RWE-Vorstand will im Norden wildern
08.08.2008 | 21:25 Uhr 2008-08-08T21:25:27+0200Dortmund. Seit wenigen Monaten steht Thomas Birr an der Spitze des Regionalversorgers RWE Westfalen-Weser-Ems (WWE). Noch keine 100 Tage im Amt, verkündete der neue Vorstandschef kürzlich die höchste Gaspreiserhöhung aller deutschen Versorger. ...
... Trotzdem, sagt Birr, macht ihm der neue Job in der Chefetage des Dortmunder RWE-Turmes "viel Spaß". Mit einem Plus von 27 Prozent stellt die WWE sogar ihre Schwester RWE Rhein Ruhr in den Schatten. Dort steigt der Gaspreis ab September "nur" um 25 Prozent. Birr selbst kann zwar wenig für den Preissprung. Schließlich laufen die Vorplanungen für eine Preisrunde bei RWE ein gutes halbes Jahr, und die Regionaltöchter entscheiden nicht alleine. Doch der Vorstandsvorsitzende verteidigt den Preissprung professionell. "Die explosiv angestiegenen Beschaffungskosten ließen keine andere Wahl", sagt Birr. "Die anderen haben die Erhöhungen über mehrere Stufen gestreckt, wir haben punktuell zugelegt."
Mit neuen Produkten kämpft Birr nun darum, die Kunden dennoch bei Laune und im Konzern halten. Besonders im Strombereich hatte WWE Tausende Kunden verloren. Birr setzt auf den "Überraschungseffekt, den wir aus werblichen Gründen dringend brauchen". Der erste Coup des Maschinenbauingenieurs war ein Festpreisangebot für Gas. Die Kunden machen zwar die Preiserhöhung im September mit. Doch dann garantiert ihnen WWE gegen einen weiteren monatlichen Aufschlag von drei Euro drei Jahre lang stabile Preise. In wenigen Wochen war das vorgesehene Kontingent von 40 000 Verträgen ausgeschöpft.
Früher vermittelte Birr vor allem Kunden aus der Industrie, wie man trotz steigender Energiekosten überlebt. Er war zuständig für "Key Account", die Großkunden von RWE. Dort verhandelte er zum Beispiel mit dem Aluminiumproduzenten Trimet über eine passende Stromversorgung. Dass Trimet ein geschlossenes Aluwerk in Hamburg wieder zum Leben erwecken konnte, lag auch am ausgefeilten Stromvertrag des Großabnehmers.
Die Geschäftskontakte im hohen Norden kann Birr nun gut gebrauchen. Mit der WWE will er außerhalb des Stammlandes wildern. Der Ex-Monopolist könne in der Heimat nur verlieren, was man in der Ferne kompensieren müsse. "Nur 100 Kilometer nördlich von Dortmund endet unser Versorgungsgebiet - da geht das Land aber noch 400 Kilometer weiter", gibt Birr die Richtung vor.
Birrs erste Reisen führten ihn aber zur regionalen Basis der WWE. Schließlich versorgt die RWE-Tochter kleine Kommunen mit im Schnitt 17 000 Einwohnern mit Energie. Die Tour durch die Landrats- und Bürgermeisterämter nutzte Birr als Werbetour. "Wir müssen und werden Konkurrenz zu kleineren Wettbewerbern wie Stadtwerken erzeugen", kündigt er an.
Nur beim HSV verliert Birr die Ruhe
Bei diesem Kampf sieht er seine WWE-Mannschaft voll hinter sich. In einigen RWE-Töchtern wie RWE-Systems herrscht derzeit große Unruhe wegen harscher Umbauten durch die Essener Konzernspitze. Birr dagegen zog in seinen ersten Wochen durch die WWE-Bereiche und fand alles ruhig: "Da haben alle verstanden, in welcher Wettbewerbssituation wir stehen."
Diese Ruhe vermittelt auch der Chef selbst. Kein Wunder, zuhause findet er davon mehr als genug. Ein halber Kilometer liegt zwischen dem restaurierten Bauernhof des Pferdefreunds bei Warendorf und seinem nächsten Nachbarn.
Mindestens einmal im Jahr wird Birr aber in Dortmund seine Ruhe verlieren. Das liegt dann weder an Preisrunden noch konkurrierenden Stadtwerken. Sondern an Besuch in der Stadt: Das Herz des gebürtigen Hamburgers Birr schlägt für den HSV - das gerahmte Trikot von (Ex-)Spielmacher van der Vaart vor seinem Büro spricht Bände. Der WWE-Chef hat generell "Spaß an gutem Fußball". Aber richtig packt es ihn, wenn der HSV spielt. "Da ist mir auch egal, wer gerade wieder drei Punkte lässt."

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