Nichts für schwache Nerven

Reisen – das ist heutzutage nichts für schwache Nerven. Jedenfalls gilt das für Streikzeiten. Und die scheinen aus Sicht vieler Bahn- und Flugreisenden inzwischen an der Tagesordnung zu sein. Ob Piloten, Flugpersonal oder Lokführer – stets ist es eine kleine Gruppe, die mit ihrem Ausstand große Wirkung erzielt. Die Tourismusbranche stellt sich auf die neue Unwägbarkeit im Reisegeschäft mehr und mehr ein. Ein Überblick.

Bei der Deutschen Bahn (DB) drohen wieder Streiks. Am kommenden Mittwoch wird die Tarifkommission der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) darüber entscheiden. Am Dienstagabend hatte die Gewerkschaft Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern für gescheitert erklärt. „Die DB hat eine unglaublich Rolle rückwärts hingelegt“, kritisiert GDL-Chef Claus Weselsky. Das Unternehmen weist die Schuld von sich. „Die GDL verweigert sich grundlos“, sagt DB-Personalvorstand Ulrich Weber. Auch die Nerven von Flugreisenden werden wieder strapaziert. Bei der Lufthansa-Tochter Germanwings wird seit gestern gestreikt. Die Piloten wollen auch heute die Arbeit niederlegen.

Bei dem Streit zwischen Lokführern und DB geht es nur in zweiter Linie um Entgelte und Arbeitszeiten. Kern des Konfliktes ist immer noch die Frage, ob die GDL ihr Verhandlungsmandat auf weitere Berufsgruppen wie die Zugbegleiter oder die Beschäftigten in den Bis-tros ausweiten kann. Ab kommender Woche müssen sich die Fahrgäste also wieder auf Beschwerlichkeiten bei der Reise einstellen. Wichtig für die Rhein-Ruhr-Region: Die Karnevalstage bleiben streikfrei. Das versicherte der NRW-GDL-Vorsitzende Sven Schmitte. Ansonsten droht Bahnreisenden Ungemach. Schmitte: „Der nächste Streik wird sicher die Länge des letzten haben.“ Der jüngste Ausstand der Lokführer im November dauerte nahezu vier Tage. Seit Beginn des Tarifkonflikts im September hat die GDL bisher sechsmal zu Streiks aufgerufen.

Der Pilotenstreik bei der Lufthansa-Tochter Germanwings hat an den NRW-Flughäfen Wirkung gezeigt – vor allem in Köln und Düsseldorf: Mehr als 80 Flüge in NRW strich Germanwings am Donnerstag, darunter 40 Starts und Landungen am Flughafen Köln/Bonn und 44 in Düsseldorf. Chaos an den Terminals blieb aber aus. Der Sprecher der Airline riet Reisenden, im Internet zu prüfen, ob ihre Verbindung ausfällt. Für heute hat Germanwings erneut rund 80 Flüge gestrichen. Anlass für den Streik sind ungelöste Fragen bei der Übergangsversorgung der Piloten.

Lufthansa elfmal bestreikt

Der aktuelle Tarifkonflikt mit der Pilotenvereinigung Cockpit setzt der Lufthansa zunehmend zu. Seit Beginn der Auseinandersetzung im April 2014 bestreikten die Piloten Lufthansa, Lufthansa-Cargo und Germanwings insgesamt elfmal. Fast 7400 Flüge fielen aus, 850 000 Passagiere waren betroffen. Der Konzern beziffert den Schaden auf bislang 200 Millionen Euro.

Reisebranche reagiert

Die Reisebranche hat sich auf Arbeitskämpfe im Luftverkehr eingestellt. „Auswirkungen möglicher Streiks einzukalkulieren, gehört in der Branche – anders als früher – dazu“, sagte eine Sprecherin des Deutschen Reiseverbands (DRV) in Berlin. Für den Düsseldorfer Reisekonzern Alltours bedeuten Streiks im Luftverkehr „natürlich Mehrarbeit“, so Sprecher Stefan Suska. Reisende müssten informiert, betreut und im Zweifel per Bus zu einem anderen Flughafen gebracht werden.