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Sportwetten-Anbieter bewegen sich am Rande der Illegalität

15.01.2016 | 18:22 Uhr
Sportwetten-Anbieter bewegen sich am Rande der Illegalität
Neu eröffnet: Ein Wettbüro an der Gemarkenstraße in Essen-Holsterhausen. Vor wenigen Monaten trafen sich an dieser Stelle die Menschen aus dem Viertel in einem Szenecafé.Foto: Jakob Studnar

Ruhrgebiet.   Sportwetten-Anbieter befinden sich in einer rechtlichen Grauzone. Die wirtschaftlich erfolgreichen eröffnen trotzdem mehr und mehr Shops in guten Lagen.

Hinterköpfe, die dir ihr Geld geben, sind ein großer Vertrauensbeweis, und Fred Rama hat ständig zu tun mit Hinterköpfen. Zwar geben die Leute ihm ihre Wettscheine, ihr Geld über die Ladentheke, aber viele gucken dabei entschlossen in Gegenrichtung: auf die Wand mit den zwölf Bildschirmen.

Die mit den spannenden Zahlenkolonnen!

In zweien dieser Bildschirme läuft Sportfernsehen zur allgemeinen Unterhaltung, auf allen anderen stehen Zahlen ohne jedes Ende: Spielstände, vor allem aber Quoten, Quoten, Quoten für 1001 Wettmöglichkeit. Selten kommt es zu flackernden Höhepunkten wie der Einblendung „Mögliches Tor Anderlecht“ – und wenn es gleich gelten sollte, das Tor, dann schütteln sich die Zahlenkolonnen einen Moment komplett durch und stellen sich als neu berechnete Quoten sogleich wieder hin. Wer noch auf Arnheim setzt, den Gegner, kriegt jetzt mehr raus.

Aber sonst passiert auf den Bildschirmen nichts. Meistens passiert: nichts. Es ist eine Variante von Standfußball, die ausschließlich in Wettannahmen gespielt wird. Männer, die auf Zahlen starren.

Nervosität im Raum

Wettbüro in der Winterpause muss man mögen. „70 Prozent spielen nur Bundesliga“, sagt Rama. Aber ein paar Männer sind eigentlich immer da, auch an einem Freitag Mitte Januar; und weil viele auf acht oder zehn Spiele zugleich setzen, die irgendwo in der Welt gerade laufen, ist natürlich doch immer eine gewisse Bewegung in ihrem Tipp und eine gewisse Nervosität im Raum. „Celtic hat drei Tore gemacht. Zwei brauch’ ich noch. Hab’ noch fünf Minuten“, sagt ein Mann zu seinem Nachbarn. Seine Antwort: „Bei mir erste Halbzeit sechs Tore, zweite kommt gar nichts mehr, null.“ Zehn, zwölf Männern geht es gerade so ähnlich. Wenn es noch erlaubt wäre, wäre das hier ein verqualmter Raum.

Draußen zwei Sandkübel für Kippen.

Viele Fußballvereine haben einen Sportwettenanbieter zum Sponsor: Mitchell Weiser (l.) und Julian Schieber vom Hertha BSC. Foto: Jörg Carstensen

Als Jacov Efroni in der Bochumer Innenstadt anfing, da arbeitete er mit Pferdewetten und war ein staatlich lizensierter Buchmacher. Heute, 31 Jahre später, hat er fünf Läden, Pferdewetten sind tot, Fußball und alles andere, was auf -ball oder -hockey endet, hat übernommen – aber die rechtliche Basis seines Geschäfts „gibt es im Moment nicht. Ich weiß, das hört sich dumm an“.

Über den Rechtsstreit in der Wett-Branche berichtet die Kollegin Maren Schürmann unten auf dieser Seite; Efroni, ein freundlicher und offener Mann, hat ihn so in Erinnerung: „Zehn Jahre Hölle, versiegelte Läden, unsere Branche galt als DER Feind des deutschen Staates.“ Neulich hat er sich mit seiner Frau mal hingesetzt und überschlagen: „Was wir in diesem Leben an Steuern bezahlt haben, da kommt eine Summe heraus, das ist unfassbar.“

Gespielt wird nämlich immer. Morgens um 11 schließt Fred Rama die Annahme auf, dann stehen da schon „zwei, drei, vier mit ihren Scheinen“. Wer will, kann jetzt live Japan oder Australien tippen, wo es schon wieder Abend wird. Mit dem Lauf der Sonne dann kommen die Abschläge näher: Hongkong, Arabische Emirate, Israel, Griechenland . . . Aber, Herr Rama, allen Ernstes, wer setzt denn sein gutes Geld auf „Emirates Kaima – Nasr Dubai“ oder auf „Kitchee SC – Sun Pegasus“? „Irgendeiner kennt sich immer in einem Land aus.“ Oder nutzt die weitgehend unterschätzten Möglichkeiten des weißrussischen Eishockeys: „HC Dinamo – Khimik Novopolotsk“ bringt das stolze 4,8-fache – im Falle eines Unentschiedens.

Da soll man nicht eben eine rauchen gehen!

Es ist ein Raum der kurzen, leisen Ansagen. Des Raschelns von Papier: An guten Sportwochenenden im Frühjahr umfasst das Wettprogramm bis zu 100 eng bedruckte DIN-A-4-Seiten. Viele Kunden kennen einander. Verkehrssprachen Türkisch und Deutsch. Schulterklopfen. „Alles klar?“ „Wie geht’s?“ „Da isser wieder, unser Gewinner.“ „Wird doch alles geschoben hier.“ „Kommße morgen wieder?“ Der eine da hinten knobelt stundenlang an seinem Tipp und hat fußballerische Fachliteratur auf dem Tisch ausgebreitet. Links beraten sich zwei leise: „Zwei Tore vor bei denen?“ „Die haben mich schon Nerven gekostet, die mach’ ich gar nicht mehr.“ Sonstigen Gesprächsstoff liefern die Bildschirme: „Mögliches Tor Arnheim.“ Und Handys sind verboten. Weil manchmal die Lautstärke mit einem Spieler durchging. „Manche wollen bei wichtigen Spielen ihre Ruhe haben“, sagt Rama.

Auf was man alles wetten kann

Klar, sie können auf eine Mannschaft oder Unentschieden setzen. Sie können auf zwei dieser Möglichkeiten wetten, Halbzeitergebnisse wetten, Tordifferenzen, wer das nächste macht, eine Heim- oder Auswärtsmannschaft, wieviel Tore insgesamt fallen, mehr auswärts oder heim, vor Spielbeginn oder ab jetzt, wetten wetten wetten . . . Meist gehen dabei kleinere Summen über die Ladentheke, aber dann kommt so ein junger Kerl und setzt 200 Euro auf Exeter gegen Liverpool, und das ist auch nicht völlig ungewöhnlich. Gewinne über 2000 Euro, steht an der Wand, werden nach 20 Uhr nicht mehr ausgezahlt, sondern am nächsten Tag. Sicherheitsgründe natürlich, aber „an ganz großen Wetten bin ich auch nicht mehr interessiert, ich werde älter“, sagt Efroni, der Inhaber: „Früher wollte ich jedes Risiko gehen.“

Viele suchen sich natürlich die leichten Spiele aus; die, bei denen man mit ein bisschen Fußballverstand gar nichts falsch machen KANN. Beliebt: acht bis zehn Spiele und die Wette, dass in allen am Ende zwei Tore Unterschied herrschen. „Haste gewonnen, Hassan?“ – „Eine ist falsch. Eine von zehn ist falsch. Da kriege ich statt 860 Euro zehn.“

Draußen zwei Sandkübel voller Kippen.

(Hubert Wolf)

Kommentare
16.01.2016
15:00
Sportwetten-Anbieter bewegen sich am Rande der Illegalität
von boaheyglaubse | #1

10 Euro Friseurshop schließt. Eine Woche später eröffnet dort ein Wettbüro. Handyshop schließt. Eine Woche später eröffnet dort ein Wettbüro....
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Sportwetten-Anbieter bewegen sich am Rande der Illegalität
Sportwetten-Anbieter bewegen sich am Rande der Illegalität
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2016-01-15 18:22
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