Das aktuelle Wetter NRW 10°C
Stahlkrise

Überkapazitäten bringen Stahlriesen in Bedrängnis

22.08.2013 | 18:10 Uhr
Überkapazitäten bringen Stahlriesen in Bedrängnis
Thyssen-Krupp Stahlwerk in Duisburg-Bruckhausen. Thyssen-Krupp hat die Kurzarbeit in einigen Duisburger Betrieben im Februar beendet. In Mülheim hält sie an.Foto: Kai Kitschenberg/WAZ FotoPool

Essen.  Die deutschen große Stahlunternehmen Arcelor Mittal, Thyssen-Krupp und Salzgitter stecken in der Krise. Schwache Geschäfte in der Automobil- und in der Baubranche, weltweite Überkapazitäten und nicht zuletzt die Eurokrise lassen Produktionszahlen einbrechen. Fragen und Antworten.

Wie hat sich die Stahlproduktion entwickelt?

Nach dem gewaltigen Produktionseinbruch im Jahr 2009, als die Finanz- und Bankenkrise auf ihrem Höhepunkt angelangt war, hat die Rohstahlerzeugung nicht wieder das Vorkrisenniveau erreicht. 2012 wurden in Deutschland 42,66 Millionen Tonnen Rohstahl gekocht, 2008 waren es noch 45,83. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl hat ihre Prognose für 2013 von 43 auf 42,2 Millionen Tonnen nach unten korrigiert.

Warum bricht die Nachfrage ein?

Insbesondere die von hohen Schulden geplagten Staaten Südosteuropas wie Spanien halten sich mit Bestellungen zurück. Die deutsche Autoindustrie als bedeutender Abnehmer von Stahl klagt über eine Absatzkrise in Europa. Und auch die Bauindustrie liegt in weiten Teilen brach.

Welche Konsequenzen hat der geringere Stahlverbrauch?

Es gibt Überkapazitäten auf dem Markt. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl schätzt diese in Europa auf 30 Millionen Tonnen. „Die Lage ist aber nicht so dramatisch, dass die Unternehmen sie nicht beherrschen könnten“, sagte Verbandspräsident Hans Jürgen Kerkhoff dieser Zeitung.

Foto: Miriam Fischer

Allerdings verschärfen die Chinesen das Problem – gar mit staatlicher Unterstützung. Sie bauen moderne Stahlwerke, ohne die alten stillzulegen. Ihre Überkapazitäten versuchen die Chinesen in Europa zu verkaufen.

Wie reagiert Thyssen-Krupp auf die Stahlkrise?

Marktführer Thyssen-Krupp hat angekündigt, mehr als 2000 Stellen in der europäischen Stahl-Sparte sozialverträglich abzubauen. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2012/13 brach der Umsatz der Sparte Steel Europe um zwölf Prozent auf 7,3 Milliarden Euro ein. Der Auftragseingang nahm um elf Prozent auf ebenfalls 7,3 Milliarden Euro ab. Thyssen-Krupp fuhr die Stahlproduktion um drei Prozent auf 8,7 Millionen Tonnen zurück.

Was tun die Wettbewerber?

Der Weltmarktführer Arcelor Mittal, der mit Werken auch in Duisburg vertreten ist, hat Anfang August seine Prognose für 2013 nach unten korrigiert und rechnet damit, dass der europäische Stahlmarkt in diesem Jahr um bis zu 2,5 Prozent schrumpft. Das Unternehmen will vier Hochöfen im belgischen Lüttich und im französischen Florange abschalten.

Stahlbranche
Deutsche Stahlindustrie sieht Arbeitsplätze akut in Gefahr

Es geht um Betriebe wie die ehemaligen Thyssen-Krupp-Elektrostahlwerke in Bochum und Krefeld: Durch strengere Entscheidungen der Behörde Bafa sieht die Stahlbranche zahlreiche Arbeitsplätze in Deutschland in Gefahr. Für das Werk in Bochum geht es um die Existenz.

Auch die Nummer zwei der deutschen Stahlhersteller, Salzgitter, ist in Bedrängnis. In den ersten sechs Monaten verbuchte der norddeutsche Konzern, zu dem auch die Mannesmannröhren-Werke in Mülheim gehören, einen Verlust von mehr als 315 Millionen Euro. Zur Senkung der Kosten will Salzgitter nun mindestens 1500 Arbeitsplätze abbauen.

Wie wirkt sich die aktuelle Krise im Ruhrgebiet aus?

Thyssen-Krupp hat die Kurzarbeit in einigen Duisburger Betrieben im Februar beendet. In Mülheim hält sie an. Im Großrohrwerk Europipe und bei Salzgitter Mannesmann Grobblech, die beide zu Salzgitter gehören, arbeiten 450 Beschäftigte wegen der Auftragsflaute kurz.

Welche zusätzlichen Risiken belasten die Stahlbranche?

Im Oktober fällt die Entscheidung, wie stark die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz erhöht wird. Thyssen-Krupp gehört zu den energieintensiven Unternehmen, die entlastet werden. Nach Angaben von Konzernchef Heinrich Hiesinger zahlt Thyssen-Krupp derzeit 105 Millionen Euro EEG-Umlage pro Jahr. Müsste er die Umlage voll bezahlen, wären es 330 Millionen. Vor dem Hintergrund der politischen Diskussion um die Entlastung, die auch die EU-Kommission befeuert, unterstrich Hiesinger jüngst, dass bei Wegfall der Entlastung „die Stahlproduktion in Duisburg und an anderen Standorten gefährdet“ sei.

Frank Meßing



Kommentare
Aus dem Ressort
Arbeiter auf Jobsuche - Personalnot im Bochumer Opelwerk
Industrie
In vier Monaten schließt das Werk in Bochum - rund 50 Unternehmen bieten den Beschäftigten neue Jobs an. Das führt zu einer kuriosen Situation: Weil viele Opelaner arbeiten oder sich qualifizieren, müssen in der Auto-Produktion Zeitarbeiter aushelfen.
Russische Behörden schließen Filialen von McDonald’s
Einschüchterung
Vier Filialen der US-Fast-Food-Kette sind betroffen. Angeblich gibt es dort Hygiene-Probleme. Experten vermuten eine Strafaktion wegen der wirtschaftlichen Sanktionen der USA und sprechen von Versuch der Einschüchterung.
Großteil der Haselnuss-Ernte zerstört - Nutella bald teurer?
Nutella
Eine einzige Frostnacht im März hat in der Türkei Großteile der weltweiten Haselnuss-Ernte zerstört. Auf dem Markt zogen die Tonnenpreise für das Produkt bereits deutlich an - Deutschland ist größter Abnehmer. Werden Hanuta, Nutella und Co. für uns bald teurer?
Fernbusmarkt wächst - Mehr als 30.000 Verbindungen die Woche
Fernbusse
Der deutsche Fernbusmarkt wird immer größer. Reisende können mittlerweile mehr als 30.000 wöchentliche Busverbindungen nutzen. Das sind 10.000 mehr, als noch zu Jahresbeginn. Die meisten Fernbusse starten in Berlin. Aber auch in mittelgroßen Städte fahren immer mehr Linien ab.
Düsseldorfer Gea-Group will weltweit 1000 Stellen streichen
Arbeitsplätze
Der Düsseldorfer Maschinenbauer Gea Group will weltweit 1000 Stellen streichen. Grund seien geplante Kosteneinsparungen von jährlich 100 Millionen Euro. Auch Standortschließungen seien nicht ausgeschlossen. Allein am größten deutschen Standort in Oelde arbeiten 2000 Menschen.
Umfrage
Düster, schmutzig, kein Service – Experten finden an Rhein und Ruhr einige der schlechstesten Bahnhöfe Deutschlands . Würden Sie den Vorwurf der

Düster, schmutzig, kein Service – Experten finden an Rhein und Ruhr einige der schlechstesten Bahnhöfe Deutschlands . Würden Sie den Vorwurf der "beispiellosen Verwahrlosung" unterschreiben?