Warum bietet KiK T-Shirts für 1,99 Euro an, Herr Haub?

Karl-Erivan Haub führt die Mülheimer Unternehmensgruppe Tengelmann.
Karl-Erivan Haub führt die Mülheimer Unternehmensgruppe Tengelmann.
Foto: Volker Hartmann
Was wir bereits wissen
Karl-Erivan Haub führt in fünfter Generation den Mülheimer Familienkonzern Tengelmann (KiK, Obi, Kaiser’s). Ein Gespräch über unternehmerische Verantwortung beim Textildiscounter KiK, die Zukunft des Familienkonzerns und Haubs Erwartungen an die neue Bundesregierung.

Mülheim.. Zum Mülheimer Familienunternehmen Tengelmann gehören die Obi-Baumärkte, der Textildiscounter KiK, die Supermärkte Kaiser’s und Tengelmann sowie die Online-Händler Baby-Markt.de und Plus.de. Tengelmann ist in 20 Ländern tätig und beschäftigt in über 4300 Filialen mehr als 83 000 Mitarbeiter.

Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub (53) führt in fünfter Generation den Mülheimer Familienkonzern. Ein Gespräch über unternehmerische Verantwortung beim Textildiscounter KiK, die Zukunft des Familienkonzerns und Haubs Erwartungen an die neue Bundesregierung.

Herr Haub, im September haben Sie zur Wahl von CDU/CSU aufgerufen. Jetzt haben Sie eine Große Koalition bekommen. Sind Sie zufrieden?

Haub: Ich habe ein klassisches 50:50-Erfolgserlebnis. Rot-Rot-Grün mit dem Wahnsinn einer Besteuerung von Betriebsvermögen hätte der Wirtschaft unmittelbar geschadet. Aber auch die aktuellen Pläne in der Rentenpolitik werden dem Wirtschaftsstandort Deutschland sicher nicht gut tun. Die neue Regierung wird im Gesetzgebungsverfahren hoffentlich noch einiges glattziehen.

Tengelmann-Chef vermisst "liberalen Gedanken" in Koalition

Was vermissen Sie im Koalitionsvertrag?

Haub: Es fehlt das Thema Eigenverantwortung. Wo steht im Koalitionsvertrag die Aufforderung an den Einzelnen, sich selbst zu engagieren, selber etwas zu tun? Der versorgende Staat will sich um alles kümmern. Man kann nicht bei jedem Thema nach dem Staat rufen. Ich vermisse den liberalen Gedanken, etwas selber anzupacken.

Dafür hätten Sie im Wahlkampf Ihre Anzeige aber nicht für die Union, sondern für die FDP schalten müssen. Liberale Ideen in der Wirtschaftspolitik der CDU muss man inzwischen lange suchen.

Haub: Ich hätte mich schwer getan, zur Wahl der FDP aufzurufen – so wie sie aufgestellt war. Mir ging es darum, die konservative Kraft zu stärken. Das ist auch gelungen. Es hat ja am Wahlabend kurzzeitig nach einer absoluten Mehrheit für die Union ausgesehen. Wir wollten vor allem verhindern, dass auf die Unternehmen noch höhere Belastungen zukommen.

Glauben Sie denn wirklich, dass Steuererhöhungen für die Große Koalition tabu bleiben?

Haub: Der Koalitionsvertrag baut wie selbstverständlich darauf auf, dass dieses zarte Pflänzchen von Aufschwung und sprudelnder Steuereinnahmen weiter wächst. Das ist aber weder selbstverständlich, noch gesichert. Ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn die Arbeitslosigkeit steigt und das Wachstum schrumpft.

Wie waren denn die Reaktionen auf Ihre Anzeige für Frau Merkel?

Haub: Bis zum Wahlabend ergoss sich ein ordentlicher Sturm in den sozialen Medien. Zustimmung gab es aus dem Unternehmerlager. Ich war überrascht, dass sich nicht mehr Unternehmer engagiert haben. Ich habe die Anzeige aus Überzeugung geschaltet. Viele andere beklagen sich zwar, sind aber nicht bereit, auch mal etwas zu tun.

Wird das Augenmerk der Wirtschaftspolitik zu sehr auf Großkonzerne gelenkt?

Haub: Seit der Wirtschaftskrise 2008 hat sich herumgesprochen, dass Familienunternehmen größere Stabilität haben. Mittelstand kann atmen und Schläge einstecken. Medien berichten aber meist über die Großen.

Tengelmann gegen Alleingang bei Hilfsfonds für Bangladesch

Tengelmann war auch in den Schlagzeilen – aber negativ wegen der Beteiligung an dem Textildiscounter KiK. Was ist mit Ihrer eigenen Verantwortung nachzuschauen, was Sie in Billiglohnländern einkaufen? Der verheerende Einsturz einer Fabrik in Bangladesch und der Brand in einer anderen haben weltweit für Entsetzen gesorgt.

Haub: Es ist mittlerweile unbestritten, dass alle einkaufenden Textilunternehmen mit diesem Problem zu tun haben – selbst die teuren Labels. Wir hatten in den letzten Jahren begonnen, allein und aus eigener Kraft einige Verbesserungen in den Produktionsländern auf die Beine zu stellen. Das ist uns aber nicht mit großem durchschlagendem Erfolg gelungen. Es ist sehr traurig, dass es dieses tragische Unglück brauchte, damit sich alle Unternehmen, die dort produzieren lassen, endlich an einen Tisch setzten, um gemeinsam etwas zu bewegen. Das Brandschutzabkommen für Bangladesch wäre vorher gar nicht denkbar gewesen.

In der Frage, wie Einsturz- und Brandopfer in Bangladesch angemessen entschädigt werden, hat diese Einigkeit aber nicht funktioniert.

Haub: Wir wollen gerne den gemeinsamen Hilfsfonds auf den Weg bringen, aber nicht allein. Wir können das Problem nicht allein lösen.

Viele Menschen sind auf Billig-Textilien angewiesen

Warum halten Sie überhaupt an Ihrer Strategie fest, T-Shirts für 1,99 Euro anzubieten?

Haub: Weil letztlich viele Menschen darauf angewiesen sind, so preiswert einzukaufen und weil die Qualität nicht schlechter ist als teurere Ware. Ich wehre mich dagegen, dass es aufgrund niedriger Preise automatisch zu schlechten Produktionsbedingungen kommen muss. Ich habe mir die Fabriken angeschaut, in denen KiK, aber auch Markenfirmen nähen lassen. Andere verkaufen Produkte aus denselben Nähereien mit 200 oder sogar 400 Prozent Marge. Würden die Textilunternehmen die Aufträge für Bangladesch jetzt streichen, müssten wir das Land in fünf Jahren wieder mit Entwicklungshilfe unterstützen.

Wächst das KiK-Geschäft weiter?

Haub: Wir sind inzwischen mit mehr als 3200 Filialen in acht Ländern vertreten, darunter auch Polen, die Slowakei und Kroatien. In Deutschland haben wir etwa 2600 Filialen, hier konzentrieren wir uns schwerpunktmäßig auf den Ersatz älterer Märkte und auf das Internet.Textilfabriken

Sie beklagen immer wieder, dass es in Deutschland zu viele Handelsgeschäfte gibt.

Haub: In Deutschland haben wir nach wie vor 25 Prozent zu viel Verkaufsfläche, beobachten aber in diesem Jahr erstmals, dass langsam Vernunft einkehrt. Die hemmungslose Expansion scheint beendet zu sein. Durch die Insolvenz von Schlecker und Praktiker gab es eine erste Flächenbereinigung im Drogerie- und Baumarktbereich. Zudem verlagern sich Umsatzanteile ins Internet.

In welchen Branchen sehen Sie die stärkste Abwanderung ins Internet?

Haub: Elektronik bietet sich für den Onlinehandel geradezu an. Auch Mode erlebt ein stürmisches Wachstum und die Möbelbranche macht sich auf den Weg. Lebensmittel sind von dem Trend am wenigsten getroffen, weil es die komplizierteste Branche ist.

"Im Internet muss man schnell möglichst groß werden"

Sie investieren in Online-Beteiligungen wie Zalando, Baby-Markt oder jüngst das Wohnaccessoire-Portal Westwing. Hat sich dieses finanzielle Engagement für Tengelmann denn bereits finanziell ausgewirkt?

Haub: Ja, sonst würden wir es nicht tun. Mit unserem Venture-Capital-Bereich beteiligen wir uns an vielversprechenden Existenzgründungen im Internet, leisten Anschubfinanzierung und manchmal verkaufen wir auch mal wieder etwas. Vor einiger Zeit haben wir ein Prozent unserer Zalando-Beteiligung für einen deutlich höheren Preis abgegeben, als wir eingesetzt haben. Zalando

Sie bezeichnen Zalando als Ihre erfolgreichste Beteiligung. Man hört aber immer wieder, dass Zalando nach wie vor große Verluste einfährt.

Haub: Im Internet muss man so schnell wie möglich so groß wie möglich werden, um eine unangreifbare Position zu bekommen. Amazon hat zehn Jahre gebraucht, aber heute kommt an Amazon niemand mehr vorbei. Und so wird es auch bei Zalando für Mode und Schuhe sein.

"2013 war ein Jahr des Discounts"

Sind Lebensmittel eine Lebensversicherung für den stationären Handel? Der Handelsverband sieht ja bereits eine Renaissance des Supermarkts.

Haub: Für 2012 stimmt das. Seit Anfang dieses Jahres kippt diese Entwicklung aber wieder. 2013 ist ein Jahr des Discounts. Die Discounter sind unglaublich innovativ, haben in Frisch-Backsysteme investiert, ihren Markenanteil ausgebaut und die Öffnungszeiten verlängert. Da wir noch an der Kette Netto beteiligt sind, wissen wir aus erster Hand, wie gut sich das Segment entwickelt.

Bekommen Sie den Trend zu längeren Öffnungszeiten bei den Discountern auch in Ihren Supermärkten zu spüren?

Haub: Ja, natürlich. In den letzten zwei Stunden am Abend ist es deutlich ruhiger geworden, seit die Discounter länger geöffnet haben. Aber am deutlichsten spüren es wohl die Tankstellenshops, die in den vergangenen Jahren enorme Zusatzsortimente aufgebaut haben.

Welche Innovationen kommen auf die Supermarkt-Kunden zu?

Haub: Da müssen Sie sich nur mal im Laden umsehen. Wir führen beispielsweise vegane Fleischersatz-Produkte auf Soja-Basis ein und legen einen Fokus auf Lebensmittel für Allergiker, zum Beispiel laktose- und glutenfreie Produkte. Und natürlich bleibt die Qualität ein bestimmendes Thema.

"Wir waren aufgefordert, uns zu beweisen"

Mit Ihnen führt die fünfte Generation das Familienunternehmen Tengelmann: Gab es für Sie eigentlich eine berufliche Alternative?

Haub: Es gab für meine zwei Brüder und mich keinerlei Zwang, ins Unternehmen eintreten zu müssen. Wir wurden auch nicht explizit in diese Richtung gedrängt, im Gegenteil: Wir waren aufgefordert, uns außerhalb der Firma zu beweisen. Und obwohl ich mir bis 35 alles offen halten wollte, hat es mich nach der Wende gereizt, den Unternehmensberater McKinsey zu verlassen und für Tengelmann im Osten die Immobilien-Entwicklung aufzubauen. Ich bin 1990 gleich rübergegangen und habe in einem Wohnwagen gelebt.

Haben Sie darunter gelitten, in einem Unternehmer-Haushalt aufzuwachsen?

Haub: Überhaupt nicht. Die Firma ist immer in Mülheim gewesen, und wir sind in Wiesbaden aufgewachsen und zur Schule gegangen.

Kik

Wie halten Sie es mit Ihren Kindern? Haben Sie da die Erwartung, dass sie ins Unternehmen einsteigen?

Haub: Unsere Kinder wachsen völlig normal auf, sie haben öffentliche Kindergärten und Schulen besucht. Sie haben jetzt zu studieren begonnen und alle Freiheiten, sich für ihren Wunschberuf zu entscheiden. Aber natürlich würde es mich freuen, wenn sie Interesse an unserem Familienunternehmen hätten – aktiv oder passiv.

In der nächsten Generation gibt es acht potenzielle Nachfolger. Wer wird das Unternehmen einmal führen?

Haub: Das weiß ich nicht. Meine Eltern, meine zwei Brüder und ich haben ein Regelwerk aufgestellt, wie die insgesamt acht Kinder der nächsten Generation in die Firma eintreten können. Voraussetzung ist aber die Befähigung, der- oder diejenige „muss es können“. Das Unternehmen ist ganz sicher kein Versorgungswerk.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Familientradition fortgesetzt werden kann, wenn Sie eines Tages ausscheiden?

Haub: Die Wahrscheinlichkeit ist groß. Es wäre schade, wenn niemand die Familientradition weiterführen wollte und sie damit enden würde. Ich bin da aber ganz entspannt.