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„Klassisches Handwerk lebt auf“

17.02.2011 | 18:30 Uhr
„Klassisches Handwerk lebt auf“
Die Konjunktur zieht an, sagt Otto Kentzler. Foto: Dennis Strassmeier

Essen.   Die Konjunktur im Handwerk zieht an. Aber die Lage auf dem Lehrstellenmarkt kippt. In Ostdeutschland fehlen schon Auszubildende. „Wir haben ein demografisches Problem“, sagt Handwerkspräsident Otto Kentzler.

Eine stabile Nachfrage der Privathaushalte und die Aufträge durch staatliche Konjunkturpakete haben das Handwerk in der Krise ge­stützt. 2011 rechnet dessen Zentralverband mit einem Wachstum von zwei Prozent. Mit Präsident Otto Kentzler sprachen Thomas Wels und Kai Wiedermann.

Das Handwerk hinkt beim Wachstum im Vergleich zu anderen Branchen etwas hinterher. Warum?

Otto Kentzler: Weil der Winter Ende 2010 sechs Wochen lang zugeschlagen hat. Im Baugewerbe war Funkstille. Das zieht die Handwerkskonjunktur nach unten. Die Auftragslage ist aber gut, es geht deutlich aufwärts. Im Vergleich zu anderen Bereichen ist das Handwerk in der Krise auch nicht so in die Knie gegangen. Wir waren ein stabilisierender Faktor.

Wie groß sind die Chancen für junge Menschen, im Handwerk einen Ausbildungsplatz zu bekommen?

Die Chancen stehen sehr gut, das Angebot an Lehrstellen wächst im Handwerk im Aufschwung weiter. 2010 blieb die Zahl der neuen Ausbildungsverträge stabil. Dazu hat vor allem Nordrhein-Westfalen beigetragen mit einem Plus, im Kammerbezirk Dortmund lag der Zuwachs bei der betrieblichen Ausbildung so­gar über sieben Prozent. Im Osten haben die Betriebe da­gegen zu wenig Bewerber, da immer weniger Jugendliche die Schule verlassen.


Im vergangenen Jahr blieben zwischen 7000 und 10 000 Ausbildungsstellen unbesetzt. Ist das Handwerk so unattraktiv?

Die Zahl der Schulabgänger wird im Osten weiter sinken, im Westen beginnt der Trend in zwei, drei Jahren. Wir haben also vor allem ein demografisches Problem. Der Wettbewerb um den Nachwuchs hat begonnen. Unsere Linie im Handwerk ist klar: Wir sind für alle Bewerber offen, die eine Ausbildung machen wollen und an einem Handwerksberuf interessiert sind. Dabei nehmen wir durchaus auch die Bewerber mit schwachen Zeugnissen mit. Viele blühen in der Ausbildung erst auf. Auf dem Weg hin zur Gesellenprüfung leisten die Betriebe ja auch Unterstützung, etwa durch Nachhilfe.

Der Abi-Doppeljahrgang könnte ihnen Nachwuchsprobleme vom Hals schaffen.

Da erwarten wir schon ei­nen Schub, das gilt auch für den Wegfall der Wehrpflicht. Wir werben um mehr Abiturienten, machen deutlich, welche Karrierechancen das Handwerk bietet. Aber auch ein Hauptschüler kann bei uns durchstarten: Nicht umsonst haben wir durchgesetzt, dass Handwerksmeister Zugang zu den Hochschulen erhalten. In den nächsten drei Jahren wollen wir erreichen, dass fünf Prozent der Meister die neue Chance zum Studium und damit Weiterqualifizierung nutzen. Die Verzahnung von Handwerk und Wissenschaft wird wichtiger, da die Indus-trie auch Forschung und Entwicklung an die Zulieferbetriebe auslagert.

Von den Jungen zu den Älteren. Was halten Sie von der Rente mit 67?

Wir müssen die Betrachtung umdrehen, nicht von Rente mit 67 reden, sondern von Arbeit bis 67. Die Gewerkschaften sperren sich noch. Aber hier müssen alle gesellschaftlichen Kräfte mitarbeiten, weil der Generationenvertrag sonst nicht funktioniert. Die Rente ist ja nicht die private Spardose eines jeden.

Also müssen Handwerker doch noch mit 67 auf die Leiter oder schwere Eimer schleppen.

Es geht um Personalmanagement. Betriebe und unsere Handwerksorganisationen vor Ort müssen vor allem Ideen entwickeln und durchsetzen, damit Arbeit bis 67 für jeden nach seiner Leistungsfähigkeit möglich ist. Ältere Mitarbeiter müssen beispielsweise rechtzeitig qualifiziert werden, damit sie in körperlich weniger anstrengenden Bereichen eingesetzt werden können. Etwa im Einkauf oder bei der Bewertung von Gebäuden.

Die Wegwerfgesellschaft, so heißt es, sei auf dem Rückzug. Ihre Erfahrungen.

Ich kann bestätigen, dass es eine Rückbesinnung auf echte Werte gibt. Die Menschen investieren wieder in die eigenen vier Wände statt in risikoreiche Bankpapiere. Klassische Handwerksberufe leben auf, auch weil die Menschen individuelle und keine uniformen Produkte wünschen. Der Schuhmacher oder die Hutmacherin zum Beispiel. Andere Berufe wie etwa der Orthopädieschuhmacher oder Hörgeräteakustiker boomen, weil die älter werdenden Menschen sie brauchen.

DerWesten

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Kommentare
19.02.2011
19:04
„Klassisches Handwerk lebt auf“
von oldizarw | #4

Der Osten hat in erster Linie ein wirtschaftliches Problem, das dem demographischen vorausgeht. Nach der Wende sind zahllose Betriebe in die Insolvenz gegangen, da ihnen die Produktivität fehlte, die rasche Angleichung der Lebensverhältnisse bezahlen zu können. Die Jungen zogen fort, die Alten blieben zurück. Es braucht Geld, um Industrie und Handwerk verstärkt anzusiedeln. Nur mit der Aussicht auf
eine gutbezahlte Arbeit werden sich wieder mehr junge Leute ansiedeln, aber rotgrüngelbschwarze Regierungen wollen ja sparen. Rente mit 67 ist denkbar, wenn es in allen Branchen eine ausreichende Anzahl sozialversicherungspflichtiger Vollzeitarbeitsplätze gibt. Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe lässt sich nicht den Minijobbern, Niedriglöhnern und Zeitarbeitern aufbürden, während man sich anderenorts endlos unnütze Diskussionen über die Höhe der schicksalhaften Lohnnebenkosten leistet. (Eigentlich gäb´s eine ziemlich einfache Lösung) und Berufsgruppen wie z.B. die Beamten bei der Finanzierung einfach übersieht. Und ob private Vorsorge gesamtwirtschaftlich eine gute Idee ist, möchte ich noch bezweifeln. Geld, das zusätzlich privat in Rentenfonds gezahlt (und staatlich bezuschusst) wird, ist auf Jahrzehnte dem Konsum entzogen. Versicherer und Banken spielen damit in den Zockerbuden, dem Handel und dem Handwerk fehlt´s (es sie denn, sie leihen es sich gegen Zinszahlungen), denn die müssen ja schon heute und morgen Gewinne machen, um zu überleben.

18.02.2011
02:05
„Klassisches Handwerk lebt auf“
von EinKnaeuel | #3

Das ist richtig Nande, die Abwanderung grosser Teile der Bevölkerung nach der Wende, hat ganze Regionen in Neufünfland binnen weniger Jahre soweit entvölkert, das nur noch Alte da sind, die sich nicht mehr verpflanzen lassen
Einige Betriebe mussten wegen Arbeitskräftemangel schliessen.
So nach und nach kommt wieder Leben zurück, auch Betriebe siedelten und siedeln sich an, die natürlich auch Azubis benötigen.
Die Zukunftsaussichten sind nicht nur in MvP oder im Norden Sachsen-Anhalts positiv zu sehen..
Das Handwerk hatte schon immer goldenen Boden. In der Vergangenheit machten allerdings viele Handwerksbetriebe den Fehler, das sie sich von an einen grossen Auftraggeber geklammert haben.
Nicht nur Herr Schneider hat mit dieser Strategie etliche Kleinunternehmer in den Ruin getrieben..
Elektrik, Hoch/Tief/GaLabau, Holz, Metall, Glaser, Maler und Lackierer haben immer eine Zukunft, ohne das geht nichts Verwaltungskräfte werden immer überflüssiger, da man gemerkt hat, das der Wasserkopf Verwaltung teilweise 35-44 % der Betriebskosten verursacht..
Bei Landärzten sind schon über 50% erreicht, Viele Ärzte machen die Verwaltung zu Lasten der Zeit mit den Patienten schon selbst, um überhaupt noch existieren zu können..
Nach einer Lehre in der Industrie wird man eher zu einem arbeitslosen Gesellen, als im Handwerk.. Denn die Produkte aus Fernost, werden auch Dank China und Korea wieder billiger, Dank der Verlagerung deutscher Produktionsstätten nach Tschechien und Rumänien werden hier systematisch Industriejobs abgebaut, nicht nur Miele fährt auf der Welle mit.

17.02.2011
21:00
„Klassisches Handwerk lebt auf“
von Nande | #2

Alles eine Frage der Bezahlung und der Zukunftsaussichten.

17.02.2011
20:21
„Klassisches Handwerk lebt auf“
von nocheindirk | #1

Also ich kann nur jedem gescheiten Jugendlichen davon abraten ins Handwerk zughen. Nach Beendigung der Lehre, und wenn man nicht übernommen wird ist es sehr schwer bis fast unmöglich eine reguläre Arbeitsstelle zu bekommen. Meistens landet man dann bei einer Zeitarbeitsafirma. Und was man davon hat ist hinlänglich bekannt.

Mfg
dirk

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