Stadtwerke stecken in der Energie-Falle

Viele Energieversorger müssen Blöcke ihrer Kraftwerke stilllegen. Im Bild: Das ehemalige Atomkraftwerk THTR Hamm.
Viele Energieversorger müssen Blöcke ihrer Kraftwerke stilllegen. Im Bild: Das ehemalige Atomkraftwerk THTR Hamm.
Foto: Hans Blossey
Was wir bereits wissen
Die Landesregierung NRW macht sich große Sorgen über die Folgen der Energiewende für die Stadtwerke. Bei den großen Konzernen RWE und Eon laufen bereits Stilllegungsprogramme. RWE prüft, bis zu 15 Blöcke mit 10.000 Megawatt einzumotten, Eon die Stilllegung von 11.000 Megawatt.

Essen.. Am Montag treffen sich Vertreter des fünftgrößten Energieversorgers Steag aus Essen, des Aachener Stadtwerkeverbundes Trianel, der Stadtwerke in Düsseldorf und Bochum, des Verbandes kommunaler Unternehmen sowie der Gewerkschaft IG BCE mit dem Landeswirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD).

Hintergrund sind die Probleme, die die Energieerzeuger mit ihren konventionellen Kraftwerken auf Basis von Steinkohle und Gas haben.

Dutzende Blöcke vor Stilllegung

Bei den großen Konzernen RWE und Eon laufen bereits Stilllegungsprogramme. RWE prüft, bis zu 15 Blöcke mit 10.000 Megawatt (MW) einzumotten, Eon die Stilllegung von 11.000 MW. Und Vattenfall schreibt 4,1 Milliarden Euro auf Steinkohlekraftwerke ab. Hintergrund sind die stark verfallenden Großhandelspreise durch die enorme Zunahme der erneuerbaren Energien. Die Kraftwerke rutschen tief in die Verlustzone.

Wirtschaft Andere Eigentümer, die gleichen Probleme: Nun rücken die ohnedies gebeutelten Kommunen mit ihren Stadtwerken in den Blickpunkt der Misere. „Was die Großen derzeit erleben, kommt mit Zeitverzug bei den Stadtwerken mit eigener Energieerzeugung an.

Das wird noch richtig durchschlagen“, sagt Roman Dudenhausen, Energieexperte und Vorstand der Essener Conenergy AG. Da die Großhandelspreise für Strom derzeit etwa nur zwei Drittel dessen einbringen, was zum Betrieb eines konventionellen Kraftwerkes nötig sei, seien Millionenverluste auch bei den Stadtwerken programmiert.

Die Essener Steag etwa gehört sieben Revier-Stadtwerken. Der Konzern hat in der Planung bis zum Jahr 2017 bereits fünf Blöcke zur Stilllegung vorgesehen. Was nicht ohne Folgen für das Personal bleibt. Steag hat bereits Ende 2011 ein Sparprogramm aufgelegt und 200 Stellen sozialverträglich gestrichen.

Land macht sich große Sorgen

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit blieb allerdings die zweite Sparrunde, die der Konzern in einer Pressemitteilung über die Bestellung eines neuen Finanzchefs versteckt hat. Bis 2017 stehen durch eine „Neuorganisation der Verwaltung“ weitere 300 Stellen an deutschen und internationalen Standorten auf der Streichliste. Begründung: „fundamentale Veränderungen“ auf dem Energiemarkt. Der Stellenabbau sei schmerzlich, „aber notwendig. Er ist bedauerlicherweise auch jetzt notwendig“.

Strompreis Die Folgen der Energiewende schlagen ausgerechnet jetzt heftig durch, wo die Steag-Eigentümer auch noch 600 Millionen Euro in die Hand nehmen wollen, um die restlichen 49 Prozent Anteile an Steag zu erwerben. Ein Wert, der heute nie und nimmer für das Unternehmen zu erzielen wäre, der allerdings aus den Kaufverträgen von 2010 stammt.

Im Klartext: Unter Berücksichtigung der Prinzipien eines vorsichtigen Kaufmanns müssten die Stadtwerke die Steag-Anteile in ihren Büchern im Wert sofort nach unten korrigieren und Abschreibungen von zig Millionen vornehmen.

Das Land hat also Grund genug, sich Sorgen zu machen. Nicht allein wegen der Steag-Kommunen, darunter Bochum, Dortmund oder Essen. Auch Trianel, der Aachener Stadtwerkeverbund, trägt schwer an der Energiewende. Jüngst hat der Konzern den geplanten Neubau eines Gas-Kraftwerks in Krefeld für einige Jahre auf Eis gelegt. Trianel-Chef Sven Becker versuchte sich mit einem Weckruf an die Politik. „Vor allem junge und neue Kraftwerke können trotz ihrer Effizienz unter den aktuellen Marktbedingungen ihren Kapitaldienst nicht mehr erbringen.“

Millionen-Gräber der Kommunen

Energiewende paradox: Die alten, abgeschriebenen Möhren laufen weiter, weil sie wirtschaftlich sind — und stoßen dabei mehr CO2 aus als jüngere und effizientere Anlagen. So rutschen derzeit bei Neuanlagen die einige Jahre alten Wirtschaftlichkeitsberechnungen reihenweise in die Verlustzone – zum Leidwesen vieler Kommunen.

Eine Reihe von Stadtwerken, darunter wiederum Bochum und Dortmund, sind mit 23 Prozent am Neubau der RWE-Anlage Gekko in Hamm beteiligt. Wenn die 1600 MW-Anlage, mehr als zwei Milliarden Euro teuer, 2014 als modernste Kohlekraftwerk der Welt ans Netz geht, hat sich die Anlage längst zum Millionen-Grab entwickelt.

Die Dortmunder DEW 21 rechnet mit einem jährlichen Verlust von 15 Millionen Euro. Die Stadtwerke Witten, beteiligt an Gekko sowie dem Trianel-Neubau in Lünen für 1,4 Milliarden Euro, müssen mit einem mittleren zweistelligen Millionen-Verlust rechnen, schätzt Energieexperte Dudenhausen. Auch die Bochumer Stadtwerke stecken tief im Kraftwerks-Keller: mit Beteiligungen an Gekko, Lünen und Steag.