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Schock-Szenario für Stahlhersteller

30.03.2016 | 05:33 Uhr

Düsseldorf. Prognos nennt es ein „Belastungsszenario“. Das Forschungs- und Beratungsinstitut hat für den deutschen Stahlverband errechnet, was passieren würde, wenn die geplanten strengeren Regeln der Europäischen Kommission für den Handel mit Kohlendioxid-Verschmutzungsrechten tatsächlich zur Realität werden. Die Studie trägt den harmlosen Titel „Volkswirtschaftliche Folgen einer Schwächung der Stahlindustrie in Deutschland“. Im Kern geht es indes um die Frage: Was wäre, wenn es die heimische Stahlindustrie nicht mehr gäbe?

Die Antworten, die Prognos formuliert, fallen alarmierend aus. Das Institut vermutet, dass in Deutschland bis zum Jahr 2030 bis zu 380 000 Arbeitsplätze verschwinden, wenn es in der Stahlindustrie zu einem „exogenen Schock“ kommt, wie es Prognos-Studienleiter Jan Limbers sagt. Gemeint ist damit die von der EU geplante Verschärfung des Emissionshandels ab dem Jahr 2021.

„Existenzbedrohende Pläne“

Prognos verweist in der Modellrechnung zu den möglichen Arbeitsplatzverlusten auf die besondere Rolle der Stahlindustrie als Lieferant für das verarbeitende Gewerbe mit Branchen wie dem Maschinen- und Fahrzeugbau sowie der Elektroindustrie. Hinzu kommt der Druck auf Betriebe, die Aufträge der Stahlindustrie erhalten – beispielsweise Logistiker und Dienstleister. Auch Kaufkraftverluste spielen eine Rolle.

Bundesweit zählt die Stahlindustrie etwa 87 000 Arbeitsplätze, 47 600 davon befinden sich in NRW. Laut einer Studie des Essener Instituts RWI hängen sogar 3,5 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland direkt oder indirekt vom Stahl ab.

Hans Jürgen Kerkhoff, der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, sieht sich durch die Prognos-Studie darin bestätigt, dass die EU-Pläne „existenzbedrohend“ für seine Branche seien. Der Stahlindustrie drohen seinen Berechnungen zufolge ab dem Jahr 2021 Belastungen von durchschnittlich 1 Milliarde Euro pro Jahr, bis zum Jahr 2030 sei sogar mit 1,6 Milliarden zu rechnen. Er befürchte eine „rasch voranschreitende De-Industrialisierung“, warnt Kerkhoff. Den Stahlherstellern setzt auch zu, dass massenhaft Billigstahl aus China auf den europäischen Markt gelangt.

Bei der Einschätzung der Lage herrscht große Einigkeit mit den Arbeitnehmervertretern. „Wettbewerbsnachteile aufgrund der hohen Belastungen durch einen verschärften Emissionshandel oder durch Dumping-Konkurrenz aus China gefährden nicht nur die Stahlindustrie in ihrer Substanz, sondern auch den gesamten Industriestandort NRW“, sagt Knut Giesler, der Chef der IG Metall in NRW. In Duisburg befindet sich Europas größter Stahlstandort mit Unternehmen wie Thyssen-Krupp, Arcelor-Mittal und HKM. Für den 11. April ist eine Großdemonstration in der Stadt geplant – mit Teilnahme von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Vizekanzler Sigmar Gabriel und IG Metall-Chef Jörg Hofmann. „Die Probleme der Stahlindustrie nimmt die NRW-Landesregierung sehr ernst“, sagte Kraft unserer Zeitung. „Denn beim Thema Billigimporte geht es um viele Arbeitsplätze in der Branche, und Nordrhein-Westfalen ist hier besonders betroffen.“

Gabriel verweist im Zusammenhang mit den chinesischen Importen darauf, dass die Handelspolitik in der Zuständigkeit der EU-Kommission liegt. Er setze sich in Brüssel für „eine klare europäische Haltung“ und fairen Wettbewerb ein.

Die Stahlindustrie erhofft sich indes nicht nur politische Unterstützung im Kampf gegen chinesische Importe, sondern insbesondere auch den Einsatz der Bundesregierung in Sachen Emissionshandel. „In solchen Debatten ist die Stimme Deutschlands wichtig“, merkt Hans Jürgen Kerkhoff an.

Dem Vernehmen nach plant Prognos schon eine weitere Studie mit einem „Belastungsszenario“ in Sachen Emissionshandel. Diesmal soll es um die Chemieindustrie gehen.

Ulf Meinke

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