Machtkampf in der Mozart-Stadt

Salsburg/Wolfsburg..  Im beschaulichen Salzburg könnte VW-Geschichte geschrieben werden. Der Machtpoker bei Volkswagen steuerte gestern auf einen neuen Höhepunkt zu. Fernab des VW-Stammwerks in Wolfsburg beriet der engste Kreis des Aufsichtsrats, wie es weitergeht in der Führungskrise. Der Ausgang war völlig offen.

Seit fast einer Woche schwelt der Machtkampf bei VW – seitdem Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch in unnachahmlicher Manier von seinem Ziehsohn, VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, abgerückt war, mit einem einzigen Satz im Nachrichtenmagazin „Spiegel“: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“

Der Betriebsrat und das Land Niedersachsen als wichtige Machtpfeiler bei VW aber stellten sich hinter Winterkorn, selbst Wolfgang Porsche als Sprecher des Porsche-Clans distanzierte sich von seinem Cousin. Die Familien Porsche und Piëch halten die Mehrheit an VW.

Mehrere Privathäuser im Besitzvon Konzerngrößen

Gestern nun reisten die Kontrahenten nach Österreich und trafen dort aufeinander, es schlug die Stunde des Aufsichtsrats-Präsidiums – in dem bei VW für gewöhnlich wichtige strategische Weichenstellungen getroffen werden. Darin sitzen neben Piëch und Wolfgang Porsche noch der frühere IG Metall-Chef Berthold Huber, VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sowie der Osterloh-Vize Stephan Wolf.

VW blieb aber am Donnerstag geheimnisvoll: wo genau und bis wann getagt wurde, blieb unklar. Sowohl Piëch als auch sein Cousin Porsche haben ein Privathaus in Salzburg – ebenso wie Wolfgang Porsches Bruder Hans-Peter. Außerdem hat Europas größter Autohändler, die Porsche Holding Salzburg, in der Stadt ihren Sitz. Dort aber war es gestern ruhig – zumindest nach außen hin. Immerhin: Am Salzburger Flughafen wurden am Nachmittag Flieger gesichtet, die VW zugeordnet wurden.

Auch der Mann, um dessen berufliche Zukunft es gehen könnte, war nach Salzburg gereist: VW-Chef Winterkorn. Noch am Vormittag schien es so, als betreibe er sein ganz gewöhnliches Tagesgeschäft. Zwei Werksbesuche in der VW-Heimat Niedersachsen standen auf dem Programm, abends sollte der Top-Manager eigentlich in Göttingen vor Spitzenpolitikern sprechen. Doch dann sagte Winterkorn den Termin in Göttingen kurzfristig ab und es ging für ihn nach Salzburg.

Wie aber geht es für ihn weiter? Winterkorn war bis zu den Piëch-Aussagen als Nachfolger des VW-Patriarchen an der Spitze des Aufsichtsrates gehandelt worden. Und: Neben der Distanz-Ansage zitierte das Nachrichtenmagazin Piëch auch mit den Worten: „Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen.“ Damit stand sogar Winterkorns Verbleib im Vorstand infrage – obwohl er in Salzburg laut „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) um eine Verlängerung seines Ende 2016 auslaufenden Vertrages kämpfen wollte.

Expansion könnteein neues Gesicht nötig machen

Im Aufsichtsrat läuft das Amt Piëchs als Vorsitzender noch zwei Jahre – was dann kommt, ist völlig offen. Nur so viel: Ein Techniker soll es laut dem Patriarchen ebenso sein wie an der Vorstandsspitze. Und kein Familienmitglied, womit Piëchs Frau Ursula ebenso außen vor ist wie sein Bruder Hans Michel.

Also liegt der Druck nun auch beim Patriarchen Piëch. Er hat die allseits erwartete Nachfolge-Regelung mit der Hauptfigur Winterkorn über den Haufen geworfen – dafür muss er gute Gründe gehabt haben. Womöglich sieht er für Volkswagen nach den Jahren der Expansion eine neue Ära anbrechen, die ein neues Gesicht an der Spitze nötig macht. Seit Winterkorn Vorstandschef ist, hat sich der Konzernumsatz in acht Jahren verdoppelt, der Gewinn mehr als verfünffacht, neue Marken kamen unter das VW-Dach. Nun könnte eine Phase der Konsolidierung anstehen.