Laues Lüftchen in NRW

Deutschlands Windenergie-Branche segelt derzeit auf Rekordkurs. 1766 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 4750 Megawatt (MW) wurden 2014 bundesweit installiert, so viel wie noch nie zuvor in einem Jahr. Zusammengenommen könnten allein die im vergangenen Jahr neu gebauten Windräder drei Atomkraftwerke ersetzen.

Ohnehin ist Wind die wichtigste erneuerbare Energiequelle, doppelt so ergiebig wie Solarstrom. Kein Wunder also, dass auch die rot-grüne NRW-Regierung den Ausbau vorantreiben will. Mindestens 15 Prozent Windstromanteil in NRW ab 2020 ist das Ziel des rot-grünen Koalitionsvertrags. Derzeit sind es nur vier Prozent. Möglich machen soll das der Windenergieerlass, den Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) bereits vor vier Jahren vorstellte. Riesenwindräder mit bis zu 200 Metern Nabenhöhe sind seitdem zulässig. Auch der Mindestabstand, den Windanlagen wegen der Geräuschentwicklung zur Wohnbebauung haben müssen, wurde verkleinert.

Ob Düsseldorf das Ziel noch erreichen kann, ist mehr als zweifelhaft. Der Ausbau läuft schleppend. Dabei wurden 2014 auch in NRW 124 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 307 MW neu errichtet. Das ist mehr als 2013, als die Zunahme bei 237 MW lag. Und seit 2010 hat sich der Ausbau sogar mehr als verdreifacht, betont das NRW-Umweltministerium. Doch im Vergleich mit anderen Bundesländern weht im selbst erklärten Energieland Nummer eins nur ein laues Lüftchen. Spitzenreiter Schleswig-Holstein erreichte mit einem Plus von rund 1303 MW einen mehr als viermal höheren Wert – Off-Shore-Windanlagen vor der Küste nicht eingerechnet.

Dabei wäre viel mehr möglich. 2012 hatte NRW erst knapp zwölf Prozent seines errechneten Windkraftpotenzials von zwei Prozent der Landesfläche ausgeschöpft. Andere Länder sind auch da schon viel weiter: Niedersachsen liegt bei einer Quote von 21,5 Prozent, Schleswig-Holstein bei knapp 29 Prozent, Sachsen-Anhalt bei über 40 Prozent. Für den NRW-Landesverband Windenergie ist das Szenario klar: „Wir benötigen pro Jahr mehr als doppelt so viel neue Windanlagen, um die Landesvorgaben bis 2020 zu erreichen“, so der BWE-Landesvorsitzende Klaus Schulze Langenhorst.

Hauptgrund für die Flaute auf dem NRW-Windmarkt ist laut Verband die schleppende Flächenausweisung. Das Land räumt Verzögerungen ein, schiebt den Schwarzen Peter aber der schwarz-gelben Vorgängerregierung zu. Planverfahren seien selten unter drei Jahren durchzuführen, teilte das Umweltministerium mit. „Andere Bundesländer wie Schleswig-Holstein haben früher mit der Fortschreibung der Pläne begonnen“, hieß es.

Furcht vor der„Verspargelung“

Doch es drohen weitere Verzögerungen. Die Planverfahren gehen in diesem Jahr in ihre entscheidende Phase. Viele Bürger und Gemeinden verfolgen die Windkraft-Strategie der Landesregierung mit Sorge, fürchten eine „Verspargelung“ der Landschaft durch Windräder. Besonders rau weht der Gegenwind in Südwestfalen. Auf den Höhenzügen des Sauer- und Siegerlandes haben Experten die größten Ausbaureserven errechnet. Auf 18 000 Hektar summieren sich die von einer Studie des Landesumweltamtes ermittelten Flächen für neue Windräder. Der zuständigen Bezirksregierung Arnsberg flatterten innerhalb der Widerspruchsfrist, die Ende 2014 auslief, über 15 000 Einwendungen von Bürgern und Gemeinden auf den Tisch. Im gleichen Verfahren des Regierungsbezirks Münster sind es bei einer geplanten Vorrangfläche für Windanlagen von 6000 Hektar nur 1200 Widersprüche. Alle Einsprüche müssen geprüft und beantwortet werden. Allein darüber dürften Monate ins Land ziehen.