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Nokia, Opel, Thyssen-Krupp – was bleibt Bochum?

01.02.2012 | 19:01 Uhr
Nokia, Opel, Thyssen-Krupp – was bleibt Bochum?
Der Bochumer IHK-Präsident Jürgen Fiege, Chef der Privatbrauerei Moritz Fiege, setzt auf die Industrie der Region. Foto: Matthias Graben

Bochum.   Nokia, Opel, Thyssen-Krupp - hat es Bochum besonders schwer? Ein Interview mit IHK-Präsident Jürgen Fiege, der Optimismus verbreiten möchte. „Klagen hilft uns aber ohnehin nicht weiter“, sagt er.

Bochum hat Nokia verloren, bangt um Opel und Thyssen-Krupp. Jürgen Fiege, der Präsident der zuständigen Industrie- und Handelskammer Mittleres Ruhrgebiet, gibt sich trotzdem demonstrativ gelassen.

Stimmt der Eindruck, dass es Bochum wirtschaftlich besonders schwer hat?

Fiege: Jedes Unternehmen, das vom Markt, auch vom Arbeitsmarkt verschwindet, tut weh – das ganz grundsätzlich. Klar also, der Abschied von Nokia hat wehgetan, aber er hat uns nicht umgehauen. Natürlich beobachten wir aufmerksam, was bei Opel und Thyssen-Krupp passiert. Klagen hilft uns aber ohnehin nicht weiter. Nur mit Optimismus können wir die Probleme lösen.

Woher nehmen Sie die Zuversicht?

Viele Unternehmen schätzen ihre Lage trotz der europäischen Schuldenkrise optimistisch ein. Insbesondere bei den exportorientierten Unternehmen läuft es rund. Wir können auf einen starken Mittelstand in der Region setzen. Als IHK Mittleres Ruhrgebiet vertreten wir rund 30.000 Unternehmen in Bochum, Hattingen, Herne und Witten. Allein diese Zahl zeigt schon, wie viel Potenzial vorhanden ist.

Gleichwohl stellt sich die Frage, ob die Werke von Opel und Thyssen-Krupp auch in zehn Jahren noch zu Bochums Stadtbild gehören. Ist der industrielle Kern bedroht?

Natürlich sind große Arbeitgeber wie Opel und Thyssen-Krupp extrem wichtig für die Stadt und die Region. An jedem Arbeitsplatz des Opel-Werks hängen drei oder vier weitere Jobs in Zulieferbetrieben und bei Dienstleistungsfirmen wie Bäckern oder Friseuren vor Ort. Ähnlich ist es im Fall Thyssen-Krupp. Deshalb werden wir uns dafür einsetzen, dass auch die großen industriellen Arbeitgeber in Bochum eine Zukunft haben.

Was haben Sie vor? Zum Beispiel setzen wir gemeinsam mit Opel auf das Thema Elektromobilität. Unser Ziel ist es, das Revier zum Vorreiter auf diesem Gebiet zu machen. Derzeit läuft ein entsprechender Wettbewerb des Bundes, bei dem wir uns gute Chancen ausrechnen. Wir erwarten eine Entscheidung im Frühjahr. Klar ist: Wenn Elektromobilität im Ruhrgebiet nicht funktioniert, funktioniert sie nirgendwo.

Teilen Sie die Ansicht, dass der Mittelstand in der öffentlichen Wahrnehmung zu kurz kommt, da die großen Konzerne viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen?

Richtig ist jedenfalls, dass es im Herzen des Ruhrgebiets viele starke Mittelständler gibt, die das Zeug zum Weltmarktführer haben, aber eher „Hidden Champions“ sind. Ich denke beispielsweise an Unternehmen wie den Klebstoffhersteller Ardex oder den Hydraulik-Spezialisten J.D. Neuhaus in Witten, die Herner Betonpumpen-Firma Schwing oder die Hattinger Maschinenfabrik Köppern. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Dennoch suchen sich viele Absolventen der Ruhr-Universität jenseits des Reviers einen Job. Die Städte im Großraum Bochum schrumpfen.

Es stimmt leider, dass wir noch nicht zu den bevorzugten Gegenden gehören. Das muss sich ändern. Es muss uns gelingen, die jungen Leute hier zu halten, damit sie das, was sie bei uns gelernt haben, auch in der Region einsetzen können.

Welche Argumente haben Sie für einen hochqualifizierten Ingenieur, Juristen oder Betriebswirt, der sich zwischen München, Stuttgart und Bochum entscheiden kann? Natürlich sind wir nicht die Heimat von Bosch, Daimler oder Siemens, aber bei uns gibt es jede Menge Mittelständler, bei denen ein junger Akademiker schnell Karriere machen kann. Meine Erfahrung ist, dass es den meisten Menschen nicht so sehr darum geht, wo sie arbeiten, sondern bei wem. Die Unternehmen im Ruhrgebiet hier sind vielleicht nicht so groß, aber sie sind extrem interessant.

Haben die Unternehmen ein Umfeld, in dem sie sich entfalten können? Sind die Gewerbesteuern zu hoch?

Die Unternehmen haben zunehmend mit Kosten zu kämpfen, die sie nicht beeinflussen können. Die Energie- und Rohstoffpreise sind ein Thema, aber auch die Gewerbesteuer. Ich warne davor, die klammen kommunalen Haushalte des Ruhrgebiets über die Gewerbesteuern sanieren zu wollen. Es sind schließlich die Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen. Es wäre gefährlich, den Ast abzusägen, auf dem man sitzt.

Wie steht es um das Image von Bochum? Wenn ich in Deutschland unterwegs bin, stelle ich fest, dass es vor allem zwei Markenzeichen gibt, die man überall in der Republik kennt: Starlight Express und VfL Bochum.

Leider ist der VfL nur noch zweitklassig…

Die steigen nächstes Jahr wieder auf. Davon bin ich überzeugt. Aber es stimmt schon: Einen Fußballclub in der ersten Liga zu haben, ist für das Image einer Stadt sehr, sehr wichtig.

Gibt es zu wenig Unternehmen, die sich für den Verein einsetzen?

Ohne Sponsoring geht heute im Fußball nichts mehr – und natürlich findet ein Tabellenführer leichter Sponsoren als die Konkurrenz. Aber im VfL steckt viel Potenzial. Die Bindung der Menschen in der Stadt zum Verein ist sehr eng. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass Bochum zu den wenigen deutschen Großstädten zählt, in denen sich das Stadion noch im Ortszentrum befindet.

Müssen die Städte des Ruhrgebiets enger zusammenarbeiten, um die Region nach vorne zu bringen? Der Ruhrpott muss zusammenhalten, keine Frage. Alle Institutionen sind aufgefordert, über den eigenen Kirchturm zu schauen. Aber ich bin nicht der Meinung, dass durch eine fusionierte Ruhrstadt alles besser würde. Die Region sollte langsam zusammenwachsen.

Ulf Meinke



Kommentare
17.02.2012
17:35
Natürlich darf mit Tante Otti
von Sempre | #14

auch niemand fehlen, der immer noch nicht gemerkt hat, dass die Städte ein Einnahmeproblem haben.
Aber Otti ist ja auch jemand, der meint, man könne sich durch Sparen sanieren.
Ja alle sparen, keiner gibt mehr aus und leider nimmt auch keiner mehr etwas ein.

Ökonomische Trugschlüsse, wohin man schaut!

17.02.2012
17:31
Stahrlight Express sollte
von Sempre | #13

doch ausreichen!

03.02.2012
00:26
#11 von Klug99
von HeKo62 | #12

Ich werde mal mutmaßen,
dass die Gewerbesteuer Erhöhung in Bochum hat auch zu tun mit der Schließung des Nokia Standortes in kommenden 5 Monaten (30.06.2012)

Die meisten Leser sind sich dessen nicht bewusst, dass die Nokia Germany GmbH
stehst anfallende steuern in Bochum abführt.

Was sonst sollte es Lauten in der Internet Impressum der Firma :

Nokia GmbH
Sitz der Gesellschaft: Bochum

Balcke-Dürr-Allee 2
D-40882 Ratingen

Handelsregister und Handelsregisternummer: Amtsgericht Bochum - HRB 4112
Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID/VAT-Nr. DE 811 163 495

Irgend etwas passt hier nicht so recht zusammen.

02.02.2012
23:47
Nokia, Opel, Thyssen-Krupp – was bleibt Bochum?
von Klug99 | #11

Ich denke der IHK-Präsident hat so viel mit dem Interview zu tun gehabt, daß er sich gar nicht in die Diskussion um die verkaufsoffenen Sonntage einbringen konnte! Für viele Händler sehr traurig, der Sonntag in Bochum ist zu. Champagner in Dtmd., Essen und Düsseldorf!
Das Ergebnis wird ein noch höherer Gewerbesteuerhebesatz, Politik muß ja den selbst gebauten Steuerverlust wieder reinholen!

02.02.2012
20:12
Nokia, Opel, Thyssen-Krupp – was bleibt Bochum?
von spaceroller | #10

Es wirkt befremdend, wenn der IHK-Präsident vom starken Mittelständler Schwing spricht, der lt. Financial Times Deutschland seit Oktober 2011 zum Verkauf ansteht. Da Sany vor kurzem Schwings größten Konkurrenten Putzmeister geschluckt hat, wird es für Schwing um so schwieriger neue Investoren zu finden.

02.02.2012
19:43
Nokia, Opel, Thyssen-Krupp – was bleibt Bochum?
von DerSteiger | #9

Da hat der Jürgen Fiege durchaus recht - es gibt in Bochum und Umgebung nur ganz, ganz wenige Jobs für gut ausgebildete Akademiker. Genau der Grund, warum ich jetzt nicht mehr in BO lebe - ich wäre gern geblieben.

Man verlässt sich in dieser Stadt auf Industrien, deren Niedergang schon vor 20 Jahren begonnen hatte...
4 große Hochschulen bilden in BO aus - nur was nützt die beste Ausbildung, wenn die Jobs wo anders sind ?
Es rächt sich mehr und mehr, dass der 2. Strukturwandel nach dem Ende der Kohle verschlafen wurde. Viele andere Städte sind da schon weiter ...

02.02.2012
18:55
Nokia, Opel, Thyssen-Krupp – was bleibt Bochum?
von HeKo62 | #8

Gleich am Anfang des Artikel sehe ich wieder die Lüge: "Bochum hat Nokia verloren"
Nein! und erneut nein!
Nokia ist in Bochum und wird erst am 30.06.2012 Geschlossen.
Das beste ist, dass bei Nokia in BOCHUM sind noch ca. 100 Leute tätig.
Jetzt werden alle entlassen.
Ohne ta-tam und ohne Fackelzüge.
Ohne Umschulungen und ohne Hilfen die 2008 IGM und Lokalpolitik versprochen hat.
Eben- 100 sind nichts wert.
Es ist immer besser, wenn sich die Bürgermeisterin und IGM Vorsitzende mit 2000 fotografieren können. Toll !

02.02.2012
18:47
Nokia, Opel, Thyssen-Krupp – was bleibt Bochum?
von rainhard | #7

Bochum bleibt das " Rote Chaos " erhalten,das ist doch beruhigend...!

02.02.2012
13:41
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #6

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02.02.2012
10:45
#2 Oh, wie uninformiert von mir
von Klug99 | #5

Der Mann ist gar kein gehaltsempfangender Verwaltungsbeamter! Hört sich aber alles so an! Wird beim Bochumer Club nicht auch Fiege verkauft? Geht es hier um die eigenen Brauereiinteressen? Und das im Interview als IHK-Präsident?

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