Textilhandel – Heute kaufen, morgen tragen?

Wer im Sommer Sommerware kaufen will, muss sich oft mit Restposten begnügen. Der Handel will das ändern.
Wer im Sommer Sommerware kaufen will, muss sich oft mit Restposten begnügen. Der Handel will das ändern.
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
Der Textilhandel in Deutschland leidet sehr unter den Wetterkapriolen. Jetzt wollen die Händler ihre Einkaufspolitik umstellen.

Essen.. Diese Woche soll es warm werden. Wer sich von der Sonne beflügelt für den Sommer einkleiden will, wird nicht mehr alle Größen und Farben der luftigen Textilien vorfinden, weil Shorts und Shirts schon seit Februar in den Regalen liegen. Dafür wird es ab August schon wieder warme Winterjacken zu kaufen geben. Die Jahreszeiten decken sich längst nicht mehr mit dem Modeangebot in den Läden. Doch das soll sich ändern.

Vor einigen Wochen hat Steffen Jost, Präsident des Bundesverbands des Deutschen Textileinzelhandels (BTE), die neue Losung für seine Branche ausgegeben: „Heute kaufen, morgen tragen.“ An dieser Richtschnur, so sein Appell, sollten seine Mitglieder künftig ihre Einkaufspolitik orientieren. Josts Aufruf kommt nicht von ungefähr. Denn die Wetterkapriolen verhageln den Händlern zunehmend das Geschäft.

Warme Kleidung kein Renner

Nach BTE-Angaben hat der dritte milde Winter in Folge in diesem Jahr erneut die Verkaufszahlen von warmer Kleidung einbrechen lassen. Umsätze und Margen gehen zurück, weil Winterware viel zu lange im Laden hängt und am Ende im Preis so stark heruntergesetzt werden muss, dass sie überhaupt noch gekauft wird. „Wir brauchen ein Umdenken in der Branche. So kann es nicht weitergehen“, sagt Axel Augustin, Sprecher des Textileinzelhandels-Verbands. „Die Preisreduzierungen sind inzwischen so hoch, dass es nicht mehr vertretbar ist.“

Textilbranche Doch den Händlern sind oft die Hände gebunden. Im Januar/Februar müssen sie Herbst- und Winterware ordern, die dann schon im August ausgeliefert wird. Für das nächste Frühjahrs- und Sommergeschäft wird im Juli und August bestellt. In den Läden liegt die Ware meist schon ab Februar. Die frühen Termine setzen in der Regel die Hersteller, die oft im fernen Asien nähen lassen und lange Transportwege einkalkulieren müssen.

Problem "gefühlte Veralterung"

BTE-Präsident Jost räumt aber auch ein, dass Betreiber von Boutiquen und Bekleidungshäusern eine Mitverantwortung tragen: „Da grassiert immer noch die Urangst, zu spät am Markt zu sein.“ Zumal Lieferanten wie Händler auch angesichts hoher Mieten in Innenstädten und Einkaufszen­tren kaum noch Lager vorhalten. Auch deshalb landet die dicke Daunenjacke schon im Sommer am Ständer, während draußen Flipflop-Wetter ist. „Was drei Monate herumhängt, wird nicht mehr so gern gekauft“, verweist Verbandssprecher Augustin auf das Phänomen „gefühlte Veralterung“.

Aldi Der Rat des Textileinzelhandels, die Daunenjacken erst im Oktober, wenn es auch wirklich kälter wird, im Laden zu präsentieren, stößt allzu oft auch an logistische Grenzen. Zumal die Händler kaum noch die Möglichkeit haben, Modeartikel nachzubestellen. Die Folge: Der Marktanteil von Boutiquen und mittelständischen Modehändlern schrumpft immer weiter. Im Aufwind befinden sich dagegen Online-Anbieter, die nur über Lager verfügen, und Ketten wie H&M, Zara und Primark, die aufgrund ihrer schieren Größe kürzere Orderfristen haben, selbst produzieren lassen und die Ware in eigenen Läden verkaufen.

Bedarfsgerechte Liefertermine

Aber auch andere Unternehmen haben den Handlungsbedarf bei der Mode erkannt: „Wir setzen die Vororder so, dass wir innerhalb der Saison flexibel reagieren können“, sagte ein Sprecher des Warenhauskonzerns Galeria Kaufhof dieser Zeitung. Auch die Hagener Bekleidungshaus-Kette Boecker, die zur Steilmann-Gruppe gehört, setzt nach eigenen Angaben auf eine „bedarfsgerechte Anpassung der Liefertermine“. Ein Sprecher: „Im Branchenvergleich sieht sich die Steilmann-Gruppe hier sehr gut aufgestellt.“