Das aktuelle Wetter NRW 9°C
Gastbeitrag

RWI-Chef: Staatshilfe für veraltete Strukturen ist falsch

15.06.2009 | 11:21 Uhr
RWI-Chef: Staatshilfe für veraltete Strukturen ist falsch

Essen. An dieser Stelle kommentieren Professoren aus dem Ruhrgebiet ökonomische Themen. Diesmal: Christoph M. Schmidt vom Rat der Wirtschaftsweisen und Chef des Essener RWI-Instituts. Er warnt vor staatlichen Hilfen in der Krise und erklärt, warum solche Subventionen falsch sind.

Mit der Entscheidung des Staates, bei der Restrukturierung von Opel großzügig Hilfe zu leisten, scheinen nun alle Dämme gebrochen: Die Zahl der Unternehmen, die um Unterstützung angefragt haben, geht inzwischen in die Tausende. Trotz gegenteiliger Bekundungen besteht die Gefahr, dass die Politik in einem Wahljahr nicht die Kraft aufbringen wird, sich ihnen zu widersetzen. Doch die notwendigen Erneuerungsprozesse müssen gerade in der Krise eine Chance bekommen.

Die Soziale Marktwirtschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie strukturelle Veränderungen zulässt, jedoch gleichzeitig aktiv fördert und durch soziale Sicherungssysteme abfedert. Die Anpassungen auf Seiten der Arbeitnehmer werden dabei durch vergleichsweise hohe Lohnersatzleistungen bei gleichzeitiger Qualifizierung und Arbeitsvermittlung unterstützt. In der aktuellen Ausnahmesituation ist die Politik zusätzlich gefordert, die weiterhin angespannte Situation im Finanzsektor anzugehen, um zu gewährleisten, dass die Realwirtschaft mit Liquidität versorgt wird.

Warum Subventionen bedenklich sind

Subventionen hingegen, die alte Strukturen bewahren wollen, welche die Kunden offenbar nicht mehr genügend attraktiv finden, sind nicht zu rechtfertigen. Vielmehr laufen sie Gefahr, Anpassungen zu behindern und die langfristige Wachstumsdynamik zu beeinträchtigen:

Erstens mutet sich die Politik eine objektive Entscheidungskompetenz zu, die sie in der Praxis gar nicht besitzt: Spektakuläre staatliche Unterstützung wird großen Unternehmen eher zuteil als kleinen und mittelständischen Unternehmen.

Zweitens setzen staatliche Rettungsmaßnahmen das Prinzip der Haftung außer Kraft, wenn immer Eigentümer sich bei der Rettung ihres Unternehmens selbst zurückhalten. Eigentümer und Gläubiger werden also durch Staatshilfen an ihre Unternehmen vor Verlusten geschützt, die durch das von ihnen eingesetzte Management zu verantworten sind. Diese Sozialisierung von Verlusten ist besonders deshalb ungerecht, weil Gewinne im Erfolgsfall privat verbucht werden.

Wettbewerb wird verzerrt

Drittens ist es nahezu unvermeidlich, dass die direkte Staatshilfe den Wettbewerb verzerrt, wenn der Staat an den Kundenwünschen vorbei eingreift. Erfolgreichen Unternehmen und ihren Mitarbeitern die Früchte guter Arbeit zu verwehren, ist kaum zu rechtfertigen. Viertens wird den betreffenden Unternehmen der Druck genommen, ihr Geschäftsmodell so umzustellen, dass sie die Kunden tatsächlich ansprechen. Dies führt langfristig zu noch größeren Verlusten. Fünftens kann auch eine Insolvenz ein Neuanfang sein, für die Fortführung der Geschäfte mit neuen Eigentümern, einer neuen Unternehmensstruktur oder einem neuen Geschäftsmodell.

Letztlich handelt es sich bei solchen Staatshilfen also um eine Umverteilung von Wohlstand und Lebensqualität von den Steuerzahlern, solide wirtschaftenden Unternehmen und ihren Mitarbeitern hin zu erfolglosen Unternehmen. Die Politik sollte deshalb diese Strategie keinesfalls fortsetzen.

Christoph M. Schmidt

Facebook
 
Kommentare
15.06.2009
13:02
RWI-Chef: Staatshilfe für veraltete Strukturen ist falsch
von Pistol_Pete | #2

Genau Manni und dann machen ier die zweite real existierende Sozialistische Republik auf deutschem Boden auf. Fang schon mal an Steine für den Schutzwall zu sammeln.

15.06.2009
12:06
RWI-Chef: Staatshilfe für veraltete Strukturen ist falsch
von der_Manni | #1

und Staatshilfen für bankrotte, sog. Systembanken sind ebenfalls falsch. Erinnert mich an die F.J. Strauß-Milliarden-Kredite für die DDR in den 80ern, die die DDR noch ein bisschen länger am Leben hielten bevor der Staat zusammenbrach. Genauso wird es jetzt mit den Milliarden Steuergeldern für bankrotte Systembanken sein, die das sichere Zusammenbrechen des neoliberalen und marktradikalen Wirtschaftssystems nur ein wenig hinauszögern.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/349042/create

Umfrage
Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

Das Aus für die Drogeriekette Schlecker ist besiegelt. Werden Sie Schlecker vermissen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Das Samsung Galaxy S III
Bildgalerie
Smartphones
Die wertvollsten Marken der Welt
Bildgalerie
Markenvergleich
"Lasst Opel nicht sterben"
Bildgalerie
Opel Bochum
Aus dem Ressort
13.200 Schlecker-Frauen ohne Job - Verdi gibt Politik Schuld
Schlecker
Der Gläubigerausschuss beschließt die Abwicklung des insolventen Unternehmens, da keine wirtschaftliche Perspektive erkennbar sei. 13.200 Beschäftigte verlieren damit endgültig ihren Arbeitsplatz. Gleichzeitig entbrannte ein Streit, wer für die Schlecker-Pleite verantwortlich ist.
Text 43 Kommentare 43
Deutsche Textilfirmen entdecken „made in Marokko“
Mode
Konzerne wie Zara oder Diesel lassen verstärkt ihre T-Shirts und Jeans in Afrika fertigen. Die Vorteile gegenüber China liegen auf der Hand: Es ist preisgünstiger – und schneller. Kritiker sorgen sich allerdings um die Näherinnen.