Das aktuelle Wetter NRW 12°C
Wirtschaft

Kontrolleure beklagen "Lebensmittelüberwachung nach Kassenlage"

24.03.2013 | 14:07 Uhr
Foto: /ddp/David Hecker

Deutschlands oberster Lebensmittelkontrolleur Martin Müller schlägt Alarm: Maximal die Hälfte aller 1,2 Millionen Lebensmittelbetriebe könnten die Aufsichtsbehörden richtig kontrollieren. Deshalb forderte er am Wochenende in der "Süddeutschen Zeitung", die Zahl der Prüfer massiv aufzustocken und das Kontrollsystem gründlich zu reformieren.

Berlin/München (dapd). Deutschlands oberster Lebensmittelkontrolleur Martin Müller schlägt Alarm: Maximal die Hälfte aller 1,2 Millionen Lebensmittelbetriebe könnten die Aufsichtsbehörden richtig kontrollieren. Deshalb forderte er am Wochenende in der "Süddeutschen Zeitung", die Zahl der Prüfer massiv aufzustocken und das Kontrollsystem gründlich zu reformieren. Unterdessen hat der Lebensmittelkonzern Nestlé in Deutschland vorsorglich drei Sorten eines Schokoriegels zurückgerufen. Zuvor waren in Großbritannien Plastikstückchen in KitKat-Chunky-Produkten gefunden worden waren.

Als Konsequenz aus den jüngsten Lebensmittelskandalen verlangte Müller, die Zahl der Kontrolleure von derzeit rund 2.400 auf bis zu 3.900 zu erhöhen. "Mit mehr Personal könnten wir einen größeren Druck auf die Betriebe aufbauen, damit die merken, dass wir es ernst meinen", sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure. Seit zehn Jahren habe sich am Personalstand nichts geändert.

Müller sagte, die Kontrolle werde schwieriger: "Wir müssten eigentlich dafür sorgen, dass schlechte Ware erst gar nicht hereingelassen wird. Doch dafür müssten wir unsere präventive Arbeit verstärken, Frühwarnsysteme entwickeln, für die aber das Geld fehlt." Aus seiner Sicht würden Bürger entmündigt, wenn ihnen erst im Nachhinein "die ekligen Tatsachen" präsentiert würden. Was nütze es dem Verbraucher, "wenn er erfährt, dass die Erdbeeren, die er vor einer Woche gegessen hat, hochgradig mit Pestiziden belastet waren", fragte Müller.

Er forderte zudem, die Lebensmittelkontrolle in Deutschland bundesweit aufzustellen. "Derzeit sind die Kontrolleure den Landesbehörden oder Kommunen unterstellt. Vor allem in den Kommunen wird Lebensmittelüberwachung nach Kassenlage gemacht und vor allem dort wird kein neues Personal eingestellt", kritisierte der Verbandschef.

"Abschreckende Sanktionen"

Müller machte sich außerdem für "abschreckende Sanktionen" nach dem Vorbild Dänemarks stark. Dort gebe es seit zehn Jahren ein öffentliches Bewertungssystem für Lebensmittelbetriebe. "Gute Betriebe werden mit einem Smiley gewürdigt, schlechte mit einem Schmollgesicht bestraft." Das Verhalten der Unternehmen habe sich entscheidend verändert, die Zahl der Beanstandungen sei um fast 30 Prozent gesunken.

Auch Grünen-Fraktionschefin Renate Künast dringt auf weitergehende Maßnahmen gegen Fleischskandale. "Nötig sind Schwerpunktstaatsanwaltschaften, um Betrügern bei der Futtermittelproduktion auf die Spur zu kommen", sagte Künast der Zeitung "Die Welt". Erforderlich sei zudem eine "bessere Kontrolle der Futtermittelproduktion und des Umgangs mit Schlachttieren". Deutschland brauche eine "Bund-Länder-Koordination und Verpflichtungen zu regelmäßigen Untersuchungen". Diese müssten in einem nationalen Register erfasst werden.

Drei KitKat-Chunky-Sorten zurückgerufen

Unterdessen wurde ein neuer Lebensmittelvorfall bekannt. Bei den zurückgerufenen KitKat-Chunky-Schokoriegeln handelt es sich um die Sorten Hazelnut, Caramel und Peanut Butter mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum 06.2013 bis einschließlich 11.2013 (Hazelnut), 06.2013 (Caramel) und 09.2013 bis einschließlich 01.2014 (Peanut Butter), teilte Nestlé in Frankfurt am Main mit.

Alle anderen KitKat-Produkte seien vom Rückruf nicht betroffen und uneingeschränkt zum Verzehr geeignet, betonte der Konzern. In Deutschland seien bisher keinerlei Beschwerden gemeldet worden. In Großbritannien habe es sieben Verbraucherreklamationen wegen der Plastikstückchen in KitKat-Chunky-Produkten gegeben.

Verbraucher, die in Deutschland die genannten Produkte mit dem entsprechenden Mindesthaltbarkeitsdatum gekauft haben, könnten diese über den Handel oder direkt an die Nestlé Kaffee & Schokoladen GmbH, Frankfurt, zurückgeben. Der Kaufpreis werde erstattet.

dapd

dapd

Facebook
Kommentare
Umfrage
Der Streik der Lokführer erhitzt weiter die Gemüter. Bahn und Gewerkschaft werfen sich gegenseitig verantwortungsloses Verhalten vor. Wie sehen Sie das?

Der Streik der Lokführer erhitzt weiter die Gemüter. Bahn und Gewerkschaft werfen sich gegenseitig verantwortungsloses Verhalten vor. Wie sehen Sie das?

 
Aus dem Ressort
Lufthansa-Piloten bestreiken Dienstag auch die Langstrecken
Streik
Für Flug-Reisende kommt's noch dicker als erwartet: Die Lufthansa-Piloten haben am frühen Montagmorgen angekündigt, neben den Kurz- und Mittelstrecken auch die Langstrecken zu bestreiken. Der "Zusatz-Streik" soll aber nicht 35 Stunden dauern, sondern nur 18 Stunden.
GDL-Chef Weselsky zufrieden – Bahnstreik war "sehr wirksam"
Interview
Gewerkschafts-Boss Claus Weselsky zieht Bilanz des Streik-Wochenendes seiner Lokführer. Er sei zufrieden, sagt er im Interview – zumal neben den Lokführern auch das übrige Zugpersonal gestreikt habe. Den Ärger der Kunden könne er verstehen. Der fehlende Solidarität der dagegen nicht.
Reisende warten Stunden auf Gepäck am Flughafen Düsseldorf
Gepäck
Passagiere beklagen sich über lange Wartezeiten an der Gepäckausgabe des Düsseldorfer Flughafens. Mancher Reisende hätte zwei Stunden warten müssen. Dies könne mehrere Gründe haben, sagt Flughafensprecher Hinkel. Doch es ist nicht das erste Mal, dass es Probleme bei der Gepäckabfertigung gibt.
Flüchtlinge könnten den deutschen Arbeitsmarkt entlasten
Zuwanderung
Angesichts der wachsenden Zahl von Asylsuchenden fordern Experten von der Bundesregierung einen grundlegenden Wandel ihrer Flüchtlingspolitik. Statt Menschen zu einer lebensgefährlichen Überfahrt über das Mittelmeer zu zwingen, fordern sie legale Wege, um Fachkräfte zu gewinnen.
GEZ-Muffel werden zum Jahresende zwangsangemeldet
Rundfunkbeitrag
Die Beitragseintreiber des öffentlich-rechtlichen Rundfunks machen ernst: Wer knapp zwei Jahre nach der Umstellung immer noch nicht zahlt, bekommt jetzt noch einmal Post, dann wird er zwangsangemeldet. Ob wirklich ein Fernseher in der Wohnung steht, spielt dabei keine Rolle.