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Scharfer Schnitt

27.04.2007 | 17:29 Uhr

Das Rasiermesser war fast vergessen. Jetzt wird es neu aufgelegt, weil junge Männer immer öfter danach fragen. Klingenhersteller wie Zwilling produzieren in Serie, Friseure wittern ein Geschäft. Nur die Bartträger sind empört

Essen. Trocken oder nass, Rasierapparat oder Klinge? In der Frage ist die Männerwelt gespalten. Jetzt aber kommt eine fast vergessene Variante wieder hinzu, die Rasur mit dem Rasiermesser. Ganze Branchen wollen in Zukunft davon profitieren. Klingenhersteller, Messerschleifer und Friseure wittern ein Geschäft und haben sich auf den neuen Trend eingerichtet.

Rudolf Stehlo, 59, hat die meiste Zeit seines Berufslebens mit Rasiermessern zugebracht. Der Solinger war der letzte Rasiermesserschleifer beim großen Schneidwaren-Hersteller Zwilling. Vor zehn Jahren machte er sich selbstständig, aus der Not heraus. Denn bei Zwilling gab es für ihn nichts zu tun. Rasiermesser waren aus der Mode.

Heute gehört Zwilling zu Stehlos größten Kunden, der nur mühsam alle Aufträge in seiner kleinen Werkstatt abarbeiten kann. "Die neuen Messer sind wieder gefragt", sagt Stehlo. Dabei unterscheiden sie sich kaum von alten Modellen. Ein Griff aus Holz, feinem Büffelhorn oder einfachem Kunststoff und eine darin versenkbare Klinge.

Das Problem für Firmen wie Zwilling war in der Vergangenheit die problematische Herstellung. Rasiermesser-Produktion ist reine Handarbeit. Bis zu 75 Arbeitsschritte sind nötig. Entsprechend teuer sind sie, kosten zwischen 50 und 150 Euro. Doch während früher die Männer aus Mangel an Alternativen zum Rasiermesser griffen, tun sie es heute aus anderem Grund. "Der Mann will sich wieder männlicher fühlen und sich in seiner Körperpflege zur Frau abgrenzen. Diesen Trend greifen wir auf", sagt Björn Wandtke, Produktmanager bei Zwilling.

Eine Art Testballon ließ das Unternehmen im vergangenen Jahr steigen. Zum 275-jährigen Bestehen wurden 275 Rasiermesser-Sets für 275 Euro auf den Markt gebracht. Sie waren in kurzer Zeit vergriffen. Nun steigt Zwilling in die Serienproduktion ein.

Ab Juli kommen zwei neue Rasiermesser-Typen mit Holzgriff auf den Markt, zunächst 3000 Stück. Dazu gibt es Streichriemen zur Pflege des Messers und Streichpaste. "Die Nachfrage wird immer größer, vor allem bei Männern im Alter zwischen Mitte und Ende 20", sagt Wandtke.

Zwilling ist mit seiner Serie zwar der größte Rasiermesser-Produzent, allerdings längst nicht mehr der einzige. "Es gibt einige Firmen, die sich seit kurzem wieder auf die Rasiermesser-Produktion konzentrieren", sagt Jens Heinrich Beckmann, Geschäftsführer des Industrieverbandes Schneidwaren und Bestecke in Solingen, wo die weltweit meisten Rasiermesser-Produzenten sitzen. Viele Firmen klagen über Fachkräfte-Mangel. Den Lehrberuf des Rasiermesser-Schleifers gibt es schon lange nicht mehr.

Heribert Wacker hat diese Ausbildung durchlaufen. Der 69-Jährige führt seine Familienfirma Wacker-Rasiermesser aus Solingen in der dritten Generation. "Junge Männer kommen zu mir und wollen das alte Messer vom Großvater wieder aufbereitet haben", erzählt er. Das aber sei meist nicht nötig. Rasiermesser können bei guter Pflege locker 80 Jahre halten, länger als jeder Rasierapparat. Für Unerfahrene bietet Heribert Wacker abends nach der Arbeit ab 20.30 Uhr kostenlose Einführungskurse an. Die Nachfrage nimmt zu.

Auch Friseure haben mit dem Rasiermesser eine Marktlücke entdeckt. "Diese Dienstleistung hat Potenzial", sagt Dirk Kramprich vom Verband des Friseurhandwerks in Köln und berichtet von Unternehmer-Initiativen, die Rasiermesser-Seminare für Friseure anbieten, inklusive Einweisung in die strengen Hygiene-Vorschriften. So muss jedes Messer nach dem Gebrauch desinfiziert werden.

Es gibt aber auch Menschen, die die neue Bewegung skeptisch betrachten. Für die Mitglieder des Verbandes Deutscher Bartclubs bedeutet das Comeback des scharfen Messers ein Schlag ins bärtige Gesicht. "Oh mein Gott", empört sich dessen Präsident Erwin Fetscher, angesprochen aufs Rasiermesser. Später gibt er kleinlaut zu, dass rund die Hälfte der Bartclub-Mitglieder lediglich einen wohlgeformten Schnäuzer hätten. Für die sei das Rasiermesser vielleicht doch eine Alternative.

Von Wolfgang Pott

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