Sammelheft-Irrsinn: 500 Euro für eine Wolldecke

Sammelhefte liegen in Kiosken meist nicht auf Augenhöhe.
Sammelhefte liegen in Kiosken meist nicht auf Augenhöhe.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Jede Woche ein neuer Stricktipp und ein kleines bisschen Wolle. Oder ein Kriegsschiff. Das Geschäftsmodell "Sammelheft" funktioniert seit 50 Jahren.

Essen.. Stricken ist im Trend. Wer es lernen will, fragt seine Oma, kauft sich ein Lehrbuch oder schaut sich eines von ungefähr 423 Tutorials auf Youtube an. Tja, oder er kauft sich die erste Ausgabe von "Stricken leicht gemacht".

Dabei handelt es sich um eines von noch immer unzähligen Sammelheften, die an deutschen Kiosken erhältlich sind. Das Geschäftsmodell dahinter ist immer das gleiche: Die ersten Ausgaben, manchmal auch noch die zweiten, sind furchtbar billig. Sie sollen Spontankäufer anlocken. Kassiert wird danach. "Stricken leicht gemacht" kostet erst einen Euro, dann 2,99 Euro. Ab der dritten Ausgabe sind es 4,99 Euro.

Stricken ist noch relativ günstig. Für andere Sammelhefte, denen Plastik-Kriegsschiffe, Plastikbestandteile des menschlichen Skeletts, Plastik-Kontinente oder getrocknete Insekten beiliegen, werden auch gern einmal 15 Euro aufgerufen.

Nichts ist so frustrierend wie unvollständige Sammlungen

Wenn das Sammelfieber erst einmal geweckt ist, so die Kalkulation der Verlage, schaut die Kundschaft nicht mehr so genau auf den Preis. Außerdem ist wenig so frustrierend wie eine nichtvollständige Sammlung oder - im Falle von "Stricken leicht gemacht" - eine halbfertige Wolldecke.

Abzocke Mit jedem Heft erhalten Kunden nämlich nicht nur Anleitungen und Tipps, sondern auch die benötigte Wolle. Das Konzept ist klar: Nur wer sich die nächste Ausgabe kauft, kann weiterstricken. Und wer schon Plastik-Afrika, Plastik-Asien und Plastik-Amerika hat, wird das Feld für Plastik-Europa auf seinem Sammelglobus kaum freilassen wollen. Die meisten Sammelhefte gibt es deshalb auch als Abonnement. Dafür gibt es meist ein paar Cent Rabatt und das Versprechen, definitiv keine Ausgabe zu verpassen.

700 Euro für einen Globus, 500 Euro für eine Wolldecke

Wer mit "Stricken leicht gemacht" stricken lernen will, braucht allerdings Geduld. Der französische Hachette-Verlag, in dem das Heft erscheint, hat Tipps und Wolle auf nicht weniger als 90 Ausgaben verteilt. Jede Woche gibt es eine neue.

Bis die Decke fertig ist, wartet der Kunde knapp zwei Jahre und gibt gut 490 Euro aus. Ein besonders teurer Ausreißer? Nein. Die Komplettausgabe des Globus-Sammelhefts kostet über 700 Euro, für den Skelett-Bausatz "Dein Körper" müssen Sammler hochgerechnet 550 Euro berappen.

Traktorlegenden auf DVD

Das Geschäftsmodell ist nicht neu: Der De-Agostini-Verlag, nach eigenen Angaben Deutschlands Marktführer in Sachen Sammelhefte, hat sein erstes Heft bereits 1959 auf den Markt gebracht. "Diese innovative Idee öffnete die Türen zu dem bisher unerforschten Markt", erklärt der Verlag auf seiner Website.

Verbraucher Und der Anbieter geht mit der Zeit: Die Reihe "Faszination Traktorlegenden", die durch Werbeclips während des RTL-Dschungelcamps einige Aufmerksamkeit erlangte, erscheint nicht als Heft, sondern als DVD.

Verbraucherschützer warnen vor voreiligen Käufen

Streng juristisch gebe es an diesen Angeboten selten etwas zu bemängeln, sagt Corinna Reisewitz von der Verbraucherzentrale NRW. Die Verlage müssten offenlegen, wie viele Ausgaben zur Serie gehören und was diese kosten. Doch das sei bei den meisten Heften der Fall. Sie rät Interessenten, sich vor dem Kauf des ersten Hefts auszurechnen, was das Gesamtpaket kostet.

Wer sich übrigens fragt, was er machen soll, wenn die 500-Euro-Wolldecke nach 90 Wochen fertig ist, dem bietet Hachette eine neue Herausforderung. "Erfolgreich weiterstricken: die neue Decke im skandinavischem Stil".