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Handwerk

Roboter müssen draußen bleiben

29.08.2010 | 17:48 Uhr
Roboter müssen draußen bleiben
Bei Sportwagen-Hersteller Artega wird alles per Hand hergestellt.

Delbrück.Handwerk, da den­ken die meisten erst einmal an Zimmermann und Klempner – oder Automechaniker. Aber Autobauer? Das machen doch Roboter. Von wegen: Bei Artega im ostwestfälischen Delbrück entsteht ein Sportwagen fast ausschließlich in Handarbeit. Ein Ortsbesuch – und Fahrbericht.

„Stören Sie sich nicht am Klappern der Hutablage, die ist noch aus der Vorserie“, gibt uns Wolfgang Ziebart mit auf den Weg. Der 60-jährige Ma­nager ist seit Ende 2009 Chef beim Autobauer Artega. In der ostwestfälischen Provinz entsteht ein aufsehenerregender Sportwagen in Kleinserie. „Als ich gefragt wurde, den Job zu übernehmen, habe ich keinen Moment gezögert“, sagt Ziebart. Der ehemalige BMW-Vorstand, Infineon-Chef und Continental-Manager hat ei­nen Gang zurückgeschaltet, möchte man meinen. Statt 5000 nur noch 50 Mitarbeiter, statt Vorstandsetage ein überschaubares Büro, statt riesiger Entwicklungsabteilung ein kleines Team, das auch Elek­tronikbauteile selbst entwirft.

Aus Bollern wird Brüllen

Hintergrund
2006 gegründet

Artega wurde 2006 vom Un­ternehmer Klaus Dieter Frers gegründet. Frers ist Vorsitzender des Delbrücker Autozulieferers Paragon. Paragon musste im Oktober 2009 Insolvenz anmelden. Frers verkaufte seinen Anteil an Artega an den Miteigentümer Tresalia Capital, der den Ex-Infineon-Manager Wolfgang Ziebart als Chef engagierte.

Ziebarts Hinweis auf die Hutablage? Vergessen nach dem Starten des 3,6-Liter-Aggregats im Artega GT. Ein Bollern er­füllt den Innenraum. Der VW-Motor aus dem Passat R36 sitzt direkt hinter dem Sitz. Der Kollege wirkt etwas angespannt. „Alles cool“, versichert er. Gelogen. Aus Bollern wird Brüllen. In 4,8 Sekunden schießt der Artega GT auf 100. Das automatische Doppelkupplungsgetriebe hämmert die Gänge ohne Unterbrechung rein. Wer will, darf auch selber schalten. Per Schaltwippe am Lenkrad. Wie in der Formel 1. Die Fahrer dort müssen nicht auf den Tacho schauen. Wir schon. Denn auf der Straße nach Mastholte ist Tempo 70 angesagt. Und Starenkästen sind Standard. Der Artega will mehr. Wir dürfen aber nicht.

Ein lautes Zischen erfüllt die Halle. „Hier prüfen wir die Dichtigkeit des Kühlsystems“, erklärt Wolfgang Ziebart bei der Werksführung. In Reih und Glied stehen feuerrote und ozeanblaue, giftgrüne und quietschgelbe Artegas. Auf Rollwagen werden sie von Station zu Station geschoben. An einer wird der Motor im Chassis verschraubt, an der nächsten Lenkung und Bremsen fixiert. Gemächlich. Zurzeit wird in Delbrück pro Tag ein halbes Auto gefertigt. Da wäre mehr drin. Wenn es nicht Lieferprobleme gäbe. Der ehemalige Artega-Eigner, der Au­to­zu­lieferer Paragon, komme Verpflichtungen nicht nach, sagt Ziebart. Artega hat in seiner jungen Firmengeschichte bereits eine beachtliche Achterbahnfahrt hinter sich.

300-PS-Flunder

An Gokarts erinnert da­ge­gen der Ritt im Artega. Der Wagen liegt bretthart auf der Straße. Die 19-Zoll-Walzen, vorn 235er, hinten 285er, wollen As­phalt fressen. Sollen sie haben – auf der A2 Richtung Hannover. 270 rennt die 300 PS starke Delbrücker Flunder. Bei 240 ist an diesem Nachmittag Schluss. Feierabendverkehr. Ein Mercedes mit Hut auf der Ablage will uns nicht vorbei lassen. Die Bremsen packen brutal – Entschleunigung mal anders.

Eckhard Dieckmann war arbeitslos, als er bei Artega an­heuerte. Der Fensterbauer schweißt jetzt Karosserierahmen. Über 50 Nähte hat das Ge­rüst. 600 Handgriffe, schätzt Dieckmann, braucht es, bis der Rahmen soweit ist, Mo­tor und Getriebe aufzunehmen. „Man muss das Schweißen im Blut haben“, sagt der Metallbauer. Alu an Alu, das könne eben nicht jeder. Die Rohlinge werden angeliefert, ebenso Motor und Getriebe. Auch die Kunststoffkarosserie wird nicht vor Ort lackiert. „Das macht ein Zulieferer“, sagt Chef Ziebart.

Sauna im Sportsitz

Irgendwo zwischen Westenholz und Mantighausen: Es wird heiß im Artega. Trotz Klimaanlage. Der Motor schickt seine Abwärme in den Innenraum. Saunalandschaft Recaro-Sportsitz. Die letzten Kilometer gehen wir gemächlich an. Auch, um wieder runterzukommen. Dabei fällt auf, dass der Schalthebel nicht auf „S“ stand. Das steht für Sport. Und lässt den Artega schaltfaul werden; genügend Drehzahl für kleine Zwischensprints.

Wolfgang Ziebart ist ins Gespräch vertieft, als wir ihm die Autoschlüssel reichen. Kundschaft, die be­reit ist, mindestens 79 950 Eu­ro locker zu machen. So viel wird für Handarbeit aus Delbrück fällig – jedenfalls, wenn sie in giftgrünen oder ozeanblauen Kunststoff gehüllt ist.

Sven Frohwein

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Kommentare
29.08.2010
20:15
Roboter müssen draußen bleiben
von fragenstellerin | #2

Oder ganz einfach zu Fuß gehen. Bäähhhh.

29.08.2010
18:29
Roboter müssen draußen bleiben
von Lichtbringer | #1

3,6 Liter -.-
Warum kann man solche Autos nicht mit kleineren Motoren und trotzdem sportlich bauen?
Nur der Anzug muß gut sein, die Höchstgeschwindigkeit fährt man eh nie aus (außer vielleicht nachts auf der Autobahn, oder auf ner Rennstrecke).
Ein guter Weg war der Smart Coupe - klein, leicht und ein gar winziger Motor! Sowas in der Richtung... Eben nur etwas sportlicher, edler und hochwertiger ;)

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