Laut Vattenfall drohen bis zu 30 Prozent höhere Strompreise

Vattenfall-Deutschland-Chef Tuomo Hatakka sieht Netzausbau und EEG-Umlage als größte Preistreiber in Sachen Strompreis an.
Vattenfall-Deutschland-Chef Tuomo Hatakka sieht Netzausbau und EEG-Umlage als größte Preistreiber in Sachen Strompreis an.
Foto: dapd
Der Stromproduzent Vattenfall rechnet mit einer weiteren deutlichen Verteuerung des Stroms durch die Energiewende. Der Deutschland-Chef des schwedischen Staatskonzerns, Tuomo Hatakka, geht davon aus, dass der Strompreis für Haushaltskunden bis 2020 um 30 Prozent steigen könnte.

Berlin.. Als Deutschland-Chef von Vattenfall gehört Tuomo Hatakka zu den wichtigsten Energiemanagern Deutschlands: Der schwedische Staatskonzern ist der drittgrößte Stromproduzent in der Bundesrepublik. Es hat also Gewicht, wenn der Manager im Interview einen drastischen Anstieg der Strompreise voraussagt.

Herr Hatakka, gut ein Jahr ist seit der Energiewende in Deutschland vergangen. Welches Fazit ziehen sie?

Tuomo Hatakka: Das Wachstum bei den erneuerbaren Energien ist schon beeindruckend. Leider passiert nicht genug im Bereich Netzausbau. Da gibt es sicherlich Synchronisierungsbedarf. Wenn der Netzausbau künftig nicht schneller vorangeht, wird die sehr ambitionierte Wachstumsprognose bei den Erneuerbaren schon etwas reduziert werden müssen. Ich glaube, dass die Energiewende länger dauern wird, als wir denken. Aber das bedeutet nicht, dass die Energiewende nicht umgesetzt werden kann.

Wo muss besonders dringend nachgesteuert werden?

Hatakka: Unterschätzt wird die Tatsache, dass wir Reservekapazitäten brauchen werden. Wir gehen davon aus, dass wir im Jahr 2020 85.000 bis 90.000 Megawatt an erneuerbaren Kapazitäten haben. Das reicht sogar für die Jahreshöchstlast in Deutschland, die liegt irgendwo in der Größenordnung von 82.000 Megawatt. Aber das gilt nur, wenn die Sonne scheint und der Wind weht. Wenn nicht, dann haben wir eine Erzeugungslücke in der Größenordnung von 50.000 oder 60.000 Megawatt. Und wir müssen dann dafür sorgen, dass dafür Reservekapazitäten zur Verfügung stehen. Wir dürfen auch vorhandene Pumpstromspeicher nicht noch unrentabler machen. Ich hoffe, dass der Bundestag solche wichtigen Energiewende-Kraftwerke von der Netznutzungsentgeltpflicht befreit.

Müssen zur Sicherung der Versorgung neue konventionelle Kraftwerke gebaut werden?

Hatakka: Aktuell gibt es meines Erachtens genug. Eine Ausnahme könnte Süddeutschland sein. Da wird es, glaube ich, notwendig sein, mittelfristig neue Kapazitäten zu bauen. Wir müssen aber dafür sorgen, dass die vorhandenen Kraftwerke tatsächlich auch in Zukunft noch zur Verfügung stehen. Mit Gaskraftwerken etwa lässt sich im Moment kein Geld verdienen. Wir brauchen Anreize, dass diese Kapazitäten am Netz bleiben. Irgendetwas muss da passieren.

Wir müssen alle hart daran arbeiten, dass die Lichter anbleiben

Befürchten sie im kommenden Winter einen Blackout?

Hatakka: Das können wir uns nicht leisten. Wir müssen alle hart daran arbeiten, dass die Lichter anbleiben. Das wird sicherlich kein Sonntagsspaziergang sein. Aber ich gehe davon aus, dass wir keinen Blackout haben werden.

Wie werden sich die Strompreise entwickeln?

Hatakka: Alle sind sich einig, dass die Stromrechnung künftig höher ausfallen wird. Ich gehe davon aus, dass der Strompreis für Haushaltskunden bis 2020 um 30 Prozent steigen könnte. Größte Preistreiber sind die EEG-Umlage und der Netzausbau.

Ist das den Verbrauchern zumutbar?

Hatakka: Es ist wichtig zu akzeptieren, dass es keinen Klimaschutz zum Nulltarif gibt. An diesem Akzeptanzthema müssen wir alle arbeiten.

Gefährdet die Energiewende den Industriestandort Deutschland?

Hatakka: Das glaube ich nicht. Die Energiewende ist eine Realität - in Deutschland, aber auch in der EU. Wenn wir diese Herausforderungen meistern, glaube ich sogar, dass wir perspektivisch neue Exportschlager entwickeln können, die man dann auf den großen Märkten Südostasiens und Amerikas verkaufen kann. Ich sehe das eigentlich positiv.

Trotzdem will Vattenfall mit Hilfe des Bundesverfassungsgerichts und der Weltbank eine Entschädigung für den Atomausstieg in Deutschland erstreiten. Um wie viel Geld geht es eigentlich?

Hatakka: Wichtig ist, dass wir nicht gegen die Energiewende klagen. Wir respektieren auch die Entscheidung der deutschen Regierung, Atomkraftwerke abzuschalten. Aber wir verlangen dann, dass es eine faire Kompensation für den finanziellen Schaden gibt, den wir dadurch erleiden. Aber leider ist das nicht vorgesehen. Deswegen müssen wir klagen. Ich will jetzt nicht über die Höhe spekulieren. Aber wenn es nur um ein paar Euro-Cents ginge, würden wir es nicht tun.

Plant Vattenfall den Bau neuer Atomkraftwerke?

Hatakka: Deutschland hat sich gegen Kernkraft entschieden. In Schweden ist das anders. Dort ist es politisch eigentlich gewollt, dass neue Kernkraftwerke auf existierenden Standorten gebaut werden können - als Ersatzkapazitäten. Wir haben im Sommer einen Antrag bei der Behörde eingereicht, um den Bau eines neuen Kernkraftwerks zu prüfen – ein erster Schritt in einem sehr umfangreichen Prozess.

Vattenfall wird in dieser Woche nach langer Verzögerung endlich den neuen Block im Braunkohlekraftwerk Boxberg offiziell in Betrieb nehmen. Fällt ihnen ein Stein vom Herzen?

Hatakka: Das ist nicht nur gut für Vattenfall, sondern auch wichtig für die Energiewende in Deutschland. Die Braunkohle und unser neuer Kraftwerksblock leisten einen wichtigen Beitrag zur Energiewende. Sie sichern Systemstabilität und leisten einen Beitrag zur Bezahlbarkeit der Energie.

Hat die Braunkohle überhaupt noch Zukunft?

Hatakka: Man kann Braunkohle als Brückentechnologie definieren. Ich habe kein Problem damit– aber es wird eine lange Brücke sein. Und ich bin der Meinung, dass jetzt mit Boxberg R diese Brücke etwas solider, stärker sein wird. Das ist gut für die Energiewende.

Planen Sie weitere Braunkohlekraftwerke?

Hatakka: Mit den heutigen Rahmenbedingungen wird es schwer, neue Kraftwerksprojekte anzugehen. Wir haben schon vor Jahren gesagt, dass wir keine neuen Kohlekraftwerke ohne CO2-Abscheidung und Speicherung, kurz CCS, mehr bauen werden. Und dafür sind die Rahmenbedingungen leider nicht gegeben.

Sehen sie Chancen, dass sich das in näherer Zukunft ändert?

Hatakka: Ich habe keine Illusionen, wenn es um CO2-Speicherung an Land in Deutschland geht. Das sehe ich nicht als realistisch. Deshalb begrüßen wir die EU-Initiative, eine europäische Infrastruktur für Transport und Speicherung von CO2 auf die Beine zu stellen. Mit Offshore-Speicherung könnte es klappen. Vor diesem Hintergrund gehen wir weiter davon aus, in den 2020er-Jahren am Standort Jänschwalde ein neues Kohlekraftwerk mit CCS zu bauen.

Die großen Wettbewerber E.on und RWE haben ehrgeizige Sparprogramme eingeleitet. Wie sieht es bei Vattenfall aus?

Hatakka: Das Marktumfeld ist eine echte Herausforderung. Die Margen sind unter Druck wegen der Wirtschafts- und der Eurokrise. Dieser Konsolidierungsdruck wird bleiben und vielleicht sogar noch stärker werden. Wir werden - davon gehe ich aus - noch mehr sparen müssen.

Bedeutet das auch einen Stellenabbau?

Hatakka: Wir werden auch die Personalkosten genau analysieren und überprüfen müssen.

Vattenfall beliefert auch das Kanzleramt mit Strom. Macht sie das stolz?

Hatakka: Jeder Kunde macht uns stolz. (dapd)

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