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Grüner Punkt

Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen

18.07.2013 | 06:15 Uhr
Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen
Abfallentsorgung in Bochum: Der Inhalt der Gelben Tonne ist heiß umkämpft.Foto: Claudia Schütte / WAZ FotoPool

Essen.  Die Kommunen fordern die Abschaffung des Grünen Punktes und wollen selbst den Müll aus der gelben Tonne verwerten. Mit den Gewinnen, die man aus der Verwertung erziele, könne man die Müllgebühren insgesamt senken. Das Kartellamt warnt vor einem neuen Monopol.

Dass sich dereinst die Wirtschaft mit den Städten um all den Verpackungsmüll schlagen würde, ahnte Klaus Töpfer nicht, als er 1991 den Grünen Punkt erfand. Bis dahin landete der Abfall unsortiert auf Müllhalden oder in Verbrennungsanlagen. Es galt durch die Wiederverwertung der Müllberge Herr zu werden. Heute gibt es zu wenig Müll für zu viele Müllverbrennungsanlagen sowie einen erbitterten Kampf um alles, was nicht im Hausmüll, sondern in der gelben Tonne landet. Der leere Joghurtbecher ist heute tatsächlich, als was Töpfer ihn damals erkannte – ein Rohstoff voller Wert.

Für den Grünen Punkt zahlen die Hersteller eine Abgabe an Verwertungsgesellschaften. Größte ist noch immer Ex-Monopolist Duales System Deutschland (DSD). Mit dem Geld werden Entsorgungsfirmen bezahlt, die den Müll sammeln, sortieren und weiterverkaufen. Ein einträgliches Geschäft, es bleiben ansehnliche Gewinne in knapp dreistelliger Millionenhöhe übrig. Geld, das auch für die Kommunen interessant zu sein scheint. Der Grüne Punkt gehöre abgeschafft, fordert der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU). Die Kommunen könnten das selbst viel besser und billiger. Vor der Bundestagswahl trommeln die Städte auch bei den Parteien für ihren Wunsch.

Das Bundeskartellamt ist strikt gegen ein neues Monopol . Der noch junge Wettbewerb im Müllgeschäft sei gut für die Verbraucher und auch nicht schädlich für die Umwelt, ergab eine Sektoranalyse zum Dualen System. Die Kosten für die Entsorgung für Verpackungen mit dem Grünen Punkt hätten sich seit der Marktöffnung halbiert – von zwei Milliarden auf eine Milliarde Euro. Oder am Beispiel einer Milchtüte: Von vier Pfennig Ende der 90er-Jahre auf einen Euro-Cent. Eine vierköpfige Familie spare dadurch 50 Euro im Jahr. Gleichzeitig seien auch die Recyclingquoten gestiegen – von 64 auf 73 Prozent. Der Grund liegt für die Wettbewerbshüter eindeutig im Aufbruch des DSD-Monopols im Jahr 2004. Bis heute sind neun Mitbewerber hinzugekommen, die Entsorgungskosten sinken seitdem. Kartellamtspräsident Mundt warnt eindringlich vor einer „Rekommunalisierung“ der Abfallverwertung.

Beim Altpapier haben die Kommunen wieder das Sagen

Eine solche gab es auf dem umkämpften Markt für Altpapier. Die Frage, wem die weggeworfenen Zeitungen und Kartons gehören, entschied das Bundesverwaltungs­gericht zugunsten der Kommunen. Sie dürfen entscheiden, ob sie das Altpapier ihrer Bürger selbst abholen und weiterverkaufen oder ein Unternehmen damit beauftragen.

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Duales System erhöht Gebühren um bis zu acht Prozent

Das Recycling von Verpackungen soll teurer werden. Ob die vom Dualen System Deutschland angekündigten Erhöhungen von den Herstellern an die Verbraucher weitergegeben werden, ist noch unklar. Am liebsten würden die Kommunen das Geschäft selbst übernehmen.

So hätten es die Städte und Gemeinden nun auch gern beim nicht minder lukrativen Plastikmüll. Der VKU setzte seine Attacke auf das Duale System unmittelbar, nachdem es eine Preiserhöhung für den Grünen Punkt um bis zu acht Prozent verkündete. Die Entsorgung sei viel zu teuer, meinte VKU-Geschäftsführer Hans-Joachim Reck.

Aber warum sind die Städte so heiß auf den Verpackungsmüll? Ein Hauptargument lautet, die Privaten seien nur auf Gewinne aus – zum Schaden der Bürger. Doch sind nicht diese Gewinne gerade der Grund, warum klamme Kommunen selbst die Plastik-Rosinen aus dem Müll picken wollen? Jein, lautet die Antwort. Man könne mit den Gewinnen die Gebühren für den Hausmüll senken. Sie würden dann an die Bürger weitergegeben, heißt es beim VKU.

Futter für die Verbrennungsanlagen?

Der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) argwöhnt ein ganz anderes Motiv: Die Kommunen wollten den wertvollen Müll verfeuern, um ihre Verbrennungsanlagen besser auszulasten. VKU-Geschäftsführer Reck kontert: „Dann könnte man den jetzigen Status quo beibehalten.“ Denn schon jetzt lande ein großer Teil aus der gelben Tonne in der Verbrennungsanlage, die gestiegenen Recyclingquoten für den Inhalt der gelben Tonnen bezweifeln die Städte. Viele Entsorger würden sie aus gutem Grund gar nicht angeben. Tatsächlich liege die Recyclingquote nur bei rund 40 Prozent. Die Städte wollten sie deutlich erhöhen, versichert Reck.

Für die Bürger entscheidend ist, ob die Städte es wirklich billiger machen könnten. BDE-Präsident Peter Kurth sagt dazu, die Bürger sollten nur mal auf ihre Rechnungen der vergangenen Jahre für die Hausmüll-Entsorgung schauen. Auch das Kartellamt glaubt nicht daran, dass ein neues Monopol die Preise senken würde.

Stefan Schulte



Kommentare
18.07.2013
15:02
Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen
von melr | #9

Wenn jemand Aufwand betreiben will, um anderen etwas Gutes zu tun, muss man grundsätzlich erstmal vorsichtig sein.

Dass die Städte sich den Wertstoffmüll an Land ziehen wollen, um den Bürger zu entlasten, ist sicherlich in letzter Konsequenz richtig, denn die Gewinne gehen in den Haushalt, aus dem die Kosten bestritten werden.

Allerdings könnten die Städte an so vielen Stellen sparen, ohne dass es zu Einschränkungen bei den Leistungen käme. Da dort auch keine Manpower investiert wird, ist das Gejubel über angeblich verringerbare Müllgebühren sicherlich auch nur Augenwischerei.

18.07.2013
10:00
Es wird für den Bürger nicht teurer wenn die Kommunen den Gewinn einstreichen
von meigustu | #8

Geht der Gewinn an private Konzerne holt sich die Kommune das Geld anderswo beim Bürger.

Das die Köpfe der Kartallwächter so verbrettert sind ist kaum vorstellbar. Da dürfte ein dickes Eigeninteresse der dortigen Mitarbeiter vorliegen, wenn die so einen Quatsch rausposaunen.

18.07.2013
09:56
Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen
von ddtdu | #7

Grundsätzlich geht es natürlich um die Verteilung des Geldes. Wieviel die mittlerweile 10 Dualen Systeme verdienen, sollte man über Bundesanzeiger.de entnehmen können. Geht aber nicht, da diese Dualen Systeme sich überwiegend innerhalb von Konzernabschlüssen "verstecken". DIe tatsächliche Kunststoffrecyclingquote beträgt derzeit etwa 25%, der Rest geht in verschiedene energetische/thermische Verwertungsanlagen (auch MVA). Die Dualen Systeme "sparen" Geld, indem die Sortieranlagen und die Recycler zu ruinösen Konditionen das Material annehmen müssen. Oder sie können den Betrieb gleich einstellen, weil die Dualen Systeme über die Mengen auch nach der Sortierung verfügen. Also keine Chance, sich das Material woanders herzuholen.
Als Recycler kann ich derzeit nur hoffen, dass die Kommunen "gewinnen", weil es nicht mehr schlimmer werden kann...

18.07.2013
09:28
Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen
von rostigeschiene | #6

Wer glaubt die Städte würden dem Bürger etwas zurückzahlen glaubt auch das in Babyöl Babys sind.

18.07.2013
08:39
Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen
von donfernando | #5

Jaaa, wir sind endlich so weit: Die Verpackung ist wertvoller als der Inhalt!

18.07.2013
08:18
Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen
von Meinemal | #4

Den Plastikmüll in nicht ausgelasteten MVAs zu verbrennen, kann ich mich nur anschließen. Die Kommunen wollen nicht in den neuen Sortieranlagen, die 95 % des Abfalls in die Wiederverwertung überführen würden, investieren, sondern lieber, wie gehabt, ihre Verbrennungsanlagen auslasten. Dann bleibt schön alles beim Alten; die Müllgebühren bleiben selbstverständlich hoch (trotz Gefasel von Gebührensenkungen) und Parteipöstchen gesichert. Natürlich ist das DSD-System überteuert, aber wer schert sich beim Abzocken schon um den "tumben" Bürger? Ach Liebermann!

18.07.2013
07:44
Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen
von sebi0410 | #3

Also ich bin für eine Große Tonne in die alles rein kommt. Es gibt mittlerweile Maschinen die den Mülle besser trennen als Menschen. Dann verschwindet endlich auch diese MÜLLTONNENPARADE an den Häusern. "IRONIE an"Sieht ja sehr schick aus und so schön bunt. "IRONIE aus"

1 Antwort
Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen
von sperling1 | #3-1

#3-1 Wäre doch zu einfach.

18.07.2013
07:20
Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen
von Kalutti | #2

Wäre die Abholung der gelben Tonne nicht kostenfrei, würde ich nicht trennen.

2 Antworten
Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen
von sebi0410 | #2-1

ÄÄHHMM? Warum soll die Abholung Kostenfrei sein? Sie zahlen für jedes Produkt auf dem der Güne Punkt ist eine Gebühr, nur merkt man diese im Laden an der Kasse nicht! Nichts ist kostenlos.

Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen
von DasKorrektiv | #2-2

Kann ich nachvollziehen. Darum steht bei uns auch keine Biotonne. Die Biotonne kostet in Bochum fast so viel wie eine gleich große Restmülltonne.

Wir müssten für eine Trennung sogar draufzahlen, weil wir nicht konstant 30, 40, 60, 80 oder 120 Liter Biomüll und Restmüll alle vierzehn Tage haben und dann halt für zwei Tonnen ungenutztes Restvolumen mitbezahlen dürften.

16.07.2013
20:04
Im Westen nix Neues... dass es _nicht_ um Recycling ging damals, ist ja bekannt.
von nachdenken | #1

Die Grünen waren damals ja noch richtig aktiv und kurz davor, den Plastikmüll - der heute die Meere verseucht - in seine Schranken zu weisen, z.B. durch Mehrwegglasflaschen.
Dann kam die Industrie mit der "genialen" Idee des Grünen Punktes.
Und _erhöhten_ damit die Preise für die Joghurtbecher für die Verbraucher - wie richtig im Text erkannt.
Und _senkten_ die Preise für Heizmaterial der Thyssen Hochöfen durch fein sortierten hochenergetischen Plastikmüll aus gelben Säcken (200 DM/Tonne).

Was mich interessieren würde - wie soll denn die vierköpfige Familie das Geld kriegen, das eingespart wird?
"Von vier Pfennig Ende der 90er-Jahre auf einen Euro-Cent. Eine vierköpfige Familie spare dadurch 50 Euro im Jahr."
Zahlt DSD & Konsorten das aus?
Hat je ein Kaufmann seine Preise für Jogurts gesenkt??
Ist mir nicht aufgefallen.
Krieg ich eine Rechnung für meine Aufpreise bei Produkten für den Gelben Sack?
Nein.
Eher könnte ich die Abrechnung für den Hausmüll der Kommune nachvollziehen.

1 Antwort
Warum die Kommunen um jeden Joghurtbecher kämpfen
von sperling1 | #1-1

| #1-1 Kennen Sie jemanden der seinen Plastikmüll ins Meer schmeißt ?

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