Subventionen auf dem Prüfstand?
30.06.2010 | 18:32 Uhr 2010-06-30T18:32:00+0200
Essen.Schwarz-Gelb will die ermäßigte Mehrwertsteuer überarbeiten. Ex-Minister Hans Eichel weiß, wie schwer das ist. Seine Idee, Tierfutter voll zu besteuern, hetzte ihm Legionen von Hundeliebhabern auf den Hals.
Die Steuerermäßigung für Hotels hat der Bundesregierung vor allem Spott eingebracht. Doch während sich ein halbes Jahr nach ihrer Einführung selbst führende Liberale von der Steuerermäßigung distanzieren, erzielt sie plötzlich einen sehr nützlichen Nebeneffekt: Die Debatte über ihre Rückabwicklung beschleunigt die Pläne einer grundlegenden Reform der ermäßigten Mehrwertsteuer.
Seit vielen Jahren ärgern sich Politiker lautstark über Absurditäten bei den Mehrwertsteuersätzen von sieben und 19 Prozent. FDP-Chef Guido Westerwelle fragt mit Vorliebe, warum für Tierfutter der ermäßigte, für Babynahrung aber der volle Steuersatz gilt. Gern genannt werden auch Trüffel und Rennpferde als privilegierte Luxusgüter oder Windeln und Wasser als fälschlich verteuerte Waren.
Die sozialen Gründe für die Einführung des ermäßigten Satzes 1967 werden im heutigen Ausnahme-Dickicht nicht mehr sichtbar. Es sollten Lebensmittel des täglichen Bedarfs, der öffentliche Nahverkehr und kulturelle Güter für jeden erschwinglich bleiben. Doch dabei ist es nicht geblieben, viele Lobbygruppen setzten viele Ausnahmen durch.
Nun nimmt Schwarz-Gelb einen neuen Anlauf, die Subventionierung auf jene Güter zu beschränken, für die sie einmal gedacht war. Aufs Tempo drückt die FDP.
„Die Überarbeitung der Mehrwertsteuersätze ist im Koalitionsvertrag vereinbart. Wir haben das Thema jetzt noch einmal aufgegriffen, damit die Reform in Gang kommt”, sagte FDP-Steuerexperte Hermann-Otto Solms dieser Zeitung. Den Liberalen ist Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bei diesem Thema offenbar zu zögerlich.
Der FDP bietet sich die Chance, wenigstens einigermaßen glaubwürdig die Hotel-Begünstigung zurückzunehmen. Wenn alle Ausnahmen auf den Prüfstand kommen, müsse natürlich auch darüber geredet werden, heißt es aus FDP und CDU. Nun zeigt sich, wer die Hotellobby noch stärker vertritt als die Liberalen: CSU-Chef Horst Seehofer ließ gestern wissen, er stehe „mit eiserner Konsequenz” zur Steuersenkung für die Hotels.
FDP-Mann Solms rät davon ab, einzelne Ausnahmen infrage zu stellen. Nicht, weil er sie verteidigt, sondern weil er weiß, was dann blüht: „Wenn man die Schnittblumen nennt, hat man sofort alle Händler und Züchter auf den Barrikaden – und schon steckt man in der Falle.” Er sei für eine systematische Überarbeitung. Doch wenn das nicht durchsetzbar sei, könne am Ende auch eine Senkung des Regelsatzes bei Abschaffung der Ausnahmen herauskommen. Doch die schwarz-gelbe Koalition will an die einzelnen Ausnahmen heran. Sie hat sich damit vorgenommen, was keiner ihrer Vorgänger-Regierungen gelungen ist.
Unter Rot-Grün gab der „eiserne“ Finanzminister Hans Eichel (SPD) dieses Unterfangen entnervt auf, nachdem er zwischen die Lobbyfronten geraten war. Seine Idee, Tierfutter voll zu besteuern, hetzte ihm Legionen von Hundeliebhabern auf den Hals. Zuletzt kamen sogar neue Ausnahmen hinzu: Die Große Koalition senkte 2008 die Steuern für Skilifte und Seilbahnen, Schwarz-Gelb bedachte 2010 die Hoteliers.
Doch es geht nicht nur um die Abschaffung von Absurditäten des Steuerrechts, sondern auch um viel Geld. Der Staat verzichtete zuletzt auf rund 24 Milliarden Euro jährlich, weil er 54 Produktgruppen geringer besteuerte. In der aktuellen Haushaltsnot wird daher der Druck größer, Ausnahmen abzuschaffen.
Wie es aus Berlin heißt, werden mögliche Mehreinnahmen bereits verplant, etwa für den Sozialausgleich bei den Krankenkassen. Allein durch eine volle Besteuerung von Hotelbetten, Tierfutter, Schnittblumen und Rennpferden könnte der Staat gut 1,7 Milliarden Euro im Jahr mehr einnehmen.
Andererseits wird auch darüber diskutiert, bisher voll besteuerte Waren herunterzustufen, etwa Arzneien, Kinderkleidung oder Babywindeln. Doch das würde die Einsparungen mehr als auffressen. Allein ein ermäßigter Satz für Arzneien würde rund 3,7 Milliarden Euro kosten, für Kinderbekleidung und -Schuhe etwa eine Milliarde. Im Herbst sollen erste Vorschläge auf dem Tisch liegen.

13:41
@ Nachdenker
Ein Zitronenfalter faltet auch keine Zitronen !
12:24
Offen bleibt immer noch die Frage was am Verkauf von Geldprodukten so sozial ist, das die von jeglicher Mehrwertsteuer befreit bleiben sollen.
10:52
#7 - Nachdenker667656675
Es gibt keinen Mehrwert, das dürfte wohl jedem klar sein. Aber es gibt ja auch keine Mehrwertsteuer in Deutschland, sondern eine Umsatzsteuer, also ist doch wieder alles in Ordnung. ;-)
00:42
Wieso zahle ich für den Kauf eines Anteils an einer Firma Mehrwertsteuer, für den Kauf einer Aktie aber nicht?
Wieso kann ein Unternehmer die für den Betrieb bezahlte Mehrwertsteuer für eine gekaufte Waschmaschine als Vorsteuer absetzen, auch wenn das Gekaufte in seinem Betrieb bleibt. Der Privatmann aber nicht?
00:33
Bleibt die Frage: Wieso gilt für die Zeitung der 7% Mehrwertsteuersatz, und das zum Großteil inhaltsgleiche Onlineangebot wird gar keine Mehrwertsteuer erhoben.
Vielleicht sollte man in diesem Zuge überhaupt einmal über den Sinn der MehrwertSteuer nachdenken. Worin besteht der Mehrwert eines Produktes das künstlich um 7 bzw. 19 % teurer gemacht wird?
23:19
Wie wäre es damit, 500 Mio/Jahr sparen indem man die versteckte Subvention an Zeitarbeitsfirmen streicht indem man diese Branche ZWINGT Löhne zu zahlen bei denen man nicht auf zusätzliches Hartz IV angewiesen ist.
22:52
Das gibt sowie so nichts, die Lobbys stehen schon in den Startlöchern. Mittlerweile regieren die unser Land mit.
21:59
Ich zitier mal kurz den Artikel: Die Große Koalition senkte 2008 die Steuern für Skilifte und Seilbahnen
Kein Grund also hier auf die Rot-Grüne Regierung zu schimpfen.
21:48
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21:48
Genau, die Tierheime sind ja auch so leer, da kann man die Steuern auf Tierfutter auch mal wieder kräftig erhöhen.
Schafft mal lieber eine Fahrradsteuer ein. Aber da traut ihr euch wohl nicht ran.