Arbeitnehmer." Auch die steigende Zahl der Beschäftigten im Einzelhandel etwa durch längere Ladenöffnungszeiten dürfe zu keinem Trugschluss verleiten: "Das sind mehr und mehr Mini-Jobs und Beschäftigungsverhältnisse in Teilzeit."

Dalibors Rat an den Kunden lautet daher: "Wenn man hinnimmt, derart durch den Einzelhandel geschleust zu werden, wird der Trend hin zur SB-Kasse zunehmen." Wer aber Wert auf die Qualität der Ware als auch den Service legt, dürfe "diesen Billigmachern nicht den Weg bereiten".