Kreativer Wandel

Der Bergpark verbindet die gegenüberliegende Gartenstadt mit der begrünten Halde.
Der Bergpark verbindet die gegenüberliegende Gartenstadt mit der begrünten Halde.
Foto: RAG
Was wir bereits wissen
Die Nachnutzung des Geländes der ehemaligen Zeche Lohberg in Dinslaken zeigt, wie eine ganzheitlich angelegte Projektentwicklung Integration gestalten kann: Durch die ökonomische, ökologische und soziale Verflechtung von Halde und Ort entsteht hier ein neuer Raum der Wertschätzung.

Dinslaken.. Kreativität bezeichnet gemeinhin die Fähigkeit eines Individuums oder einer Gruppe, in fantasievoller und gestaltender Weise zu denken und zu handeln. Bernd Lohse von RAG Montan Immobilien, Projektleiter des Kreativ.Quartiers Lohberg – KQL, versteht Kreativität schlicht als „Kunst, innovativ zu sein“. In der Tat kann das ehemalige Zechengelände heute, rund ein Jahrzehnt nach Schließung des Bergwerks, mit Innovationen unterschiedlichsten Charakters aufwarten – vom größten pedalbetriebenen Kraftwerk, einem Erlebnisort für Schüler, bis hin zu einem energetischen Konzept, das gleichermaßen auf die Wiederverwendung von Baumaterialien wie auf alternative Energieträger setzt, von einer Kletterwand mit der Anmutung eines Steinkohlenflözes bis hin zum Kunstwerk „Hase“ des renommierten Düsseldorfer Künstlers Thomas Schütte.

Die vier Meter hohe Skulptur mit ihrer leuchtend roten Hochglanzlackierung bringt auf einem exponierten Platz – dem Kohlerundeindicker im Bergpark – immer wieder unvermittelt Neues in die industrielle Vergangenheit des Ortes. So leicht und frech, so herausfordernd und spielerisch, so aktuell und profund, wie es diesem neuen Ort der Wertschätzung gebührt. „Dabei waren die Startbedingungen für eine Nachnutzung alles andere als gut“, erinnert sich Lohse. „Die Kreativität aller Projektbeteiligten jedoch erwies sich als Katalysator für eine ebenso erfolgreiche wie beispielhafte Flächenentwicklung.“

Mit der Schließung des Bergwerks Lohberg, einst eine der leistungsstärksten Schachtanlagen des Ruhrbergbaus, schienen die Menschen im Stadtteil ihre Perspektive – mehr noch: ihre Zukunft – verloren zu haben. In Lohberg wohnen 6000 Menschen, die Hälfte davon mit Migrationshintergrund. Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht beherrschten seinerzeit vor allem die türkischstämmige Bevölkerung. Das Fundament für die Nachnutzung legte die städtebauliche Planung. Die Zechensiedlung Lohberg entstand um 1910 nach dem Vorbild der englischen Gartenstadtbewegung. Die Projektplaner überführten das traditionelle Konzept in die Moderne. Sie entwickelten die Räume für Gewerbe, Wohnen, Kultur, Kunst und Erholung auf der Fläche organisch aus dem Stadtteil heraus. Die verschieden artigen Gebäude, allen voran Identifikationsorte des Bergbaus, brechen indes mit den Prinzipien der Gartenstadt.

Damit steht das Kreativ.Quartier Lohberg im Einklang mit der städtebaulichen Philosophie der US-amerikanischen Architekturkritikerin Jane Jacobs (1916 bis Seine Authentizität verdankt das Kreativ. Quartier Lohberg maßgeblich der Tatsache, dass die Menschen aus Lohberg die Fläche mitgestalten – zunächst im Rahmen klassischer Zukunftswerkstätten, später auch im Zuge künstlerischer Prozesse. So arbeitet seit dem vergangenen Jahr eine Künstlergruppe gemeinsam mit Anwohnern – zum großen Teil Jugendliche und junge Erwachsene unterschiedlicher nationaler Herkunft – an der Weiterentwicklung und Nutzung des Bergparks, des neuen Herzstücks des Areals. In Workshops und Veranstaltungen planen sie Konzepte für Angebote und Dienstleistungen vor Ort, die ihnen in Zukunft als Einkommensquelle dienen können. Gemeinsam mit einer internationalen Studentengruppe haben sie dazu Design- und Bauprozesse angestoßen. Im und am alten Wasserturm etwa entstanden bereits ein Café sowie eine Bühne für Veranstaltungen. Ein Infopoint soll folgen. „Partizipation, verstanden als Begegnung auf Augenhöhe, ist ein wesentlicher Teil der Erfolgsgeschichte des Kreativ.Quartiers Lohberg“, zollt Bernd Tönjes, Vorstandsvorsitzender der RAG Aktiengesellschaft, der Entwicklung Lob. „Eine solche Beteiligung sorgt für eine hohe Transparenz im gesamten Entwicklungsprozess und fördert damit die Bereitschaft öffentlicher und privater Akteure zum Mitdenken, zum Querdenken und zur Kooperation.“ Damit hat sich das Kreativ.Quartier Lohberg zu einem neuen Ort der Wertschätzung entwickelt – so, wie ihn das ehemalige Bergwerk über Jahrzehnte hinweg verkörperte.

Die ethnische Zugehörigkeit, die soziale Herkunft eines Menschen oder körperliche Beeinträchtigungen spielten hier keinerlei Rolle. Vielmehr kam es allein darauf an, dass jeder den ihm möglichen Beitrag leistete. Viele Optionen für zukünftige Nutzungen tragen diesem Gedanken Rechnung. Ein Nebeneinander von innovativen Start-ups und Künstlerateliers oder auch ein‑Miteinander von Kindergarten und Gastronomie würde es Menschen aus unterschiedlichsten Zusammenhängen ermöglichen, sich zu treffen und sich auszutauschen. Auch ein Ärztehaus mit einer Gesundheitslobby – einem einzigen großen Wartezimmer für alle Patienten – könnte einer solchen Vorstellung entsprechen: Eine ergänzende Gastronomie könnte Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit bieten, ihre Fähigkeiten unter arbeitsmarktnahen Bedingungen einzusetzen. Solche gleichermaßen kreativen wie innovativen Ansätze würden der ganzheitlichen und nachhaltigen Flächenentwicklung neue, spannende Facetten hinzufügen.