Kursverluste bei RWE fressen das Kapital der Städte auf

Die RWE-Zentrale in Essen.
Die RWE-Zentrale in Essen.
Foto: Kai Kitschenberg/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Angesichts des Kursverfalls beim Essener Energieversorger RWE müssen Städte wie Essen und Mülheim millionenschwere Abschreibungen vornehmen.

Essen.. Viele Kämmerer rechnen noch, doch schon jetzt ist absehbar, wie sehr die Krise des Energieversorgers RWE auch die Bilanzen großer Ruhrgebietsstädte belastet. In den Jahresabschlüssen von Kommunen wie Essen, Mülheim und Duisburg wird schwarz auf weiß sichtbar, dass der Wert des Traditionskonzerns massiv gesunken ist.

Die größte Summe muss Essens Kämmerer Lars Martin Klieve abschreiben. Klieve geht von einer Wertberichtigung in Höhe von rund 214 Millionen Euro aus. Schon in den Jahren 2013 und 2014 hat Essen Wertverluste von mehr als 800 Millionen Euro durch die RWE-Krise verzeichnet. Insgesamt ist das Eigenkapital der Stadt also allein durch den RWE-Effekt zuletzt um mehr als eine Milliarde Euro geschrumpft. Essen trägt nun den Stempel, überschuldet zu sein.

Für den Jahresabschluss müssen die Städte regelmäßig den Wert ihrer Finanzanlagen überprüfen. Für Kommunen mit einer Beteiligung an RWE fiel die Analyse mit Blick auf den einstigen Gewinnbringer ernüchternd aus: Ende 2014 hatte die Stadt Essen die RWE-Aktien noch mit 25,64 Euro bewertet, der Schlusskurs im vergangenen Jahr lag aber bei 11,71 Euro – ein Minus von 54 Prozent.

Kommunen sind überschuldet

Auch die ohnehin bilanziell überschuldete Stadt Mülheim rechnet aktuell mit Abschreibungen in Höhe von etwa 150 Millionen Euro durch den niedrigeren RWE-Börsenkurs. In Duisburg sind es knapp 2,5 Millionen Euro. Bochum betrifft das RWE-Problem ebenfalls: Beim örtlichen Stadtwerke-Konzern gab es im vergangenen Jahr Abschreibungen im Zusammenhang mit RWE-Aktien in Höhe von 103 Millionen Euro.

Direkte Auswirkungen auf ihre Haushalte sehen Mülheims Kämmerer Uwe Bonan und sein Amtskollege Klieve aus Essen nicht. Klieve betont, anders als beim bis 2012 geltenden Haushaltsrecht seien derzeit keine erheblichen aufsichtsrechtlichen Restriktionen mit der Überschuldungssituation verbunden. Gleichwohl weisen beide städtischen Finanzchefs darauf hin, dass sie in absehbarer Zeit das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts erreichen müssen. Durch die Rückgänge bei RWE wird es nicht gerade leichter, aus den roten Zahlen zu kommen – zumal durch die Flüchtlingskrise neue Belastungen für die Kommunen entstehen.

Niedrigere Dividende erwartet

Anders als Städte wie Essen, Mülheim oder Duisburg will der Hochsauerlandkreis zunächst wohl auf Abschreibungen angesichts des RWE-Kursrückgangs verzichten. Zwar stehen die Papiere des Essener Konzerns noch mit rund 29 Euro in den Büchern und die Aktie lag zum Bilanzstichtag Ende Dezember bei weniger als zwölf Euro, doch der Kreis mit Kommunen wie Arnsberg, Meschede und Winterberg verweist auf seinen „Beurteilungsspielraum“ im Haushaltsrecht. Die Prüfung laufe, so Kreissprecher Martin Reuther. „Tendenziell neigen wir zurzeit nicht zu einer Wertberichtigung“, sagt er und verweist dabei auch auf den unlängst beschlossenen Konzernumbau. Der Hochsauerlandkreis hält etwa 5,8 Millionen RWE-Aktien und gehört damit zu den großen kommunalen Eigentümern des Energiekonzerns. RWE-Chef Peter Terium plant einen Neustart des Unternehmens und will die Zukunftsgeschäfte grüne Energie, Netze und Vertrieb in einer neuen Tochterfirma (Projektname Newco) bündeln. Die Newco soll Anfang April starten und deutlich größer sein als die im Börsenindex Dax notierte Konzernmutter. Von den 60 000 RWE-Beschäftigten sollen 40 000 Mitarbeiter zur Newco wechseln. Bei der alten RWE bleiben das Geschäft mit Gas-, Kohle- und Atomkraftwerken sowie der Energiehandel.

Mehrere Stadtkämmerer lassen ihre Hoffnung auf steigende Aktienkurse durchblicken. Kurzfristig stellen sie sich aber auf Einbußen durch niedrigere Gewinnausschüttungen von RWE ein. Anders als das schrumpfende Eigenkapital wirkt sich eine niedrigere Dividende direkt auf den städtischen Haushalt aus. Essens Kämmerer Klieve geht von einem „spürbaren Dividendenrückgang“ aus. Zuletzt hatte RWE pro Aktie einen Euro gezahlt, er rechne nun nur noch mit „50 bis 85 Cent“. Es drohe eine Ergebnisbelastung von bis zu neun Millionen Euro jährlich. Auch in Bochum stellt man sich auf einen Dividendenrückgang auf „unter einen Euro pro Aktie“ ein. Die Dortmunder Stadtwerke, der größte kommunale RWE-Aktionär, haben 85 Cent eingeplant. RWE hält sich bei der Frage nach der Dividende noch bedeckt.