Stahl-Präsident rechnet mit Stilllegung von Hochöfen

Wolfgang Eder, Chef des österreichischen Konzerns Voestalpine.
Wolfgang Eder, Chef des österreichischen Konzerns Voestalpine.
Foto: Ralf Rottmann/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Präsident des Weltstahlverbands, Wolfgang Eder, rechnet mit dem Aus für mehrere Hochöfen in Europa. „Sechs bis acht Werke“ seien bedroht.

Düsseldorf.. Der Präsident des Weltstahlverbands, Wolfgang Eder, rechnet mit tiefen Einschnitten in der Branche. „Wir müssen uns damit vertraut machen, dass innerhalb der nächsten 20 Jahre das Feuer in einigen Hochöfen erlischt“, sagte Eder im Gespräch mit der WAZ. In Europa werde „zu viel Stahl produziert“. Weil es enorme Überkapazitäten gebe, seien die Preise so niedrig, dass es zunehmend kritischer werde für eine Reihe von Standorten. Er sehe „sechs bis acht Werke“ in Europa von der Schließung bedroht.

Mit Blick auf die Beschäftigten an Europas größtem Stahlstandort Duisburg sagte Eder, er wolle den Mitarbeitern keine Angst einjagen und es stehe ihm auch nicht zu, über einen spezifischen Standort zu reden. Aber generell bringe es nichts, „um den heißen Brei herumzureden“ und die Dinge zu beschönigen. „Die Krisensignale sind seit Jahren nicht zu übersehen“, betonte Eder, der auch Vorstandschef des österreichischen Stahlkonzerns Voestalpine ist. Gerade bei einfachen Produkten könnten viele Werke in Europa auf Dauer nicht mit den Herstellungskosten in der Türkei, der Ukraine, Russland, China oder Indien konkurrieren.

Hochöfen haben Symbolcharakter

„Es ist in der Realität ganz offensichtlich etwas anderes, etwa ein Autowerk zu schließen“, sagte Eder. „Auch das tut den Beteiligten weh und führt zu heftigen Diskussionen mit Politik und Gewerkschaften, aber es gibt es eine Lösung binnen angemessener Frist. Doch der Symbolcharakter eines Hochofens scheint ungleich größer, auch wenn es um vergleichsweise wenige Arbeitsplätze geht.“

Auch beim deutschen Branchenriesen Thyssen-Krupp geht man davon aus, dass nicht alle Stahlhersteller überleben können. Konzernchef Heinrich Hiesinger sagte unlängst, sollte es zu einer Konsolidierung kommen, werde sich Thyssen-Krupp als einer der größten europäischen Stahlkonzerne aktiv daran beteiligen. „Es gab doch schon jede Menge Zusammenschlüsse“, sagte Eder dazu. „Mitte der 90er-Jahre existierten in der Europäischen Union 26 Flachstahlunternehmen, jetzt sind gerade noch sechs oder sieben übrig geblieben.“ Dadurch habe sich aber das grundsätzliche Problem der Überkapazitäten nicht gelöst.

Herr Eder, kennen Sie den Landschaftspark Duisburg-Nord?

Eder: Nein, aber ich kann mir denken, worum es geht.

In Duisburg gibt es einen stillgelegten Hochofen, um den herum ein Parkgelände entstanden ist. Glauben Sie, bald gibt es noch anderswo ähnliche Standorte?

Eder: Wir müssen uns jedenfalls damit vertraut machen, dass innerhalb der nächsten 20 Jahre das Feuer in einigen Hochöfen erlischt. In Europa wird zu viel Stahl produziert, vor allem zu viel einfache Stahlgüten. Weil es enorme Überkapazitäten gibt, sind die Preise so niedrig, dass es zunehmend kritischer wird für eine Reihe von Standorten. So kann es nicht weitergehen.

Wie viele Werke sind bedroht?

Eder: Bei einer aktuellen Kapazität von rund 210 Millionen Tonnen Rohstahl in Europa sind 30 bis 40 Millionen Tonnen zu viel. Bei einer Produktion von durchschnittlich etwa fünf Millionen Tonnen pro Standort reden wir also über sechs bis acht Werke, die betroffen wären.

In Duisburg befindet sich nach wie vor Europas größter Stahlstandort. Möchten Sie den Beschäftigten Angst einjagen?

Eder: Nein, mir steht es auch gar nicht zu, über einen spezifischen Standort zu reden. Aber es bringt ganz generell nichts, um den heißen Brei herumzureden und die Dinge permanent zu beschönigen. Die Krisensignale sind seit Jahren nicht zu übersehen. Wohlgemerkt: Ich sage nicht, dass in Europa nichts mehr von der Stahlindustrie übrig bleibt. Aber gerade bei einfachen Produkten können wir auf Dauer nicht mit den Herstellungskosten in der Türkei, der Ukraine, Russland, China oder Indien konkurrieren. Wir müssen uns in Europa auf hochwertigen Stahl konzentrieren, der höhere Gewinnmargen verspricht, mit Massenstählen haben wir auf Dauer keine Chance.

Die europäischen Stahlkonzerne setzen doch längst auf Qualitätsprodukte.

Eder: Aber das funktioniert nicht auf Knopfdruck sondern braucht viele Jahre. Daher kommt bisher auch nicht genug Geld in die Kassen, um im technologischen Wettbewerb mit Asien mithalten zu können. Europa ist dabei, die Führungsrolle in Bezug auf die technologische Entwicklung abzugeben.

Auch bei Deutschlands größtem Stahlkonzern Thyssen-Krupp geht man davon aus, dass nicht alle Hersteller überleben können. Konzernchef Hiesinger sagte unlängst, sollte es zu einer Konsolidierung kommen, werde sich Thyssen-Krupp als einer der größten europäischen Stahlkonzerne aktiv daran beteiligen.

Eder: Es gab doch schon jede Menge Zusammenschlüsse. Mitte der 90er-Jahre existierten in der Europäischen Union 26 Flachstahlunternehmen, jetzt sind gerade noch sechs oder sieben übrig geblieben. Dadurch hat sich das grundsätzliche Problem der Überkapazitäten aber nicht gelöst, denn rechtlich wurde zwar konsolidiert, strukturell aber hat sich überhaupt nichts geändert.

Wenn, wie Sie sagen, häufig kein Geld mit der Stahlproduktion verdient wird: Warum kommt es dann nicht zu Werksschließungen?

Eder: Jedes Unternehmen muss seine eigenen Entscheidungen treffen. Aber klar ist: Die Stahlindustrie hat ihre Eigenheiten. Politik, Emotionen und die Geschichte spielen offensichtlich eine sehr große Rolle. Es ist in der Realität ganz offensichtlich etwas anderes, etwa ein Autowerk zu schließen. Auch das tut den Beteiligten weh und führt zu heftigen Diskussionen mit Politik und Gewerkschaften, aber es gibt es eine Lösung binnen angemessener Frist. Doch der Symbolcharakter eines Hochofens scheint ungleich größer, auch wenn es um vergleichsweise wenige Arbeitsplätze geht.

Im Ruhrgebiet erinnert man sich heute noch an die Schlacht um den Hochofen von Rheinhausen. Wollen Sie, dass es vergleichbare Bilder wieder gibt?

Eder: Davon kann keine Rede sein, aber die Welt hat sich verändert und der globale Wettbewerb wird schärfer. Als vor vielen Jahrzehnten die Stahlwerke in Europa errichtet wurden, standen sie für den Aufbruch in eine neue Zeit. Wir müssen uns von diesem Mythos der Stahlindustrie verabschieden und uns auf unsere Stärken konzentrieren. Wir werden künftig nicht mehr auf allen Hochzeiten tanzen können. Noch haben wir in Europa einen technologischen Vorsprung, aber der wird immer kleiner.

Sie haben in Duisburg bereits ein Schienenwerk geschlossen. Etwas abzureißen, ist leicht. Neues aufzubauen, ist doch viel anspruchsvoller.

Eder: Wir haben uns die Werksschließung nicht leicht gemacht. Aber es hilft nicht weiter, den Menschen in die Tasche zu lügen und ihnen eine Perspektive vorzugaukeln, die es nicht gibt. Und was das Aufbauen angeht: Wir haben in Deutschland allein in den letzten fünf Jahren 500 Millionen Euro investiert, ein Vielfaches von dem was in Duisburg verloren gegangen ist, darüber wird nicht gesprochen, das scheint selbstverständlich! Generell haben wir Voestalpine in den letzten 15 Jahren Stück für Stück zukunftsfähiger gemacht und sind heute deutlich profitabler als viele Wettbewerber. Der Stahl ist dabei übrigens zwar noch immer ein wichtiger Geschäftsbereich, macht aber nur noch 30 Prozent unseres Umsatzes aus. Unser Augenmerk liegt heute insbesondere auf anspruchsvollen Endprodukten für die Auto-, Flugzeug- und Bahnindustrie.

Was, glauben Sie, passiert, wenn Europas Stahlindustrie weitermacht wie bisher?

Eder: Dann ist die logische Konsequenz, dass die Probleme noch zunehmen werden und sie damit immer weniger Handlungsalternativen hat, weil vielen Unternehmen dann das Gesetz des Handelns aus der Hand genommen wird.