Das aktuelle Wetter NRW 15°C
Handel

Konzernführung relativiert Umsatzeinbrüche bei Karstadt

16.06.2013 | 18:18 Uhr
Konzernführung relativiert Umsatzeinbrüche bei Karstadt
Der in der Kritik stehende Warenhauskonzern Karstadt glaubt trotz sinkender Umsätze an eine Trendwende. Foto: dpa

Essen.   Noch-Konzernchef Jennings nennt als Grund für den Einbruch die "schlimmste Frühjahrssaison seit vielen Jahren“ - und dementiert, dass es aufgrund der andauernden Verluste einen Bargeld-Engpass gebe

Der eigene, bald scheidende Chef spricht von der „schlimmsten Frühjahrssaison seit vielen Jahren“, Medien spekulieren über Liquiditätsprobleme – und der stolze Eigentümer hat plötzlich ein Problem mit den Deutschen. Karstadt kommt einfach nicht zur Ruhe.

Der Essener Warenhauskonzern bemühte sich am Wochenende, Berichte über Umsatzeinbrüche und fehlendes Bargeld zu zerstreuen. Dabei bestätigte Karstadt-Chef Andrew Jennings jedoch zum Teil Zahlen, die aus vertraulichen Bilanzzahlen an die Öffentlichkeit gelangt waren. So zitierte die „Bild am Sonntag“ aus einer Vorlage zur Aufsichtsratssitzung vom vergangenen Donnerstag in Essen, die Barreserven von Karstadt seien binnen zwölf Monaten von 348 auf 208 Millionen Euro geschrumpft.

Lesen Sie auch:
Karstadt-Eigner Berggruen sucht Frau fürs Leben

20.000 Karstadt-Mitarbeiter sorgen sich um ihre Arbeitsplätze. Der Ruf nach Investitionen für die kriselnde Warenhauskette wird immer lauter. Kritik...

Karstadt habe kein Liquiditätsproblem, entgegnet Jennings, „diese Spekulation ist unverantwortlich“. In einer Mitteilung betont er, Karstadt habe „in diesem Moment einen Bargeldbestand von mehr als 210 Millionen Euro“ – also fast exakt die aus der vertraulichen Bilanz zitierte Summe. Gesunken sei die Liquidität etwa durch Sanierungskosten wie den Stellenabbau, der 44 Millionen Euro gekostet habe.

Kein Kommentar

Die ebenfalls zitierten Verlustzahlen werden nicht kommentiert. Karstadt habe von Oktober bis April 51 Millionen Euro Verlust gemacht und erwarte für das gesamte Geschäftsjahr einen Verlust in „niedriger dreistelliger Millionhöhe“ nach 249,6 Millionen Miesen im Geschäftsjahr 2011/2012, dessen Bilanz Karstadt ebenfalls noch nicht veröffentlicht hat.

Krise
Warenhäuser verlieren an Boden in Deutschland

Der Marktanteil der Warenhäuser im deutschen Einzelhandel nur noch bei 2,8 Prozent. Tendenz fallend. Online-Anbieter und Verbrauchermärkte bauen ihre...

Dafür geht Jennings auf Umsatzeinbrüche ein, über die andere Medien berichteten. Karstadt liege demnach aber nicht zehn Prozent unter Vorjahresniveau, sondern „nur 3,6 Prozent“. Und das nach „der schlimmsten Frühjahrssaison im Modebereich“ seit vielen Jahren. Seit April gehe es wieder bergauf. Die unterschiedlichen Zahlen erklärt der Konzernlenker mit der Aufgabe einzelner Warenhaus-Bereiche wie den Multimedia-Abteilungen und der Gastronomie.

Berggruen genervt

Eingestellte Geschäftsbereiche aus der Bilanz herauszurechnen, ist in der Tat üblich und korrekt, will man die Umsatzzahlen sauber vergleichen. Jennings Einlassung passt indirekt aber auch zu den nicht bestätigten Verlustzahlen. Denen zufolge dürften die Verluste in diesem Geschäftsjahr im Vergleich zu dem vorigen trotz der Umsatzeinbußen niedriger ausfallen. Das wäre die Konsequenz daraus, dass besonders unrentable Bereiche geschlossen und aus der Bilanz herausgerechnet werden.

Streit
Streit zwischen Berggruen und Verdi eskaliert bei Karstadt

Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen hat der Gewerkschaft Verdi Profilsucht vorgeworfen. Sie kämpften um ihre eigene Macht auf Kosten der...

Bei der Außendarstellung läuft derzeit vieles nicht glatt beim Traditionskonzern. Auf die immer drängender werdenden Forderungen an Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen, Geld in sein Unternehmen zu investieren, reagiert der Milliardär zusehends gereizt. Der „Spiegel“ zitiert ihn am Rande einer Veranstaltung in Zürich mit den Worten: „In Deutschland gibt es nur Kritik, dort wird man bestraft, wenn man etwas versucht.“

Verdi weiter am Drücker

Berggruen fühlt sich unverstanden, auch bei dem Vorwurf, seine Holding kassiere für die Karstadt-Namensrechte jährlich Millionen und schaffe das Geld über Umwege zu einer gemeinnützigen Briefkasten-Firma im Steuerparadies Virgin Islands. Er profitiere davon nicht. In jedem anderen Land würde man das gut finden, nur die Deutschen verstünden dieses „Charity-Prinzip“ nicht.

Weder Jennings noch Berggruen sagen etwas zu den von der Arbeitnehmerseite und mittlerweile auch von Lieferanten geforderten Investitionen. Ohne die wird die Gewerkschaft Verdi keine Ruhe geben. Weil Karstadt seinen Mitarbeitern zudem eine zweijährige Tarifpause abverlangen will, dürften die Warenhäuser während der laufenden Tarifrunde im Handel noch häufiger Ziel von Streiks werden.

Stefan Schulte

Kommentare
17.06.2013
14:44
Konzernführung relativiert Umsatzeinbrüche bei Karstadt
von Jorgel | #3

Das Hauptproblem ist das immer weiter ausgedünnte Angebot in den Karstadt-Häusern. Da macht die neue Leitung den gleichen Fehler, wie die vorherige....
Weiterlesen

Funktionen
Aus dem Ressort
Streit ums Brot vom Discounter Aldi: Gebacken oder gebräunt?
Rechtsstreit
Der Gerichtsstreit zwischen Bäckern und dem Discounter Aldi Süd über dessen Backautomaten schwelt: Auch ein Experte brachte die Richter nicht weiter.
Bundeskartellamt wirft Post Ausnutzung von Marktmacht vor
Post
Die Deutsche Post soll ihre Marktmacht bei Briefzustellungen ausgenutzt haben. Das ergab ein Missbrauchsverfahren des Bundeskartellamts.
Pilotenstreiks bei Lufthansa nicht in den nächsten Tagen
Streik
Bis zu den angedrohten Pilotenstreiks bei der Lufthansa werden noch einige Tage vergehen. Das teilte die Pilotengewerkschaft Cockpit am Dienstag mit.
Nach dem Poststreik - keine Furcht wegen offener Rechnungen
Poststreik
Der große Tarifkonflikt ist vorüber - nun muss die Post einen Berg von Millionen liegengebliebender Briefe abarbeiten. Was Verbaucher wissen müssen.
Warum der Streit ums Backen bei Aldi nicht leicht lösbar ist
Rechtsstreit
Aldi warb damit, dass in den Filialen frisch gebacken werde. Gegen diese Aussage haben die deutschen Bäcker geklagt - nun hat der Gutachter das Wort.
article
8077551
Konzernführung relativiert Umsatzeinbrüche bei Karstadt
Konzernführung relativiert Umsatzeinbrüche bei Karstadt
$description$
http://www.derwesten.de/wirtschaft/umsatzeinbruch-bei-karstadt-id8077551.html
2013-06-16 18:18
Wirtschaft