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Schrauben-Milliardär Würth zählt Geld „eins, zwei, viel“

Schrauben-Milliardär Würth zählt Geld „eins, zwei, viel“

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20161102_jr_050~242a7799-1999-4871-b05a-32420cb16e5f-005.jpg Foto: Jonas Ratermann
Sein Geld zählt er „eins, zwei, viel“: Milliardär Reinhold Würth spricht über sein Schrauben-Imperium und die Entführung seines Sohnes.

Künzelsau. 

Am Rande des Städtchens Künzelsau im Nordosten Baden-Württembergs erhebt sich die Firmenzentrale des Weltkonzerns Würth-Gruppe. Viel Glas, viel Beton, viel Platz. Von draußen geht ein älterer Mann gemächlich ins weitläufige Foyer. Am Anzug trägt er ein Namensschild, als sei er nur zu Besuch. Dort steht „Reinhold Würth“. Der Firmeninhaber persönlich führt den Gast vom Eingang in sein Büro mit 270-Grad-Blick über die sanften Hügel. Es ist 9 Uhr morgens, das Interview der erste Termin des 81-Jährigen an einem langen Arbeitstag.

Herr Professor Würth, wollen wir über Geld sprechen?

Reinhold Würth:

Immer. Geld regiert die Welt.

Sie gehören zu den zehn reichsten Deutschen. Wissen Sie, wie viel Geld Sie haben?

Würth:

Manchmal habe ich gar kein Geld. Wenn ich meinen Fliegerclub besuche, muss ich mir auch mal das Bier von Freunden bezahlen lassen, weil ich nichts dabeihabe. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Die Finanzen der Würth-Gruppe sind ja öffentlich. Wir haben im Moment 4,3 Milliarden Euro an Eigenmitteln in der Bilanz stehen. Die Summe ist kaum noch quantifizierbar, es ist halt viel. Ich zähle mein Geld so wie die Urbevölkerung am Amazonas: eins, zwei, viel.

In den gängigen Reichen-Rankings stehen Sie mit neun bis zwölf Milliarden Euro Eigentum.

Würth:

Das kommt hin. Da ist natürlich auch der Geschäftswert eingerechnet. Wenn ich mein Unternehmen verkaufen würde, käme wohl so eine Summe heraus.

Was löst Ihr Reichtum in Ihnen aus?

Würth:

Hier in Hohenlohe gibt es ein Sprichwort: Wo kein Geld ist, ist der Teufel. Wo viel Geld ist, ist der Teufel zweimal. Da ist was dran. Ich kümmere mich wenig ums Geld. Wir werden in diesem Jahr wohl einen Gewinn von 600 Millionen Euro machen. Davon wandern 300 Millionen ins Eigenkapital, das dann von 4,3 auf 4,6 Milliarden Euro wächst. Ich persönlich habe davon nicht viel. Auch brauche ich nichts davon. Das Kapital dient der Sicherheit des Unternehmens.

Warum so bescheiden?

Würth:

Ich habe fast bei null angefangen. Ich habe den Betrieb 1954 nach dem Tod meines Vaters übernommen. Die Firma hatte damals ein Eigenkapital von 10.000 Mark. Ich hatte zwei Mitarbeiter, heute sind es über 71.000. Ich staune selbst, was aus dem Unternehmen geworden ist.

Gönnen Sie sich gar keinen Luxus?

Würth:

Ich habe einen Luxus, ein Boot auf dem Wasser. Im Moment ist es in Neuseeland im Trockendock.

Sie haben auch fünf Flugzeuge und sind leidenschaftlicher Pilot …

Würth:

War ich! Ich habe den Pilotenschein abgegeben, als ich 80 wurde.

Wovor hatten Sie Angst?

Würth:

Meine Augen haben ein wenig nachgelassen. Ich wollte die Ärzte nicht in die Lage bringen, mir sagen zu müssen, dass es nicht mehr geht. Ich komme damit klar. Ich bin über 7000 Stunden in command geflogen. Ich habe inzwischen gelernt, dass es sehr nett sein kann, mit meiner Frau hinten zu sitzen und ein Gläsle Wein zu trinken.

Wie müssen wir uns Ihre heutige Rolle im Unternehmen vorstellen?

Würth:

Ich habe 2006 die rechtliche Verantwortung für das Unternehmen abgegeben. Meine Tochter Bettina ist Beiratsvorsitzende, für das Management haben wir familienfremde Geschäftsführer. Ich bin Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats. Die Unternehmungen sind Teil unserer Familienstiftungen, denen ich vorsitze. Rechtlich gesehen könnte ich mich viel mehr einbringen, aber ich verzichte darauf. Wenn man das Unternehmen mit einer Aktiengesellschaft vergleicht, bin ich die Hauptversammlung. Ganz wichtige Entscheidungen landen bei mir.

Ihr Wort ist das entscheidende?

Würth:

Das mitentscheidende. Ich bin recht beratungsaffin. Ich habe mich schon oft von meinen Geschäftsführern in meiner Meinung umstimmen lassen. Am Ende muss es aber immer einen geben, der sagt: So wird’s gemacht. Ich muss zugeben, das bin schon ich.

Wo soll die Firma in zehn Jahren stehen?

Würth:

Nach meiner Vorstellung wächst sie gesund weiter. 40 bis 50 Prozent mehr an Umsatz sollten innerhalb von zehn Jahren schon möglich sein, teilweise auch durch Akquisitionen.

Welche Märkte wachsen noch?

Würth:

In Ländern wie Indien werden wir noch enormes Wachstum erleben. In Branchen wie Auto und Holz ebenso. Hierzulande wird es moderates Wachstum geben. Durch Innovationen, die es erstaunlicherweise in unserer Branche noch gibt, können wir von hier aus erfolgreich sein. Trotz Internet, trotz weltweitem Wettbewerb.

Ist das Internet eine Bedrohung für einen Schraubenspezialisten?

Würth:

Das Internet ist Bedrohung und Gewinn zugleich. Die Onlinekonkurrenz wächst wie Unkraut. Wie sich zeigt, wachsen diese Bäume aber auch nicht in den Himmel. Wir sind glücklicherweise keine Buchhändler und keine Banker. Unsere Ware kann man nicht durch den Draht beamen. Wir unterhalten in Deutschland 420 Niederlassungen, die auf 1000 ausgebaut werden sollen. Kein Kunde soll mehr als fünf bis zehn Minuten Autofahrt haben, um zu einer Würth-Niederlassung zu gelangen. Das ergibt eine Lieferzeit, die nicht mal Amazon hinbekommt. Unsere gute Beratung vor Ort kann kein Internetshop bieten. Das wissen Handwerker zu schätzen.

Welchen Rat geben Sie jungen, onlineaffinen Unternehmern mit auf den Weg?

Würth:

Der erste Rat: Bescheidenheit. Man darf nie den Boden unter den Füßen verlieren. Zu bleiben, wer man am Anfang war, ist das Allerwichtigste. Ich habe zu viele Karrieren gesehen, die unschön verliefen, je mehr Macht ein Firmenchef bekam. Solche Leute verändern oft ihren Charakter, sie werden arrogant, herablassend. Sie halten sich für große Zampanos. Das ekelt mich geradezu an. Der zweite Rat: Wachstum ohne Gewinn ist tödlich. Wenn Unternehmer im Internet nur umsatzgetrieben handeln, aber ständig Verluste einfahren, dann ist das schlicht Geldverbrennung. Mit dem Umsatz muss das Betriebsergebnis wachsen.

Vielen Deutschen sind Sie eher als Kunstsammler ein Begriff. Stört Sie das?

Würth:

Nee, gar nicht.

Haben Sie ein Lieblingsbild?

Würth:

Eigentlich nicht. Ich freue mich, manche Bilder nach langer Zeit wieder zu sehen. Sie sind wie alte Bekannte für mich. Es gibt ja Sammler, die sitzen esoterisch eine Stunde vor einem Bild. So bin ich nicht. Ich sitze lieber eine Stunde, um guter Musik zu lauschen. Musik bewegt mich mehr. Ich war erst gestern in Berlin und habe die Berliner Symphoniker gehört.

Ihre Sammlung im Berliner Martin-Gropius-Bau hat bis Anfang des Jahres mehr als 100.000 Besucher angezogen. Wie ist Ihr Verhältnis zur Hauptstadt?

Würth:

Ich finde Berlin zum Schmunzeln. Herr Wowereit hat einen Satz geprägt, der den Berlinern noch über Generationen nachhängen wird: Die Stadt ist sexy, aber elend pleite. Das wird noch Jahrzehnte so sein. Ich mag die Berliner Schnauze. Ich höre gern zu, wenn die Berliner ihre große Klappe aufmachen.

Wie häufig nutzen Sie Ihr Anwesen auf Schwanenwerder?

Würth:

Meine Frau und ich haben erst gestern da übernachtet. Wir nutzen es viel zu wenig. Viele Firmen und Verbände machen dort Veranstaltungen, es ist ja auch unsere Hauptstadtrepräsentanz. Insofern sind wir damit sehr zufrieden.

Sie hätten gern das Chipperfield-Haus auf der Museumsinsel gekauft, um es dann der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu überlassen. Nun schenkt es die Familie Bastian selbst der Stiftung. Sind Sie enttäuscht?

Würth:

Es war schon ein bisschen skurril. Es war alles abgehandelt zwischen Herrn Bastian, der Stiftung und mir. Dann hat sich die Familie Bastian überraschend anders entschieden. Ich hätte der Stiftung eine Spende gemacht, damit sie das Haus erwerben kann. Nun bekommt sie das Haus ohne mein Geld. Ich bin mit dem Stiftungspräsidenten Herrn Parzinger im Kontakt. Wir kriegen unser Geld schon irgendwo anders unter.

Im vergangenen Jahr gab es ein erschütterndes Ereignis in Ihrer Familie. Ihr behinderter Sohn wurde aus seiner Wohngemeinschaft in Hessen entführt. Einen Tag später fand man ihn unversehrt, aber an einen Baum gefesselt. Können Sie darüber sprechen?

Würth:

Ja, schon. Das Gute ist ja, dass die Entführer meinem Sohn Markus nichts angetan haben. Er hatte nicht einen Kratzer. Er ist nun an einem anderen Ort, den ich nicht nennen möchte.

Die Entführer wollten drei Millionen Euro, aber es kam zu keiner Lösegeldübergabe. Von den Tätern fehlt bis heute jede Spur. Haben die Behörden versagt?

Würth:

In der besagten Nacht hat die Polizei Unglaubliches geleistet. Mehr war nicht möglich. Es waren Hessen, Bayern und Baden-Württemberg beteiligt. Ich habe den Innenministern danach meinen Dank ausgesprochen. Die Entführer waren einfach zu raffiniert. Das waren sehr professionelle Täter.

Fühlen Sie sich sicher?

Würth:

Ach ja, schon. Ich habe keine Feinde. Ich bewege mich nie so, dass meine Wege sich täglich ritualisiert wiederholen. Ich bin viel unterwegs in der ganzen Welt. Aber wenn es mal nach Indonesien oder so geht, habe ich einen Bodyguard dabei.

Würden Sie sagen, dass Sie glücklich sind?

Würth:

Glück ist relativ. Wenn ich Glück mit einer gewissen Zufriedenheit und Ausgeglichenheit assoziiere, dann bin ich schon glücklich. Ein Dichter sagte mal: Das größte Glück ist, gut ausgeschlafen zu sein. Dem stimme ich zu. Wenn ich morgens ausgeschlafen bin und nichts wehtut, könnte ich glücklicher kaum sein.