Umweltschützer warnen vor Gift aus Bergwerken im Trinkwasser

Auf der Zeche Zollverein stehen die riesigen Pumpen der RAG.
Auf der Zeche Zollverein stehen die riesigen Pumpen der RAG.
Foto: RAG
Was wir bereits wissen
Der Zechenbetreiber RAG hat damit begonnen, stillgelegte Bergwerke zu fluten und weniger Grubenwasser abzupumpen. Das birgt nach Einschätzung von Umweltschützern Gefahren für Mensch und Umwelt.

Essen.. Wenn der Bergbau in Deutschland 2018 endgültig beendet wird, könnte nach Befürchtung von Umweltschützern ein ökologisches Desaster beginnen. Der Grund: Der Zechenbetreiber RAG will das Abpumpen des Grubenwassers zurückfahren. Dadurch könnten tausende Tonnen giftigen Schmieröls aus dem Untergrund ins Trinkwasser gelangen, vermuten Umweltschützer.

„Da tickt eine ökologische Zeitbombe“, zitiert das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Die Grünen im Saarland, wo die RAG Kohle abbaute, sehen „die Trinkwasservorkommen des Bundeslandes in akuter Gefahr“.

PCB in Hydraulikflüssigkeiten

Im Fokus stehen PCB-haltige Hydraulikflüssigkeiten, die die RAG nach eigenen Angaben seit Mitte der 50-er Jahre in ihren Bergwerken einsetzte. Diese polychlorierten Biphenyle gefährden die menschliche Gesundheit und die Umwelt. Das sei aber erst seit Mitte der 80er-Jahre bekannt gewesen, betonte am Sonntag ein RAG-Sprecher im Gespräch mit dieser Zeitung. Seither habe der Herner Konzern auf Hydraulikflüssigkeiten auf Wasserbasis umgestellt.

Bergwerke Bis dahin waren aber erhebliche Mengen PCB-haltiger Rückstände ins Erdreich gesickert – durch Leckagen, Defekte oder bewusstes Ablassen der Hydraulikflüssigkeiten, um Überdruck in den Leitungen zu vermeiden. „Wie viel unter Tage verblieb, ist heute nicht mehr exakt zu ermitteln“, sagt der RAG-Sprecher.

Der „Spiegel“ berichtet, dass rund 72 000 Tonnen der hochgiftigen Chemikalie vor dem endgültigen PCB-Verbot Mitte 1985 in Deutschland verwendet wurden – rund ein Sechstel als nicht brennbares Hydrauliköl im Bergbau. Aus Bundestags- und Landtags-Protokollen, schreibt das Magazin, gehe hervor: die RAG habe „nicht einmal zehn Prozent ordnungsgemäß entsorgen“ lassen. Der Rest, mehr als 10 000 Tonnen, sei demnach unter Tage geblieben. Zumeist versickert im Erdreich, wie die RAG einräumt.

Stillgelegte Bergwerke werden geflutet

Solange das Grubenwasser abgepumpt wird, bleiben die Kontaminationen in der Tiefe. Der Bergbaukonzern hat aber – auch aus Kostengründen – begonnen, stillgelegte Bergwerke zu fluten. Über ein spezielles Verfahren wird das Grubenwasser in den Rhein geleitet, um andere Flüsse zu entlasten.

Die RAG versichert, sie und ihre Aufsichtsbehörde ließen das Grubenwasser „regelmäßig durch unabhängige, akkreditierte Messinstitute“ untersuchen. Bislang sei „kein nachweisbarer PCB-Austrag“ bekannt. „Alle PCB-Messwerte liegen unterhalb der Nachweisgrenze“, heißt es in einer Erklärung des Zechenbetreibers. Auch bei RAG-Mitarbeitern gebe es „keine Hinweise auf eine bedeutsame PCB-Belastung“.

Erkrankte Bergleute

Der „Spiegel“ dagegen berichtet, dass einige Bergleute im Universitätsklinikum Aachen behandelt werden, deren Erkrankungen auf den Umgang mit PCB zurückzuführen seien. Thomas Kraus, Leiter des Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin, sagte dem Magazin, dass bei mehreren Kumpeln „signifikant erhöhte Konzentrationen“ von PCB nachgewiesen worden seien.

Die RAG beruft sich auf 1991 selbst angestoßene Untersuchungen. Sie hätten ergeben, dass die PCB-Konzentration bei Mitarbeitern „nach längerem und intensiverem Umgang mit Hydraulikflüssigkeiten“ erhöht gewesen seien. Allerdings auch bei Kollegen, die gar nicht mit Maschinenölen in Berührung gekommen seien. Die RAG leitet daraus den Verdacht ab, dass PCB „vermutlich wie andere Umweltschadstoffe über Pfade außerhalb des Bergbaus in das Blut gelangte“.