Neue Optionen für das Inselnetz

Hagen..  Gute Nachrichten für die Stromkunden im Netzgebiet des regionalen Energieversorgers Enervie. Ihnen könnten millionenschwere Netzentgelte für die defizitären Kraftwerke in Werdohl, Hagen und Herdecke erspart bleiben. Nach Informationen unserer Zeitung zeichnet sich eine technische Lösung ab, die genug Strom ins Enervie-Inselnetz spült, um den defizitären Kraftwerkspark bereits kurzfristig abzuschalten.

Gestern wollte keine Seite diese Nachricht bestätigen. Allerdings trifft sich am Dienstag der Aufsichtsrat, um über eine „überraschende technische Entwicklung“ zu informieren. Entsprechende Andeutungen hatte Hagens Oberbürgermeister Erik O. Schulz bereits am Donnerstag in der Sitzung des Finanzausschusses gemacht.

Offenkundig scheint der vorweihnachtliche Berlin-Besuch von Enervie-Vorstand Ivo Grünhagen bei Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel Wirkung zu zeigen. Damals hatte sich der Manager mit Wirtschaftsvertretern als Botschafter der gesamten Region in der Hauptstadt dafür eingesetzt, eine finanzielle Entlastung der Kunden innerhalb der südwestfälischen Strominsel zu erwirken. Aufgrund von unmissverständlichen Hinweisen aus dem Haus der Bundesnetzagentur soll es nun zwischen den Technikern von Enervie, Amprion, AVU und der RWE-Tochter Westnetz gelungen sein, den Versorgungsknoten zu durchschlagen. Von letzten Detailfragen abgesehen, so ist zu hören, hätten die Experten eine lange Zeit undenkbare Lösung nun doch umgesetzt.

Die Verbraucher, insbesondere die energieintensiven Betriebe in Hagen und dem märkischen Sauerland, würde eine solche Lösung stark entlasten. Beim Energie-Gipfel dieser Zeitung im Dezember hatten Unternehmer beklagt, dass der zwangsweise Weiterbetrieb der Enervie-Kraftwerke für die Betriebe der Region einen starken Wettbewerbsnachteil bedeutet hätte. Investitionen, so hatte man befürchtet, wären nicht getätigt bzw. in andere Regionen verlagert worden.

Rückstellungen früher

Im Falle einer kurzfristigen Abschaltung der Kraftwerke wären diese Befürchtungen obsolet. Allerdings würde das Aus der Erzeugungssparte einhergehen mit einem Verlust von 350 Arbeitsplätzen. Mit allen Konsequenzen für die dort beschäftigten Enervie-Mitarbeiter.

Bislang hatte das Unternehmen das Ende der Stromerzeugung für das Jahr 2020 in die Finanz- und Unternehmensplanung eingetaktet. Daher hätte man für die entsprechenden Sozialplankosten sechs Jahre lang Rückstellungen aufbauen können. Wenn diese Millionen-Beträge jetzt schon zum Jahresende fällig würden, brächte dies neue Herausforderungen für den ohnehin finanziell nicht auf Rosen gebetteten Versorger.

Unruhe in der Belegschaft

Diese Entwicklung sorgt in der Belegschaft jedenfalls für einige Unruhe. Der Betriebsratsvorsitzende Thomas Majewski spricht von „berechtigter Angst“, die sich besonders in den Belegschaften der Kraftwerksstandorte breit machen würde. Deshalb fordert der Arbeitnehmer-Vertreter: „Es müssen alle Möglichkeiten genutzt werden, die Kollegen im Unternehmen unterzubringen.“ Sämtliche Fremdvergaben an Drittfirmen müssten auf den Prüfstand. Immerhin drohe den Beschäftigten, so der Betriebsratschef, jetzt nicht etwa ein sozialverträgliches Ausscheiden, sondern Abfindungen, Transfergesellschaft und womöglich am Ende häufig auch die Arbeitslosigkeit.