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Abgas-Affäre

Rücktritt von VW-Chef in den USA erzürnt Händler in Amerika

10.03.2016 | 06:18 Uhr
Der zurückgetretene Amerika-Chef von Volkswagen Michael Horn: „Wir haben totalen Mist gebaut.“Foto: REUTERS

Washington.  Volkswagens Amerika-Chef Michael Horn ist zurückgetreten. Die VW-Autohändler in den USA kritisieren deshalb jetzt die Konzern-Führung.

Der überraschende Rücktritt von Volkswagens Amerika-Chef Michael Horn am Mittwochabend hat dem in der Diesel-Betrugs-Affäre von diversen Klagen und möglichen Schadensersatzforderungen in Milliarden-Höhe betroffenen Auto-Konzern eine zusätzliche Großbaustelle beschert.

In einem Brandbrief, der unserer Redaktion vorliegt, wirft das Führungsgremium der 650 VW-Händler in den Vereinigten Staaten der Konzern-Führung in Wolfsburg in der Causa Horn schweres „Missmanagement“ vor. Horns Abgang, dessen Hintergründe bis zur Stunde unbekannt sind, sei „kontraproduktiv“ und werde das Unternehmen in den Verhandlungen mit den US-Behörden „nur noch weiter in Gefahr bringen“, heißt es in dem Schreiben von Alan Brown.

Der aus Texas stammende Chef des Rates der VW-Händler formuliert damit nach Ansicht von Branchen-Experten nicht weniger als eine Misstrauenserklärung gegen Hinrich Woebcken. Der ehemalige BMW-Mann sollte am 1. April die Gesamtleitung für die VW-Region USA, Mexiko, Kanada übernehmen. Horns Rücktritt zwingt ihn von der Aufseher-Rolle ad hoc in das von starken Umsatzeinbußen geprägte operative Geschäft in den USA.

Horns Schuldeingeständnis kam bei VW-Händlern gut an

Händler-Vertreter Brown sah in Horn in Amerika den einzigen relevanten VW-Aktivposten auf der Vertriebsebene. Horn sei es gewesen, der die mangelhafte Produktpalette des deutschen Autobauers auf dem umkämpften US-Markt früh identifiziert und für den Bau eines neuen SUV geworben habe, der ab Ende 2016 im Werk Chattanooga vom Band laufen soll. Nur Horn sei es zu verdanken, dass der Händlerverbund nach Jahrzehnten „falscher Versprechungen“ wieder „Vertrauen“ in die Marke VW gefasst habe.

Hintergrund: Als Chef der „Volkswagen Group of America“ war Horn die Profitabilität der Händler ein besonderes Anliegen. Durch verschiedene Finanztöpfe sorgte er dafür, dass die „Dealer“ die Umsatzeinbußen bei Diesel-Fahrzeugen besser kompensieren konnte.

„Wir haben totalen Mist gebaut“

Brown, der am kommenden Wochenende nach Wolfsburg fliegen will, um die Personalie an höchster Stelle zu erörtern, lobte ausdrücklich Horns öffentliches Schuldeingeständnis in der Diesel-Affäre. „Wir waren unehrlich zur Umweltbehörde EPA, wir waren unehrlich zu den Behörden in Kalifornien und, am schlimmsten von allem, wir waren unehrlich zu unseren Kunden. Um es auf gut Deutsch zu sagen: Wir haben totalen Mist gebaut.“

Abgas-Skandal: VWs juristische Probleme

Mit diesen Worten hatte Horn im September 2015 in den USA den Ton vorgegeben, als die ganze Dimension des Abgas-Betrugsskandals erstmals öffentlich wurde. Anfang Oktober steckte der seit fast einem Vierteljahrhundert für VW tätig gewesene Vertriebsfachmann bei einer Anhörung im Kongress in Washington stundenlang geduldig die rhetorischen Prügel vieler Abgeordneter ein. Selbst scharfe VW-Kritiker lobten Horns Auftritt später als „aufrichtig“.

VW kann manipulierte Autos wohl nicht ausreichend reparieren

In Fachkreisen der Automobilwirtschaft wird der Rücktritt Horns mit der unverändert schleppenden Aufarbeitung der Betrugsaffäre erklärt. Horn wiederholte seit Monaten, dass an einer zügigen Lösung für die rund 600.000 in den USA betroffenen Fahrzeuge gearbeitet werde. Allein, bis heute liegen keine von den zuständigen Umweltbehörden in Washington (EPA) und Kalifornien (Carb) genehmigten Nachrüstungskonzepte vor.

Ob dies bis zur Frist am 24. März gelingt, die der mit rund 600 Sammelklagen gegen VW befasste Richter Charles Breyer in San Francisco festgesetzt hat, erscheint fraglich. Wie unsere Redaktion aus Kreisen der kalifornischen Umweltbehörde Carb erfuhr, sieht sich VW offensichtlich nicht in der Lage, alle manipulierten Autos exakt so zu reparieren, dass sie künftig den strengen Umweltbestimmungen im Westküsten-Staat Genüge tun.

„Michael Horn wollte für das Versagen der Führung in Wolfsburg wohl nicht länger den Kopf hinhalten“, vermutete ein Auto-Insider aus Detroit im Gespräch mit unserer Redaktion, „darum hat er auch Angebote ausgeschlagen, in anderen Ländern für VW tätig zu werden.“ Horn selber sowie die VW-Amerika-Zentrale in Herndon bei Washington waren für Stellungnahmen nicht zu erreichen.

Dirk Hautkapp

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