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Tintenfisch, frisch geklebt - so tricksen die Hersteller bei Calamari

26.06.2013 | 19:28 Uhr
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Tintenfisch, frisch geklebt - so tricksen die Hersteller bei Calamari
Calamari: Verbrauchern fällt die Täuschung auf den ersten Blick nicht auf.Foto: Getty Images/iStockphoto

Essen.  Anstelle von echten Ringen landen jetzt auch Kringel aus Calamari-Brei auf dem Teller. Als Bindemittel dient ein Stoff, der auch in Tapetenkleister steckt. Die Aufmachung des Produkts suggeriert dem Verbraucher auf den ersten Blick allerdings echten Calamari-Ring-Genuss.

Die Lebensmittelindustrie zeigt sich erfinderisch: Nach Analogkäse und Klebeschinken kommt jetzt auch Pansch-Tintenfisch auf den Tisch. Mithilfe von Zusatzstoffen wie Methylcellulose, die unter anderem Hauptbestandteil vieler Tapetenkleister ist, schaffen es die Produzenten, Calamari-Ringe aus Tintenfischbrei nachzubauen. Verbrauchern fällt die Täuschung auf den ersten Blick nicht auf.

Eigentlich möchte man meinen, tunken die Hersteller für die Produktion von Calamari-Ringen im Teigmantel, die als Tiefkühlware in den Handel kommen, Abschnitte von Tintenfischen in einen Teig. Häufig ist das auch der Fall, wie bei den „Calamares à la Romana“ von Edeka, deren Backteig es auf sage und schreibe 15 Ingredienzien bringt – von Wasser über das Verdickungsmittel Guarkernmehl bis hin zum Farbstoff Riboflavin.

Nur 50 Prozent Fisch im Gericht

Doch es geht auch anders. „Calamares à la Romana“ bietet auch das Hamburger Unternehmen Iceland Seafood an. Die Kringel tragen im Titel noch den Zusatz „à la Saison“. Wie bei Edeka stecken hier ebenso 50 Prozent Tintenfisch im Gericht. Doch mit echten Tintenfischringen hat der Tüteninhalt nicht mehr viel zu tun.

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Als „Tintenfischringe, geformt aus zerkleinertem Tintenfischfleisch im Backteig“, bewirbt der Hersteller seine Kreation. Die Aufmachung des Produkts suggeriert dem Verbraucher auf den ersten Blick allerdings echten Calamari-Ring-Genuss. Beim Anblick der goldbraunen Ringe auf der Vorderseite der Verpackung lässt sich erst einmal nicht erahnen, dass es sich lediglich um Brei handelt.

Neben Weizenmehl, Wasser und Paniermehl findet sich auch Methylcellulose als Zutat im Form-Tintenfisch. „Methylcellulose ist ein Multifunktionstalent“, erläutert der Biologe Christian Niemeyer, der das Hamburger Zusatzstoffmuseum leitet. „Sie ist nicht nur Hauptbestandteil vieler Tapetenkleister, sondern dient zum Beispiel auch als Füllstoff und Verdickungsmittel in verschiedenen Nahrungsmitteln und Kosmetikprodukten.“ Der menschliche Organismus könne den Stoff nicht verdauen. Giftig sei er allerdings nicht.

Verbraucherzentrale nennt es „Pampe“

„Pampe“: Mit diesem Wort bringt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg auf den Punkt, was er von den Tapetenkleister-Calamari hält. Aus Sicht der Verbraucherzentralen handele es sich hier um Verbrauchertäuschung, so der Lebensmittelexperte. Rein rechtlich könne der Anbieter dem Vorwurf jedoch entgegenhalten, dass ja alles auf der Verpackung stehe. Das sei ähnlich wie beim Schinken, der häufig aus einzelnen Fleischstücken zusammengefügt werde.

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Beim Produzent Iceland Seafood, der die „falschen“ Calamari beispielsweise an Kaiser’s Tengelmann, Rewe Dortmund oder Norma liefert – bisweilen als Eigenmarke mit unterschiedlicher Aufmachung – sieht man durchaus eine Berechtigung für das Produkt. „Wir bieten die Calamari schon etliche Jahre am Markt an“, sagt Daniel Braun, Marketingleiter des Unternehmens.

„Auf die Idee für ein Mus aus zerkleinerten Tintenfischringen sind wir unter anderem gekommen, weil die Population des Illex argentinus’, der Tintenfischart, die für die Herstellung von klassischen Calamari-Ringen verwendet wird, irgendwann nicht mehr in die Netze gegangen und die Spezies auf die ‚Rote Liste’ der bedrohten Arten gesetzt worden ist.“

Handel fragte nach einer Alternative

So sei man auf eine andere Tintenfischart, den Dosidicus gigas, umgestiegen. Weil der Fisch, wie der Name schon sage, sehr viel größer sei, sei die Produktion von klassischen Calamari-Ringen, wie sie der Verbraucher bereits kenne, nicht mehr möglich gewesen.

Auch von den Handelspartnern habe es Nachfrage nach einem alternativen Produkt gegeben. „Durch die Verknappung des Illex argentinus hat sich die Herstellung der klassischen Tintenfischringe verteuert“, erläutert Braun. „Unsere Kooperationspartner wollen aber auch weiterhin zu günstigen Preisen einkaufen.“

Mandy Kunstmann

Kommentare
30.06.2013
20:21
Tintenfisch, frisch geklebt - so tricksen die Hersteller bei Calamari
von gatagorda | #8

Tinternfischringe sind sowie so nicht das Ding, ich kaufe mir meine Calamares und Pulpos (Oktopus) fangfrisch auf dem Markt. Ausserdem können die wenigsten in Deutschland Tinternfisch richtig zubereiten. Und diese fritierten Tintenfischringe sind zu 100 % zäh wie Kaugummi.

29.06.2013
09:01
Tintenfisch, frisch geklebt - so tricksen die Hersteller bei Calamari
von alias-king | #7

Wenn der Verbraucher unbedingt Tintenfischringe haben will (die sind ja lebensnotwendig)
können die meinetwegen auch aus altem Kaugummi gemacht sein.ICH brauche sie NICHT.

28.06.2013
00:11
Tintenfisch, frisch geklebt - so tricksen die Hersteller bei Calamari
von Juelicher | #6

Mancher Zeitgenosse scheint sich Landwirtschaft u. Lebensmittelherstellung wie im Mittelalter zu wünschen, als noch regelmäßig Hungerleiderei an der Tagesordnung war. Wer günstige, zeitsparende Convenience-Produkte in sich hineinstopfen möchte, kann keine Sterneküche erwarten. Dass in großtechnologischen Prozessen mit vielen - überwiegend unproblematischen - Hilfsmitteln gearbeitet wird, die Laien fremdartig anmuten, ist logisch. Niemand wird dazu gezwungen, die meisten Inhaltsstoffe stehen auf der Verpackung. Es steht jedermann frei, sich von natürlichen Lebensmitteln zu ernähren. Es kann nicht so schwer sein, den Unterschied von "Lebens"mitteln zu Nahrungsmitteln oder gar Genussmitteln zu erkennen. Dieses permanente ideologiegeladene Bashing jedes Herstellers, um von der eigenen Faulheit u. Dummheit abzulenken, ist irgendwann nur noch langweilig. Dass man ein Unternehmen betreibt, um damit Gewinne zu erzielen, dürfte wohl logisch sein.

1 Antwort
Tintenfisch, frisch geklebt - so tricksen die Hersteller bei Calamari
von rtf | #6-1

richtig!!

27.06.2013
09:41
Tintenfisch, frisch geklebt - so tricksen die Hersteller bei Calamari
von Shy_Eye | #5

Dem Verbraucher wird es hier immens schwer gemacht. Ich mein mit welchem Recht dürfen Produzenten machen was sie wollen? Ich zahl Geld dafür, also will ich auch wissen was im Produkt steckt, um mich davon distanzieren zu können.

Was sich die Politik und Industrie für Rechte herausnimmt ist unter aller sau.

27.06.2013
09:36
Tintenfisch, frisch geklebt - so tricksen die Hersteller bei Calamari
von Ex-Leser | #4

@1
Das mag bei den einem oder anderen Richtig sein.

Aber hier kann man die gleiche Frage wie bei dem Ei und dem Huhn stellen.
Was war zuerst da ?

Der Wunsch billig zu konsumieren oder aber die Billigangebote der Produzenten und den damit selbst auferlegten Preisdruck.

Oder geht es gar nur um Gewinnmaximierung, da die Produkte nicht vile billiger sind und irreführende Produktbeschreibungen auf den Verpackungen zu finden sind.

Schön umschriebene Begriffe, die gesetzliche Grauzohnen ausnutzen und den Verbrauch in die Irre führen.

Glauben Sie denn jemand der ein "normales" Produkt kaufen möchte, würde auch klar deklarierten Analogkäse oder Formfleisch zurück greifen ?
Was glauben Sie warum nicht vorne auf der Verpackung Analogkäse oder Formflesich draufsteht?

27.06.2013
09:34
Tintenfisch, frisch geklebt - so tricksen die Hersteller bei Calamari
von Shy_Eye | #3

Ja, einigen Menschen ist völlig egal was sie für einen Müll kaufen, der aber als Leckerbissen von der Lebensmittelindustrie beworben wird, wenns am Ende auch noch schmeckt, dann hat man zwei Fliegen mit einer Klappe gefangen: Es ist unendlich billig in der Produktion und bringt somit etliche Millionen Gewinne durch den "sagen wie mal "teuren" Verkauf" und für den Verbraucher, der kriegt was leckeres für wenig Geld.
Von mir aus können sich solche Leute mit diesem Kram vollstopfen, mir tun lediglich die Kinder leid, die das nachmachen werden, weil ihre Eltern solche beschränkten Ignoranten sind. Es gibt allerdings Menschen die für nen normalen Preis regional einkaufen wollen und die ALLE Zutaten "die ein in Produkt ausmacht und in sich trägt" nachzulesen ist. Gentechnisch veränderte Enzyme müssen schonmal nicht drauf stehen, teilweise hat man das Gefühl viele Hersteller lassen mittlerweile einige Zutaten weg, in 90% der Fälle erfährt man nicht wo die Zutaten herkommen.

27.06.2013
08:56
Tintenfisch, frisch geklebt - so tricksen die Hersteller bei Calamari
von nulpe2 | #2

warum wird in der lebensmittelherstellung eigentlich immer von ..tricksen ...geredet...

wenn man in anderen bereichen jemanden etwas verkauft was es eigentlich nicht ist ,dann nennt man das betrug......

1 Antwort
Tintenfisch, frisch geklebt - so tricksen die Hersteller bei Calamari
von GummiHai | #2-1

Stimme Ihnen vollkommen zu.

Die ganze Werbung ist nichts als Lug und Trug. Was da passiert ist ja schon an der Grenze zur Straftat (Betrug, arglistige Täuschung). Das wird aber wohlwollend von den Regierenden und der Justiz geduldet.

So ist das nun einmal, wir leben in einer Wirtschaftsdiktatur.

27.06.2013
07:45
Tintenfisch, frisch geklebt - so tricksen die Hersteller bei Calamari
von karlsson57 | #1

Der Verbraucher will billig-also bekommt er den Schrott.Aber Motoröl für 30€ pro Liter in die Karre kippen...unglaublich!

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