Rheinische Kirche in Betrugsskandal verwickelt
29.11.2011 | 21:57 Uhr 2011-11-29T21:57:15+0100
Düsseldorf Ein Unternehmen der evangelischen Kirche im Rheinland hat Millionen verzockt - und dabei wohl auch seine Bilanzen frisiert. Die Kirche als Eigentümer tut alles, um eine übereilte Insolvenz zu verhindern. Gleichzeitig geht es aber auch um ihren Ruf: Mit "kapitalistischer Gier" wollen sie nichts zu tun haben.
Die Belastungen für die Evangelische Kirche im Rheinland durch angeblich betrügerische Fehlspekulationen im kircheneigenen Unternehmen bbz weiten sich aus. Nachdem das Unternehmen, das die Gehalts- und Beihilfezahlungen für 25 000 Arbeitnehmer abwickelt, nach Spekulationsverlusten zunächst mit 16 Millionen Euro vor der Insolvenz gerettet worden war, schießt die Kirche weitere vier Millionen Euro zu. Damit soll die Sanierung des Unternehmens unterstützt werden, erklärten Kirchenvertreter gestern Abend in Düsseldorf.
Bei der Kritik an maßlosen Managern ist die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) mit ihrem Präses Nikolaus Schneider oft vorn dabei. Da sei es um so bitterer, wenn „eine Firma, die uns gehört, in ihrem wirtschaftlichen Handeln offenkundig selbst Maß und Ziel aus den Augen und damit viel viel Geld verloren hat“, sagte Schneider am Montagabend vor Journalisten in Düsseldorf. Mindestens 20 Millionen Euro dürfte der Schaden betragen, denen ein laut EKiR „betrügerisches“ Anlagemodell verursacht hat, in das Manager des kircheneigenen Beihilfe- und Bezüge-Zentrums (bbz) offenbar über Jahre investiert haben – ohne, dass dies bei der Kirche als Eigentümer aufgefallen ist.
bbz spricht von "branchenüblichem Vorgehen"
Geschäft des bbz ist die Abwicklung von Gehalts- und Beihilfezahlungen für Beschäftigte der rheinischen Kirche und rund 1200 anderer Unternehmen der kirchlichen (auch katholischen) und öffentlich-rechtlichen Verwaltung. Für die Abrechnung von rund 25 000 Personalfällen und zuletzt jährlich rund 120 000 Beihilfefällen bewegt das bbz dreistellige Millionensummen im Jahr.
Diese Kundengelder wollte das Unternehmen gewinnbringend einsetzen. Da die Preise für die Dienstleistung der Abrechnungen gering seien, sei es „branchenüblich“, dass die Gelder bis zur Auszahlung am Kapitalmarkt angelegt werden, erklärte der oberste EKiR-Jurist Christian Drägert. Allerdings habe sich das bbz einem Anlagemodell zugewandt, das weitaus höhere Erträge versprach, als marktüblich zu erzielen gewesen wären – und dies offensichtlich schon vor Jahren.
Angeblich wurden Bilanzen manipuliert
Obwohl die Erträge ausblieben, wurden sie vielfach dennoch als Forderungen in der Bilanz verbucht. Um einen Zahlungseingang vorzutäuschen, wurde Drägert zufolge mindestens eine Buchung manipuliert. Aufgefallen sind die Verluste laut EKiR erst in diesem Sommer, als bbz kurz vor der Insolvenz gestanden und sich die Geschäftsführung der Kirchenleitung offenbart habe. Seit 2007 seien die Jahresabschlüsse des Unternehmens „entweder nur eingeschränkt testiert, gar nicht testiert, nicht korrekt aufgestellt und nicht rechtskonform veröffentlicht worden“, sagte Drägert. Dennoch sei die Geschäftsführung von der Gesellschafterversammlung entlastet worden.
Ein veritabler Skandal für die Kirche, dem nun zahlreiche Rufe nach Konsequenzen folgen. Auf strafrechtlicher Ebene liegt der Ball bei der Wirtschaftsabteilung der Staatsanwaltschaft Kaiserslautern. Dort wollte man sich gestern auf Anfrage dieser Zeitung „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht äußern. Wie es hieß, ermittelt man dort bereits seit Wochen wegen Betrugsverdachts gegen mögliche Drahtzieher des dubiosen Anlagemodells, die sich bereits ins Ausland abgesetzt haben sollen. Auch soll es weitere Opfer des Modells geben.
Kirche will übereilte bbz-Insolvenz vermeiden
Die Kirche hat den bbz-Geschäftsführer sowie Vertreter der Gesellschafterversammlung ausgetauscht. Gegen „einzelne Personen aus dem Bereich der Gesellschafterversammlung“ würden zudem zivilrechtliche Konsequenzen geprüft, so Drägert, der das Aufsichtsgremium nun leitet.
Eine übereilte bbz-Insolvenz will die Kirche verhindern. Dies würde pünktliche Gehalts- und Beihilfezahlungen gefährden. Deshalb stellt die Kirche eine neue Kapitalspritze in Höhe von vier Millionen Euro bereit. Niemand in der Kirche will aber ausschließen, dass man das Projekt bbz im Frühjahr doch noch beendet – nämlich dann, wenn man kein Geschäftsmodell findet, das ohne riskante Kapitalgeschäfte auskommt.

13:04
Seit wann können Kirchen als Institution betrügen?
Es sind Menschen die Betrügen,
entweder aus Eigenantrieb oder auf Weisung.
09:15
Schneider hat sich oft genug zu solchen Praktiken geäußert und ist, wie aus dem Artikel zu entnehmen ist, beschämt darüber, dass ein Unternehmen, an dem die Kirche beteiligt ist, genau zu solchen Praktiken gegriffen hat. Insoweit ist Ihr Kommentar überflüssig.
Zur Kirchensteuer mag man stehen, wie man will. Fordert man die Abschaffung, so muss man aber gleichzeitig auch sagen, was dann aus den diversen Unternehmungen werden soll, die die Kirche betreibt. So gibt es Kindergärten, Krankenhäuser, Altenheime in kirchlicher Trägerschaft. Auch wenn dabei die Kirche nicht die vollen Kosten übernimmt, so trägt sie einen Teil der Unterhaltskosten. Wie wollen Sie die bezahlen, wenn die Kirchensteuer weg fällt?
Die Kirche zahlt ohnehin nur einen minimalen Eigenbeitrag. Dafür nimmt sie dann den Arbeitnehmern ihre Rechte ab und indoktrinier inbesondere die Kinder. Alos ist es besser wenn die öffentliche Hand die Einrichtungen gleich selbst betreibt.
09:01
Zitat aus dem Artikel:
"Da die Preise für die Dienstleistung der Abrechnungen gering seien, sei es „branchenüblich“, dass die Gelder bis zur Auszahlung am Kapitalmarkt angelegt werden"
Es war also das kapitalistische Verhalten der Kirche, die ihren Auftragnehmer zu den riskanten Anlagen zwangen.
08:36
Wer, wenn nicht die Kirchen, waren jahrhundertelang, und sind es noch heute, enge Begleiter und Förderer des Kapitalismus. Den Kommunismus aber, der in seiner Urform den Lehren Jesu Christi wohl am nächsten kommt, wird von ihr verteufelt. Wobei ich hier dem Kommunismus nicht das Wort reden möchte.
Die kath. Kirche in Deutschland selbst wird auf ein Vernögen inkl. unveräußerlicher Werte, von rund 270 Milliarden Euro geschätzt. Allein der
Weltbildverlag machte im letzten Jahr 1,9 Milliarden Umsatz. Da kann doch von Kapitalismus keine Rede sein. Auch wenn trotzdem jedes Jahr wieder für Notleidende gesammelt wird. Oder?
00:10
nein Blödheit war wohl hier das "Motiv".
00:03
Möchte mich daphnina anschließen.
Und: Lafontaine saß auch mal im Aufsichtsrat einer Pleitebank.
Also immer schön die Kirche im Dorf lassen.
23:28
Wer verbirgt sich hinter der Firma bbz?
Welche Gesellschafter sind es?
Welche Gesellschaftsform hat die Firma?
Wo ist der Sitz der Firma?
Welche Geschäftsführung hat die Firma?
Ist ein Aufsichtsrat oder Beirat tätig?
Alles Fragen die ein Bericht über ein Unternehmen enthalten sollte.
Kann es sein, dass die WAZ wissentlich den Lesern nicht alle Informationen
weiter gibt?
23:03
wer arm ist schimpft auf zu hohe Steuern. Sobald jemand Millionär ist, ist er der erste, der in der Schweiz ist.
Die Kirche soll diese im Dorf lassen und sich NUR um die Seelsorge kümmern, als Bänker sind sie zu dumm!
23:00
Man muss das positiv sehen: Die Kirchensteuerzahler finanzieren jetzt ihren eigenen Rettungsschirm.
22:10
Der Herr Schneider sollte mal im Neuen Testament nachlesen, was Jesus von den Geldleuten im Tempel gehalten hat. Schlimm, dass nun auch noch Kirchensteuern zum Fenster heraus geworfen werden.
Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Es tut not, den öffentlich-rechtlichen Status der Kirchen abzuschaffen. Das Vereinsrecht reicht vollkommen aus für diese unglaublichen Herrschaften.