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Arbeitsmoral

US-Unternehmer beschimpft Franzosen als Faulpelze

22.02.2013 | 16:53 Uhr
US-Unternehmer beschimpft Franzosen als Faulpelze
Díe 1000 Arbeitsplätze im Goodyear Reifenwerk in Amiens sind bedroht. Doch Maurice Taylor will den Franzosen nicht helfen. Im Gegenteil.

Paris.   Die bissige und herablassende Kritik des US-Investors Maurice Taylor hat in Frankreich helle Empörung und eine Debatte über Produktivität ausgelöst. Doch der Wirtschaft geht es schlecht. Die EU dämpft Wachstumsprognose.

Für seine Derbheiten ist Maurice „Morry“ Taylor (69) daheim in den USA gefürchtet. „Grizzly“ nennen sie den streitlustigen Boss des „Titan“-Reifenkonzerns. Wie es sich anfühlt, wenn der Bär seine Krallen ausfährt, bekam jetzt Frankreichs Industrieminister Arnaud Montebourg zu spüren. In größter Verzweiflung hatte dieser den Amerikaner gebeten, die marode Goodyear -Reifenfabrik in Amiens zu übernehmen und so 1000 Arbeitsplätze zu retten. Taylor schlug die Offerte angewidert aus. „Denken Sie, dass wir so blöd sind? Sie können Ihre so genannten Arbeiter behalten“, polterte er.

Sein Brief strotzt vor Schlägen unter die Gürtellinie, gibt aber so manche bittere Wahrheit wieder. „Ich habe diese Fabrik mehrmals besucht“, klagt Taylor und führt an, dass französische Arbeiter zu hohe Löhne erhielten und viel zu wenig arbeiteten. „Sie haben eine Stunde für ihre Pausen und ihr Mittagessen, diskutieren drei Stunden und arbeiten drei Stunden.“

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Vom Amerikaner verhöhnt

Anstatt das von Schließung bedrohte Goodyear-Werk zu übernehmen, werde Titan seine Reifen in Billiglohnländern wie Indien und China produzieren und damit den französischen Markt überschwemmen. In spätestens 2018 sei dann auch Branchenprimus Michelin am Ende. „Dann werdet ihr kein Geld mehr haben, um den guten französischen Wein bezahlen zu können“, höhnte der US-Boss.

Minister Montebourg, ein Linkssozialist, reagierte empört: „Ihre ebenso extremistischen wie beleidigenden Äußerungen offenbaren eine vollkommene Ignoranz gegenüber unserem Land Frankreich.“ Er droht, die Einfuhr von Titan-Dumping-Reifen „mit doppeltem Eifer“ kontrollieren zu wollen.

Die meisten Franzosen fassen die Tirade des „Grizzly“ als Kriegserklärung auf, die kommunistische Gewerkschaft spricht von einer „totalen Beleidigung“ und auch der Arbeitgeberverband sieht Frankreich verunglimpft. Das wollen die Franzosen nicht auf sich sitzen lassen. Die Zeitung „Le Parisien“ rechnet vor, dass französische Arbeiter mehr arbeiteten als deutsche und zudem produktiver und billiger seien. Auf der Titelseite brüllt das Massenblatt: „Nein, die Franzosen sind keine Faulpelze.“

Die Faulheits-Debatte trifft Frankreich zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Mit seiner kühnen 0,8-Prozent-Wachstumsprognose hat sich Präsident François Hollande verschätzt, EU-Konjunkturexperten haben sie jetzt auf 0,1 Prozent herunterkorrigiert. Die Folge: Die Neuverschuldung, die 2013 auf drei Prozent der Wirtschaftsleistung gesenkt werden sollte, wird bei 3,7 Prozent liegen. Wie Paris die zusätzlichen Defizit-Milliarden nun einsparen will, ist rätselhaft.

Frankreich, zweitgrößte Wirtschaftsnation Europas, schreibt seit geraumer Zeit rote Zahlen, nun droht eine schwere Rezession. Drei Millionen Franzosen sind arbeitslos, die Arbeitslosenquote liegt bei über zehn Prozent – Tendenz steigend. Hinzu kommen sinkende Wettbewerbsfähigkeit, uninteressante Produkte, Rekord-Außenhandelsdefizit, wachsende Staatsschulden. Um aus der Talsohle herauszukommen, setzt Hollande auf den „dialogue social“, der noch in den Kinderschuhen steckt.

„Frankreich braucht Agenda 2020“

Der Vergleich mit Deutschland, das erfolgreich ein ausgeklügeltes Kompromiss-System aus Tarifautonomie, Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft installiert hat, offenbart, dass die Uhren in Frankreich anders gehen. „Arbeitnehmer und Gewerkschaften in Frankreich sehen den Unternehmer prinzipiell als Feind an“, sagt der Politikwissenschaftler René Lasserre, der an der Uni Cergy das Institut für Deutschland-Studien leitet. Immerhin brachten Arbeitgeber und Gewerkschaften kürzlich einen Kompromiss zustande, der in Anlehnung an die Schröder’sche Agenda 2010 Kurzarbeit, Gehaltskürzungen und eine Lockerung des Kündigungsschutzes in Krisenzeiten vorsieht. Lasserre fordert mehr, eine Modernisierung der Sozialsysteme: „Was Frankreich braucht, ist eine Agenda 2020.“

Gerd Niewerth



Kommentare
25.02.2013
11:58
US-Unternehmer beschimpft Franzosen als Faulpelze
von lass_mal_laufen | #7

Schöner Bericht. Zeigt er doch einmal mehr, dass meine Vermutung immer öfter zutrifft. Die Wirtschaft ist die Heimat der primitivsten Lebensform, die wir auf unserem Planeten kennen: sog. Investoren und Manager. Diese Bande schafft es mittlerweile, dass sich ganze Staaten an die Kehle gehen, nur des schnöden Mammons wegen.
Einstein hat nach der Zündung der ersten A-Bombe gesagt: "Ich weiß nicht womit die Menschen im 3. Weltkrieg kämpfen, aber im 4. werden es Keulen und Steine sein."

Da fällt mir ein schöner Song aus den 60ern ein:
Barry Mcguire - Eve of destruction

Sicherlich unter ganz anderen Voraussetzungen komponiert, passt der Song heute wie damals, nur dass wir dabei sind, uns bereits jetzt gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, weil misanthrope Gestalten wie der im Bericht beschriebene Tourettepartient mal eben eine Finanzinvestor - Demagogenkampagne startet. Das alles ist kein Geld der Welt wert!

24.02.2013
18:51
US-Unternehmer beschimpft Franzosen als Faulpelze
von DerMerkerNRW1 | #6

Ja Hollande, hol mal den Schröder rüber, der zeigt dir wie man(n) ein Volk an die Schippe bringt! Leider auch mit allen Wenn und Aber!

23.02.2013
12:22
US-Unternehmer beschimpft Franzosen als Faulpelze
von a01mue | #5

Das passt in diese verkommene Kapitalistenweltsicht! Ein Staat, der seine Menschen vor Ausbeutung schützt verführt dieses dazu, "zu faulenzen"! Genau! Jeder Euro, der als Lohn gezahlt wird, ist ein Euro weniger in den nach Amerika verschobenen Gewinnen dieser feinen Herren! Ich kann nur hoffen, das jeder Europäer, der das liest einen weiten Bogen um Produkte dieser feinen Herren macht, wobei, wann haben amerikanische Firmen zuletzt wettbewerbsfähige Produkte auf irgend einen Markt gebracht? Auch das iPhone ist drinnen wie draußen Samsung und damit in keinster Weise amerikanisch! Boykott kann nur die Reakton der Wahl sein!

1 Antwort
US-Unternehmer beschimpft Franzosen als Faulpelze
von Faehrtensucher | #5-1

Luft anhalten und langsam bis 1000 zählen, - wäre durchaus auch eine Wahl. :)
(Macht die Birne frei und läßts Neid-Geserm verpuffen.)
Gruß

23.02.2013
07:10
Titan Reifen,...
von mspoetnik | #4

...wasn das fürn Müll??

23.02.2013
00:55
US-Unternehmer beschimpft Franzosen als Faulpelze
von boehmann | #3

Das ganze wirft den amrikanischen Rentenfonds wohl nicht genug Rendite ab. Frankreichs Lebensart ist ein Kulturgut höchster Güte und zählt mit der feinen Küche zu m Weltkulturerbe.

22.02.2013
18:45
US-Unternehmer beschimpft Franzosen als Faulpelze
von steckritzel | #2

Liebe Franzosen,

last euch von dem Geschwätz eines Amerikaners nicht beeindrucken.
Ihr habt eine ältere Kultur und versteht zu leben.
Und Schröders Agenda 2010 ist erbärmlich und abzulehnen.
Sozialpartnerschaft ist eine Verarschung der arbeitenden Menschen. Diese Partnerschaft begünstigt nur die Ausbeutung und endet meistens mit der Entlassung des Partners.
Ihr scheißt euch auch nicht bei jedem Streik gleich in die Hosen.
Beugt Euch nie vor lebenden Menschen!

22.02.2013
17:34
US-Unternehmer beschimpft Franzosen als Faulpelze
von Wickederin | #1

Gestern im französischen TV "Peugot lässt teilweise in Spanien produzieren, weil es dort billiger ist".

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