Resistente Keime - Der Tierarzt als Apotheker im Maststall

In der Hühnermast werden große Mengen Antibiotika verabreicht. Je öfter sie verabreicht werden, umso mehr Keime überleben, die gegen die Antibiotika resistent sind, und vermehren sich.
In der Hühnermast werden große Mengen Antibiotika verabreicht. Je öfter sie verabreicht werden, umso mehr Keime überleben, die gegen die Antibiotika resistent sind, und vermehren sich.
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Was wir bereits wissen
In der Schweine- und Geflügelmast verabreichen Großveterinäre tonnenweise Antibiotika. Sie stehen im Verdacht, Keimresistenzen zu fördern.

Hamburg.. Der Teufel trägt einen grünen Overall. In der einen Hand hält er einen Kescher, in der anderen einen Plastikeimer. Bei jedem Schritt flüchten Küken vor seinen Gummistiefeln. 42.000 Tiere leben in diesem Stall in Barsinghausen nahe Hannover. Es ist heiß, und es riecht nach Ammoniak. Sobald der Mann ein schwaches Tier sieht, schnappt er es. Mit schnellem Griff dreht er dem Küken den Hals um. Später wird er in Niere und Darm nach Anzeichen für Infektionen mit Keimen suchen.

Andreas Wilms-Schulze Kump ist Tierarzt. Er hat sich auf die Betreuung von Hühnern und Schweinen in der industriellen Massentierhaltung spezialisiert. Wilms arbeitet für den Wiesenhof-Konzern, die Rothkötter-Gruppe und andere große Fleischunternehmen. Gemeinsam mit den 13 fest bei ihm angestellten Tierärzten erzielt er einen Jahresumsatz im mittleren siebenstelligen Bereich. In einem Viertel aller Hühnerställe in Deutschland ist er für die Tiergesundheit verantwortlich. Die Ladefläche seines weißen Mercedes Vito ist vollgestellt mit Plastikkanistern, in denen Arznei herumschwappt.

Gefährliche Bakterien

Einige Bakterien sind gefährlich. Besonders für geschwächte Menschen, für Kinder und Alte können Infektionen durch solche Keime schnell lebensbedrohlich werden. Sie kommen in Krankenhäusern vor und in Mastanlagen für Schweine und Hühner. Lange Zeit schien es, als habe die Menschheit ein Wundermittel dagegen gefunden: Antibiotika. Doch die Mittel verlieren an Kraft. Immer mehr Keime werden unempfindlich. Was ist da los?

Antibiotika Großveterinäre wie er unterstützen das System der industriellen Tierproduktion. Durch den häufigen Einsatz von Antibiotika trieben sie die Resistenzentwicklung von Keimen wie MRSA oder ESBL-Bildner voran, kritisiert das Tierärztliche Forum für verantwortbare Landwirtschaft, eine Verbindung von 140 kritischen Veterinären. Je öfter sie verabreicht werden, umso mehr Keime überleben, die gegen die Antibiotika resistent sind, und vermehren sich. Untersuchungen in Niedersachsen und NRW haben gezeigt, dass 70 bis 100 Prozent aller Masttiere mit Antibiotika behandelt wurden.

Tierärzte sind auch Unternehmensberater

„Die tierärztliche Betreuung stellt eine Schlüsselposition für den wirtschaftlichen Erfolg im Betrieb dar“, wirbt eine tierärztliche Großpraxis im Internet für ihre Dienste. „Die Tierproduktion muss günstig bleiben, und wir müssen dafür sorgen, dass der Bauer weiter Gewinne macht“, sagt ein Tierarzt aus Bayern. Tierärzte sind heute nicht nur Heiler, sondern oft auch Unternehmensberater. Mit ihnen ins Gespräch zu kommen ist schwer. Andreas Wilms ist einer von wenigen, die sich mit ihrem richtigen Namen zitieren lassen. Viele fürchten, für die Resistenz-Misere allein verantwortlich gemacht zu werden.

Hygiene Aber ist die Sache wirklich so einfach? Tragen Tierarzt-Unternehmen eine Mitschuld daran, dass Antibiotika nicht mehr wirken? Im Komplex der industriellen Fleischproduktion verdienen viele an billigen Hühnerbrüsten und Schweinelenden: Supermärkte, Fleischkonzerne, Futtermittelhersteller, Züchter, Pharmaunternehmen sowie Mäster. Doch die Großveterinäre halten das gesamte System überhaupt erst am Laufen.

Nur wer wächst, überlebt

Bauern können nur mit großen Betrieben wirtschaftlich erfolgreich sein. Darum mästen immer weniger von ihnen immer mehr Kühe, Schweine und Hühner. Von den 250.000 Schweinehöfen, die es 1993 noch gab, existiert nur noch jeder zehnte. Versorgte ein Landwirt kurz nach der Wiedervereinigung durchschnittlich 100 Schweine, sind es heute zehn Mal so viele. Nur wer wächst, überlebt.

Puten Um sich wirtschaftlich abzusichern, begeben sich viele Landwirte in die Abhängigkeit einer sogenannten „Integration“. Sie schließen sich Fleischkonzernen wie der PHW-Gruppe (Wiesenhof), Rothkötter, Stolle, Sprehe oder Borgmeier an. Die Firmen versprechen den Mästern, die Schlachttiere abzunehmen. Im Gegenzug müssen die Bauern vielfach die auf Leistung gezüchteten Ferkel- oder Küken-Rassen der Konzerne kaufen, deren Futter einsetzen und auf den Tag genau an die Schlachthöfe liefern. Antibiotika helfen, Zeit- und Mengenvorgaben einzuhalten.

Arzt und Apotheker zugleich

Spezialisierte tierärztliche Großpraxen haben sich am besten darauf eingestellt. Diese Veterinärunternehmen heißen agro prax, Vet-Team, Am Bergweg GmbH oder WEK – das ist die Praxis von Andreas Wilms. Sie bieten die sogenannte Bestandsbetreuung für Megaställe an, stellen aber nur einen kleinen Teil der insgesamt rund 12.000 in Deutschland niedergelassenen Veterinäre.

Hierzulande sind Tierärzte Arzt und Apotheker zugleich. Sie verdienen an jedem von ihnen verschriebenen Medikament. Nach Aussagen von Veterinären macht der Arzneiverkauf zwischen 50 und 80 Prozent der Einnahmen einer Praxis aus. Antibiotika würden davon etwa die Hälfte ausmachen, schätzt Jorgen Schlundt, der Direktor des Dänischen Ernährungsinstituts.

Die Rabattpolitik der Pharmaindustrie

Die Rabattpolitik der Pharmaindustrie fördert das Ganze – und das hat möglicherweise Folgen für die Ausbreitung von Resistenzen gegen Antibiotika. Der „Zeit“ liegt ein Angebot der Firma Wirtschaftsgenossenschaft deutscher Tierärzte (WDT) vor. Sie bietet darin ein sogenanntes Reserveantibiotikum-Generikum an. Solche Reserveantibiotika verlieren ihre Wirkung zum Beispiel durch den massenhaften Einsatz im Stall. Diverse resistente Keime breiten sich dann aus, infizieren womöglich Bauern und gelangen auf diese Weise bis ins Krankenhaus. Dort schlagen dieselben Reserveantibiotika bei den betroffenen Patienten dann nicht mehr an.

Keim-Karte So ein sparsam einzusetzendes Medikament wurde also Veterinären in Hessen im Oktober von der Firma WDT mit 88 Prozent Rabatt auf den Listenpreis angeboten – sofern sie mindestens 500 Flaschen davon abnahmen. Durch die Preisnachlässe steigt die Gewinnspanne für die Tierärzte, was wiederum dazu motiviert, den Bauern mehr davon zu verkaufen. „Nennenswerte Rabatte sind generell branchenüblich“, verteidigt sich WDT-Vorstand Joachim Lattmann. Auch für Sabine Schüller vom Tierpharma-Lobbyverband sind diese hohen Rabatte „normales Geschäftsgebaren“, das den „Gesetzen der Marktwirtschaft und des Wettbewerbs unterstellt ist“. Tierärzte und Pharmaunternehmen befänden sich in einer „Business-to-Business-Beziehung“. Für Großpraxen ist die Beziehung offenbar lukrativ: Ihr Umsatz liegt zwischen 1,5 und 5 Millionen Euro.

Antibiotikaeinsatz zuletzt gesunken

Erst seit 2011 wird in Deutschland erhoben, wie viele Antibiotika an Tiere abgegeben werden. Auf den ersten Blick sieht es ganz gut aus: Verschrieben die Tierärzte vor drei Jahren noch 1706 Tonnen pro Jahr, waren es 2013 bereits 250 Tonnen weniger. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit aber noch immer auf Platz vier. Schweinen, Hühnern und Kühen werden hierzulande mehr als doppelt so viele Antibiotika verabreicht wie den Menschen. Zudem habe in Frankreich, den Niederlanden und Dänemark in den vergangenen Jahren eine „erheblichere Reduktion“ stattgefunden als in Deutschland, heißt es in einem Gutachten der Bundesregierung.

Davon ganz abgesehen stieg der Einsatz von Reserveantibiotika bei einzelnen Wirkstoffklassen um bis zu 50 Prozent. Das hat auch einen Grund: Veterinäre können mit diesen hoch dosierten Reserveantibiotika viel mehr Tiere behandeln.

Fragebogen Der massenhafte Einsatz von Antibiotika hat auch mit dem Prinzip der Bestandsbetreuung zu tun. Eigentlich sollen nur erkrankte Tiere ein Antibiotikum bekommen. „Aber ich kann mich doch nicht um jedes Tier einzeln kümmern“, sagt Tierarzt Wilms. Findet er bei seinen Rundgängen im Riesenstall einige hustende Küken, verschreibt er gleich allen Tieren eine Behandlung mit Antibiotika wie Lincomycin. Das bekommen sie über das Trinkwasser verabreicht. Als „Metaphylaxe“ ist diese Ausnahmebehandlung rechtlich zulässig. Doch Kritiker betrachten sie als verschleierte Form der illegalen vorsorglichen Medikation. „Das ist keine Prophylaxe“, entgegnet Wilms, „das ist die Behandlung von kranken Tieren, bei denen die Erkrankung nur noch nicht ausgebrochen ist. Und ich mache das nur, wenn ich dadurch einen größeren Antibiotika-Einsatz später verhindern kann.“

Hustende Hühner

Claudia Preuss-Ueberschär hat dafür kein Verständnis. „Wenn einzelne Tiere erkranken, dürfen nur genau diese Tiere behandelt werden“, sagt die Tierärztin aus Wedemark. Die hustenden Hühner müssten in abgegrenzten Quarantänebereichen oder extra Krankenställen von den gesunden Hennen isoliert werden. Ganz abgesehen davon, dass die normale Behandlungsdauer oft viel zu kurz ist. Um so wenig wie möglich Antibiotika einsetzen zu müssen, setzt Wilms das Lincomycin nach zwei Tagen meist wieder ab. Eigentlich dauert diese Therapie jedoch mindestens vier Tage. Wird sie vorzeitig abgebrochen, „besteht die Gefahr der Resistenzbildung“, heißt es in einem Gutachten des Landwirtschaftsministeriums. Wilms versteht die Aufregung nicht. „Viele der resistenten Keime gab es doch schon vor 30 Jahren“, sagt er. „Seitdem ich Tierarzt bin, kann ich keinen Anstieg der Resistenzen bemerken.“ Und stamme nicht der größte Anteil resistenter Keime aus Krankenhäusern statt aus Ställen?

Infektionen Der Bundesverband der praktizierenden Tierärzte, die Tierärztekammern und auch Wilms sind sich einig: Die medial vermittelte Gefahr gebe es nicht, bestehende Gesetze und Kontrollen würden eine Keimapokalypse aus dem Stall verhindern.

Tierarzt Erich Leitgeb sieht das anders. Die Kontrollen seien eben nicht streng und unabhängig. „Wenn ein Landwirt zu viele Antibiotika einsetzt, muss er sich nur unverbindlich mit seinem Tierarzt unterhalten – also mit demjenigen, der ihm die Medikamente verkauft hat“, dann passiere dem Bauern erst mal gar nichts, sagt der Veterinär. Nach Jahren in deutschen Nutztierpraxen ist er desillusioniert: „Tierärzte sind wirtschaftlich gezwungen, in diesem bösen Spiel mitzuspielen.“

Dänemark und Niederlande sind weiter

Auch Andreas Wilms setzt die Debatte zu. Um Antibiotika reduzieren zu können, versprüht er seit gut einem Jahr Probiotika in den Ställen. Sie sollen die Keimflora in Magen und Darm der Tiere widerstandsfähiger machen, damit sie gar nicht erst erkranken. In einzelnen Anlagen konnte der Veterinär nach eigener Aussage so schon in acht Mastdurchgängen hintereinander auf Antibiotika verzichten.

In Dänemark und den Niederlanden ist man weiter. Dort finanzieren sich die Tierärzte nicht mehr über den Verkauf von Arznei, sondern über die Überwachung der Herden. Auch Tierarzt Wilms hat vor Monaten und damit als einer der ersten deutschen Tierärzte sein Bezahlmodell umgestellt: Er berechnet den Bauern jetzt 0,5 Cent pro Tier für seine Beratung und wird damit unabhängiger vom Arzneiverkauf. Nun fordern die Bauern ein, dass er mindestens einmal pro Woche in ihren Ställen vorbeischaut. Dann sieht er regelmäßig, was an der Hygiene oder am Klima im Stall verbessert werden muss. So bleiben viele Hühner gesund – oft ganz ohne Antibiotika.

Christian Fuchs ist Autor der „Zeit“, die in Kooperation mit der WAZ und dem Recherchebüro „Correctiv“ der Problematik mit resistenten Keimen auf den Grund gegangen ist.

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