NRW-Unternehmen hoffen auf neues Russland-Geschäft

Satellitentechnik auf der Schiene: Galil-EU-Teststrecke bei Aachen.
Satellitentechnik auf der Schiene: Galil-EU-Teststrecke bei Aachen.
Foto: HO
Trotz der Sanktionen gegen Putin bahnt sich eine Zusammenarbeit bei Vermessungsmethoden an. Für Unternehmen aus der Region bietet sie große Chancen.

Mülheim/Ruhr.. Unberührt von den Wirtschaftssanktionen gegen Russland bahnt sich eine Zusammenarbeit zwischen NRW-Unternehmen und der Sibirischen Staatsuniversität für Geodäsie in Novosibirsk an. Es geht um Vermessungs- und Positionsbestimmungsmethoden, die bei der Navigation sowie in der Bahn- und Fahrzeug-Technologie eine Rolle spielen. Ein potenzieller Markt für viele Unternehmen aus der Region. In vielen Bereichen der Wirtschaft liegen die Beziehungen zu Russland auf Eis. Europäische Union und die USA haben wegen der umstrittenen Ukraine-Politik von Präsident Putin Sanktionen verhängt.

„Wir haben zwischen den gestoppten Einzelprojekten eine Nische entdeckt“, sagt Otmar Schuster, der den Kontakt nach Novosibrisk knüpfte. Er ist Inhaber des Geohauses in Mülheim, das Vermessungs-Dienstleistungen anbietet. Geohaus ist neben der Hochschule Bochum und dem Aachener Automation und Rail Innovation Center Partner des EU-Projekts Galil-EU.

Es hat sich zum Ziel gesetzt, die ab 2015 erwarteten Signale des Satellitensystems Galileo sowie Vermessungstechnologien in die Autozuliefer- und Bahnindustrie zu transportieren. Dabei spielt das „Globale Positionsbestimmungssystem“ (GPS) eine zentrale Rolle. Es kommt auf einer Fülle von Gebieten zum Einsatz – nicht nur bei Navis, bei der Rückverfolgbarkeit von Containern auf Zügen, bei Assistenzsystemen in Autos oder beim Auffinden schadhafter Gleisstellen. Das Geohaus in Mülheim hat selbst eine GPS-Technologie entwickelt. Der Sensor ist in einem Schlauch befestigt, der eine Antenne trägt. Damit können Logistikfirmen den Weg eines Containers bis nach Afrika verfolgen.

Ukraine-Krise Konsortium will mit Russen kooperieren

Parallel zum Geohaus hat auch die russische Staatsuniversität einen Empfänger entwickelt. „Technologisch sind die Russen damit mit uns auf Augenhöhe. Das System ist auch sehr preisgünstig“, sagt Schuster. Während der russische Staat und das Verteidigungsministerium die Entwicklung des Empfängers subventionierten, beteilige sich die öffentliche Hand in Deutschland kaum an der Entwicklung.

Das aus dem EU-Projekt hervorgegangene Geohaus-Konsortium, zu dem unter anderem das Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme in Duisburg und die Uni Bonn gehören, strebt deshalb eine Kooperation mit den Russen an. Im Januar haben dessen Akteure und die Sibirische Staatsuniversität für Geodäsie bei einer Tagung in Mülheim ein Memorandum unterzeichnet, um den Austausch anzuschieben. 84 deutsche Bahnunternehmen und rund 2000 Logistiker hat Vermessungsexperte Schuster ausgemacht, die an der Kooperation interessiert sein könnten.

Chancen für Firmen aus NRW

„In Russland gibt es riesige Märkte für Positionsbestimmungs-Systeme mit einem unglaublichen Absatzpotenzial“, sagt Herbert Rath, Geschäftsführer des Zentrums für Innovation und Technik (Zenit) in Mülheim. Die von Land NRW, Banken und Mittelständlern getragene Innovationsagentur hat die Aufgabe, Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft zusammenzubringen und diese beim Technologietransfer zu unterstützen. Bei Zenit laufen auch die Fäden für Förderprogramme zusammen, aus denen beteiligte Firmen Zuschüsse erhalten können, darunter das EU-Projekt Galil-EU.

Die Chance der Kooperation unterstreicht auch Alexander Karpik, Rektor der Sibirischen Staatsuniversität: „Geodäsie ist in allen Wirtschaftszweigen präsent. Ein Kopf ist gut, zwei Köpfe sind besser“, sagt er im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit dem Westen.