RWE in rauen Zeiten

Essen..  Zu Beginn einer Hauptversammlung stellt sich für gewöhnlich der Vorstandschef ganz allein den Aktionären. RWE-Chef Peter Terium scharte hingegen gleich die gesamte Vorstandsriege um sich. Es sollte ein Zeichen in der Krise sein. „In rauen Zeiten braucht es eine Mannschaft, die sich blind vertraut“, rief Terium den Aktionären in der Essener Grugahalle zu. Dass die Lage ernst ist, daran ließ er keinen Zweifel. Die Plänen von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), Betreiber alter Kohlekraftwerke zur Kasse zu bitten, sorgen für Verunsicherung in dem Unternehmen mit 60 000 Beschäftigten.

Es geht nun „an die Substanz“ von RWE, warnte Terium. „Die Abgabe würde nämlich das sofortige Aus für einen Großteil der Braunkohletagebaue und Braunkohlekraftwerke bedeuten.“ Dies gefährde Arbeitsplätze und die Versorgungssicherheit, mahnte der RWE-Chef. Vor der Grugahalle verteilten in diesem Jahr nicht nur Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace und Urgewald Flugblätter, um die Kohleverstromung anzuprangern. Auch die Auszubildenden von RWE appellierten an die Politik: „Macht keine Energiepolitik über unsere Köpfe hinweg.“

Im Saal bat Terium die Aktionäre um Geduld. „Die Krise ist bei weitem noch nicht ausgestanden – und die Zeiten werden noch rauer werden“, sagte der RWE-Chef. Auch aus den Redebeiträgen von Aktionärsschützern sprach eine gewisse Unsicherheit. „Ist der Gaul, auf dem wir reiten, längst tot und wir merken es nicht?“, fragte Marc Tüngler von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Viele Fragen nach künftigen Geschäftsmodellen für RWE wurden laut.

Mitten in der wohl schwersten Krise der Firmengeschichte muss sich RWE auch einen neuen Aufsichtsratschef suchen. Er stehe für eine Wiederwahl in einem Jahr „nicht mehr zur Verfügung“, sagte Amtsinhaber Manfred Schneider und verkündete damit erstmals öffentlich, dass er seinen Abschied vom Konzern vorbereite. Wer sein Nachfolger werden soll, ließ Schneider offen. Die ungeklärte Top-Personalie sei „eines der Kernprobleme“ von RWE, hatte Ingo Speich, Fondsmanager von Union Investment, geklagt. Der 76-jährige Schneider steht seit 2009 an der Spitze des RWE-Aufsichtsrats.

„Keine geldgierigenBlutsauger“

Erstmals meldeten sich auch die kommunalen RWE-Aktionäre in der Hauptversammlung zu Wort. Zum Kreis der Anteilseigner zählen finanzschwache Städte wie Dortmund, Essen und Mülheim. Zusammen halten NRW-Kommunen rund 24 Prozent der RWE-Aktien. Von städtischen Kämmerern war der Ruf nach stabilen Dividenden laut geworden. Ernst Gerlach, Geschäftsführer des Verbands der kommunalen RWE-Aktionäre, wies allerdings den Vorwurf der „Geldsucht“ zurück. Die Kommunen seien „keine geldgierigen Blutsauger“, sondern am langfristigen Wohl des Konzerns interessiert.

Doch wie es genau weitergehen wird, ist noch nicht absehbar. So schloss Konzernchef Terium auch eine Aufspaltung von RWE nach dem Vorbild des Konkurrenten Eon nicht mehr aus: „Sollten sich die Marktbedingungen weiter verschlechtern, behalten wir uns eine Aufspaltung vor.“