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Viele Geschäfte in Hochwasserregion ohne Versicherungsschutz

07.06.2013 | 14:39 Uhr
In Deggendorf in Bayern kämpfen die Anwohner gegen Hochwasser.Foto: dpa

Frankfurt.  Über 99 Prozent der deutschen Haushalte könnten problemlos gegen Hochwasser versichert werden, sagt Jörg Jörg von Fürstenwerth, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Mit den Erfahrungen einiger Hochwasser-Geschädigter passt das jedoch nicht zusammen.

"Wir können über 99 Prozent aller Haushalte in Deutschland problemlos gegen Hochwasser und Überschwemmung versichern", sagt Jörg von Fürstenwerth, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Mit den Erfahrungen der Menschen, die in diesen Tagen durch den Schlamm in ihren Kellern und das Wasser in ihren Wohnungen waten, passt das nicht zusammen. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich sagte bei einem Besuch im von der Mulde überschwemmten Döbeln, 99 Prozent der Geschäfte in den hochwassergefährdeten Gebieten bekämen keinen Versicherungsschutz.

Beim Blick auf die absoluten Zahlen wird klar: Schütteln die Versicherer nur bei einem Prozent der Haushalte den Kopf, dann trifft das immerhin 400.000 Wohnungen und Häuser an Flüssen, Bächen oder in Flussauen, die mindestens einmal in zehn Jahren von Überschwemmungen oder sintflutartigem Regen heimgesucht werden. In der Passauer Altstadt etwa, in Grimma in Sachsen, an der Mosel oder rund um den Kölner Dom. Für einen beträchtlichen Teil von ihnen ist es 2013 wieder einmal so weit.

Forderungen nach Pflichtversicherung gegen Hochwasser

Nicht nur der sächsische CDU-Politiker Tillich ruft nach einer Pflichtversicherung gegen Hochwasser. In Baden-Württemberg gab sie es bis 1994. Dort sind noch 95 Prozent aller Haushalte gegen Elementarschäden versichert. Im Bundesdurchschnitt liegt die Quote gerade bei 32 Prozent. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hat für Montag unter anderem Fürstenwerth und GDV-Präsident Alexander Erdland zu einem Krisentreffen eingeladen, in dem es auch um die Frage gehen soll, warum die Versicherer vielen Haus- und Ladenbesitzer den ersehnten Schutz verweigern.

Hochwasser hält Deutschland in Atem

Erdland, auch Vorstandschef der Stuttgarter W&W (Württembergische Versicherung), sieht das Problem woanders: "Versicherbarkeit ist das eine - Versicherungsschutz tatsächlich abzuschließen das andere. Die Mehrheit der Bevölkerung glaubt, dass sie im Schadenfall generell mit finanzieller Unterstützung durch Bund, Land oder Kommune rechnen kann", sagte er Reuters am Freitag. Viele Menschen verdrängten die Risiken. "Trotz der erlebten Hochwasserkatastrophen in den vergangenen 15 Jahren war der häufigste Satz, den man derzeit von den Betroffenen in den Überschwemmungsgebieten hört: 'Wir haben nicht gedacht, dass so etwas wie 2002 noch einmal passieren kann.'"

Standardbeitrag liegt bei 100 Euro im Jahr

Vor zehn Jahren haben die Versicherer ganz Deutschland in vier Hochwasser-Zonen eingeteilt. "ZÜRS" (Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen) heißt das System, mit dessen Hilfe sie den Daumen für die Kunden heben oder senken. In der Zone 4 heißt die Standardantwort "Nein". Denn so hoch können die Beiträge dort gar nicht sein, dass sich das Geschäft für die Versicherer rechnen würde. "Da wird es richtig eng", sagt Robert Heene, Vorstandsmitglied der Versicherungskammer Bayern (VKB). Der Standardbeitrag liegt im Schnitt bei 100 Euro - im Jahr. 3000 Euro Schaden werden schon für einen vollgelaufenen Keller veranschlagt. Ist das Haus als Ganzes betroffen, reichen 10.000 Euro bei weitem nicht aus.

Doch ein Nein muss nicht endgültig Nein heißen. "Wir sagen eigentlich nie, es geht nicht. In der Zone 4 arbeiten wir in der Regel mit individuell berechneten Selbstbehalten", sagt Jürgen Hinzmann von der SV SparkassenVersicherung in Stuttgart. Die ersten 5000 oder 10.000 Euro zahlt der Eigentümer dann selbst - doch wenn das überflutete Haus abgerissen werden muss, leistet die Versicherung. "Da geht es um Existenzsicherung." In schwierigen Fällen schickt der Versicherer einen Ingenieur ins Haus, um die Frage der Versicherbarkeit zu prüfen. In der Hälfte der Fälle reiche es, nur den Keller zu fliesen oder die Fenster abzudichten, um den Schaden im Ernstfall in Grenzen zu halten.

Im Hochwasser um Wählerstimmen werben

VKB-Vorstand Heene ist gegen eine Pflichtversicherung: "Wir haben uns bei den Rückversicherern erkundigt. Dafür würde die Rückversicherung sehr teuer." Da müsste der Staat einspringen. Eine Versicherungspflicht würde auch die Frage nach der Gerechtigkeit aufwerfen: Denn dann müssten die Menschen in den Hochhäusern für die Eigentümer attraktiver Seegrundstücke mitzahlen. Heene ärgert die geringe Akzeptanzquote der Hauseigentümer, die sich versichern könnten. In Bayern liegt sie mit 21 Prozent noch unter dem Bundesdurchschnitt. Baiersdorf, eine Gemeinde bei Nürnberg, war 2007 von einem verheerenden Unwetter heimgesucht worden. "Da hat die Betroffenheit gerade sieben Tage angehalten. Und zehn Kilometer weiter wollte niemand etwas davon wissen", berichtet der VKB-Vorstand.

Ratgeber
Hochwasser- und Sturmschäden bei der Versicherung melden

Viele Versicherungen zahlen für Schäden, die durch stürmisches Wetter und Überschwemmungen anfallen. Damit keine unnötigen Komplikationen entstehen, sollten Geschädigte einige Dinge beachten, wenn sie ihren Anspruch auf Schadenersatz geltendmachen.

"Das Gedächtnis der Leute ist leider sehr kurz", sagt auch SV-Manager Hinzmann. In fünf Bundesländern haben Politik und Versicherer gemeinsam für mehr Hochwasserschutz geworben. Mit mäßigem Erfolg: Bei der VKB haben acht Prozent aller Gebäudeversicherungen einen Elementarschutz - vorher waren es 1,5 Prozent. "Mit Werbung allein wird es nicht getan sein", sagte Heene. "Ohne die Politik wird das ein zähes Unterfangen." Immerhin gilt in Bayern seit Baiersdorf die Regel, dass der Staat Betroffenen finanziell nur dann hilft, wenn sie - sofern möglich - versichert sind. Doch im Wahlkampf gelten andere Gesetze, seit Gerhard Schröder und Matthias Platzeck 2002 im Oder-Hochwasser in Gummistiefeln erfolgreich um Wählerstimmen warben. In Bayern wird im September der Landtag gewählt, und die Staatsregierung verteilt in Rosenheim, Passau oder Deggendorf gerade 1500 Euro Soforthilfe an alle Hochwasser-Opfer. (Reuters)



Kommentare
10.06.2013
14:52
Viele Geschäfte in Hochwasserregion ohne Versicherungsschutz
von baldinsoelde | #7

Es ist tatsächlich nicht einfach, eine Elementarschadensversicherung abzuschließen. Bevor ich vor fast 10 Jahren meine Tätigkeit für eine Versicherung aufgegeben habe, galt, eine Versicherung nur dann anbieten, wenn ausdrücklich danach gefragt wird, denn die Schäden sind kaum kalkulierbar. Zudem waren die Prämien so teuer, dass die meisten Interessenten zurückschreckten.

Heute ist die Versicherung in den meisten Angeboten der Gesellschaften vorhanden, doch ob die Gesellschaft die Police zeichnet, ist offen, denn immer dann, wenn es mal eng werden könnte, gibt es keinen Schutz.

Heute wohne ich 10 Meter vom Oberlauf eines Flusses entfernt. Eine Elementarversicherung wurde uns nicht angeboten, warum wohl?

10.06.2013
14:20
Viele Geschäfte in Hochwasserregion ohne Versicherungsschutz
von nochmalnocheindirk | #6

Es geht hierbei nicht alleine um Hochwasser eines Flusses oder Sees. Wir wohnen ca. 10km vom nächsten Fluss und ca. 30 km vom nächsten See entfernt, mitten in der Stadt. Trotzdem sind wir schon dreimal in 15 Jahren abgesoffen. Es brauchte nur sehr stark regnen und wir haben die Strasse und den Keller voll. Das liegt unter anderem daran das oberhalb der Siedlung immer mehr Häuser gebaut wurden. Gleichzeitig aber die Kanalisation nicht erneuert wurde. Auch unser Haus kann nicht mehr gegen Elemantarschäden versichert werden.
Aber man merkt es ist Wahlkampf. Da werden wieder Versprechungen gemacht die hinterher nicht oder nur schwer haltbar sind. Und da die Versicherungslobby in Berlin sehr stark vertreten ist, wird es nicht billig für die Hausbesitzer eine solche Versicherung abzuschließen. Aber deswegen wird ja auch noch nicht über Kosten dafür gesprochen. Dann können unsere Politker wieder sagen, "frei Marktwirtschaft, da können wir nichts dafür"

10.06.2013
11:50
Viele Geschäfte in Hochwasserregion ohne Versicherungsschutz
von Knuddelkater | #5

Meine Frau und ich wohnen etwa 500m vom Rhein entfernt im 2.Stock. Als wir dort eingezogen waren, stellten wir uns auch die Frage, ob eine Versicherung sinnvoll ist.

wir haben uns dann so entschieden, das wir für eventuelle Flutschäden einen gewissen Betrag ansparen und im Keller nicht zuviel wertvolles "lagern". Dazu kommt noch die geringe Warscheinlichkeit, das das Wasser bis in den 2.Stock kommt.

und da so eine Flutwelle vom Rhein nicht "plöpp" einfach da ist, bleibt noch Zeit, den Keller oder das Auto in Sicherheit zu bringen.

10.06.2013
09:51
Viele Geschäfte in Hochwasserregion ohne Versicherungsschutz
von Entschuldigung | #4

Wenn man dann noch bedenkt,
dass die, die in den Auen billig gebaut haben, Flächen verbaut haben, wohin ein Hochwasser führender Fluß ausweichen könnte,
Wir wissen doch, der größte Teil der Schäden ist hausgemacht!
Da haben wir den allgemeinen Klimawandel, auch zum größten Teil selbstgemacht
und dann haben wir abgeholzte Berghänge, begradigte Flüsse, verbaute Auen, versiegelte Uferflächen ....
Lasst uns weitermachen!!!!!

1 Antwort
Viele Geschäfte in Hochwasserregion ohne Versicherungsschutz
von Juelicher | #4-1

Auch Klimatologen bestreiten nicht, dass die weltweiten Mitteltemperaturen seit rund 16 Jahren nicht mehr ansteigen. Wie lange diese Situation noch anhält, ob für einige Jahre oder auch Jahrzehnte, kann die Klimaforschung nicht beantworten. Wir haben gerade eine relativ kühle Periode in Mitteleuropa erlebt, auch in den letzten Wochen. Warum sollte also der Klimawandel das jetzige Hochwasser verursacht haben? Der anthropogen verursachte Klimawandel ist eine reine Hypothese, gegen die es durchaus stichhaltige Argumente gibt.
Beim Rest gebe ich Ihnen Recht.

09.06.2013
22:15
Viele Geschäfte in Hochwasserregion ohne Versicherungsschutz
von vaikl2 | #3

Dass sich viele Immobilienbesitzer die vermeintlich hohen Elementarschäden-Beiträge der GV lieber sparen und dann ohne Grundlage auf Kommune, Land und Bund als "Gradebieger" im Katastrophenfall setzen, konnten wir auch 2008 bei der Sturzflut in Dortmund beobachten.

Auch damals gab es in den Jahren davor immer wieder starke Überschwemmungen im Dortmunder Westen, die rational betrachtet zur Vorsicht zwingen *mussten*.

Was dabei fast immer verdrängt wird - die aktuellen Wasserschutz- und Wasserwirtschafts-Gesetze verpflichten Hauseigentümer zu umfangreichen Eigenmaßnahmen zur Abdichtung gegen Fluten und Kanalüberschwemmungen, aber kaum Jemand kennt diese Vorschriften. Also nehmen sich die Versicherer ganz legal die Freiheit, nicht zumindest rudimentär gesicherte Immobilien auch nicht mehr zu versichern.

09.06.2013
22:11
Viele Geschäfte in Hochwasserregion ohne Versicherungsschutz
von Juelicher | #2

Ich sehe es ähnlich wie mein Vorredner. Die Hochwassergefährdung ist den Anwohnern bekannt. Warum sollte die Versichertengemeinschaft für deren extrem hohe Schäden aufkommen? Das ist auch in anderen Versicherungsformen unüblich, egal ob es um Existenzgefährdung geht oder nicht.
In den alten DDR-Versicherungen, die manche Westversicherungen übernommen hatten, wurden diese Schäden übrigens übernommen. Auch in Baden-Würtemberg gibt es meines Wissens eine landesweite Absicherung aller Hausbesitzer gegen Hochwasser durch die Kommunen.

07.06.2013
20:00
Viele Geschäfte in Hochwasserregion ohne Versicherungsschutz
von Klug22 | #1

Es liegt einfach daran, dass viele Betroffene zwar den hohen Umweltwert einer solchen Landschaft genießen wollen aber den hohen Versicherungspreis nicht zahlen wollen. Dies liegt aber wirklich im Ermessen der Betroffenen! Schließlich kann man auch umziehen! Einen Grund für eine Schadensozialisierung im Wege einer Zwangsversicherung für alle sehe ich als absolut unsozial an! Denn alle können auch nicht in diese schönen Landschaften ziehen !

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