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Wachstum

In Zukunft gibt es immer weniger zu verteilen

22.12.2009 | 09:21 Uhr
In Zukunft gibt es immer weniger zu verteilen

Essen. Ohne nennenswertes Wachstum gerät der Sozialstaat wie wir ihn kennen unter Druck. Langfristig stehen uns höhere Belastungen ins Haus. Doch die nötige Neuorientierung ist machbar, glauben Experten. "Wir werden unser Leben entkommerzialisieren", sagt einer von ihnen.

Nicht Geld spart man bei der Zeitbank in München für die Zukunft an, sondern Zeit. „Wir sind ein soziales Experiment”, sagt die Gründerin Joyce Mayer. Die Idee ist so einfach wie bestechend. Wer heute der alten Nachbarin die Einkäufe erledigt, kann sich die Stunden für den Fall gutschreiben lassen, dass er im Senioren-Alter später selbst der Hilfe bedarf. Gelingt es der Zeitbank in den kommenden Jahrzehnten, genügend junge Mitglieder zu gewinnen, funktioniert das Versicherungsprinzip auf neue Art: Arbeit gegen Arbeit, nicht Geld gegen Geld.

Projekte wie diese könnten erste Anzeichen einer Ökonomie sein, in der Geld eine geringere Rolle spiele als heute, sagt Nico Paech. Der Wachstumsforscher an der Universität Oldenburg glaubt nicht daran, dass die Maschine unseres Wirtschaftswachstums mit ihrer Steigerung des Bruttoinlandprodukts (BIP) um zwei oder drei Prozent pro Jahr ewig so weiterläuft.

"Selbst Dienstleistungen sind enorm materialintensiv"

Die erste Windkraftanlage in Deutschlands erstem Offshore-Park vor Borkum in der Nordsee. Auch mit dem Ausbau der "grünen Wirtschaft" wird das Wachstum sinken, glauben Experten.

„Ein weiterer Zuwachs materiellen Wohlstands, wie wir ihn kennen, gefährdet unsere Lebensgrundlagen”, sagt Experte Paech. Er verweist auf die Klimaerwärmung. Auch der Umbau zu einer vermeintlich grünen Wirtschaft verspreche keine wirklich Entlastung. „Selbst Dienstleistungen sind enorm materialintensiv. Moderne Studenten verfliegen viele Liter Kerosin.”

Paech zieht daraus die Schlussfolgerung, dass wir auf sparsamere Lebensmodelle umsteigen müssen, wie sie sich in der Münchner Zeitbank ankündigen. „Wir werden unser Leben teilweise entkommerzialisieren”, sagt er. „Auch das Sozialsystem kann dann nicht mehr alle Dienstleistungen zur Verfügung stellen, die heute üblich sind. Als moderne Selbstversorger müssen die Menschen manche Tätigkeiten in Eigenregie übernehmen.”

Dies ist eine Sichtweise auf die Entwicklung, doch es gibt konkurrierende Perspektiven. Der Würzburger Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger sagt: „Wirtschaftswachstum ist nicht unbedingt nachteilig für die Umwelt.” Gleichwohl bezweifelt auch er den Sinn der ewigen Mengensteigerung und weist darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich nur noch um ein Prozent jährlich gewachsen sei – erheblich weniger als in den Boomzeiten der alten Bundesrepublik.

"Wir können auch mit einem Prozent Wachstum leben"

Muss das ein Problem sein? „Grundsätzlich kann unsere Gesellschaft auch mit einer Zunahme des BIP von durchschnittlich nur einem Prozent pro Jahr zurechtkommen”, so Bofinger, der auch die Bundesregierung berät. „Unser Wohlstand würde sich innerhalb der kommenden 70 Jahre verdoppeln.” Auch nicht schlecht – wenngleich man sich dann mit der Aussicht anfreunden muss, dass die Summe des jährlich zusätzlich zu verteilenden Wohlstands im Gegensatz zu früher bescheiden ausfällt.

Peter Bofinger glaubt, Wachstum und Umweltschutz könnten zusammen gehen.

Während der Spielraum enger wird, steigen gleichzeitig die Kosten und mit ihnen die öffentlichen Ausgaben. So müssen die künftigen Generationen einen riesigen Staatsschuldenberg abtragen, mehr Mittel für die Absicherung und Pflege älterer Menschen aufwenden und Milliarden Euro in ein besseres Bildungssystem investieren. Woher sollen diese Summen kommen?

Müssen wir uns auf eine neue Bescheidenheit einrichten?

Möglicherweise wird das eine Prozent BIP-Wachstum nicht reichen, um die wachsenden Ausgaben zu bestreiten. Künftige Bundesregierungen müssen den Bürgern wohl höhere Steuern und Sozialbeiträge abverlangen. Konkret könnte das bedeuten: Mancher Beschäftigte, manche Familie, vielleicht die Mittelschicht insgesamt, hat später weniger Geld für den Konsum zur Verfügung. Muss sich Deutschland auf eine neue Bescheidenheit einrichten?

Die heikle Aufgabe besteht darin, einzelne gesellschaftliche Gruppen entsprechend ihrer Leistungskraft so heranzuziehen, dass der soziale Friede gewahrt bleibt. Bofinger: „Ohne funktionierenden Sozialstaat, der seine Finanzierung fair auf die gesellschaftlichen Gruppen verteilt, verlieren die Bürger das Vertrauen in die Soziale Marktwirtschaft”.

Sven Frohwein

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Kommentare
02.03.2010
12:32
In Zukunft gibt es immer weniger zu verteilen
von karlosdallos | #19

Gestern hatte sich der Vorstandsvorsitzende der RWE, mal eben 3,5 Mio RWE Aktien gekauft.

Stueckpreis : ~60 Euro.
Quelle: http://de.finance.yahoo.com/nachrichten/rwe-vorstandsvorsitzender-kauft-fr-fast-3-5-millionen-euro-aktien-ddpnews-bc45b3ad778c.html

Macht grob 200 Mio.
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Ein bisschen was zu verteilen ist schon da.

30.12.2009
09:39
In Zukunft gibt es immer weniger zu verteilen
von Schlummdidelbumm | #18

Wir werden unser Leben entkommerzialisieren. Das ist die Lösung. Ich schneide euch den Rasen, wer von euch schneidet mir dafür die Haare?

(Schlecht ist das neue System nur für Landwirte. Die bekommen für die produzierten Lebensmittel so oft den Kopf geschoren, dass keine Haut mehr auf dem Schädel ist.)

24.12.2009
14:32
In Zukunft gibt es immer weniger zu verteilen
von der_Manni | #17

#13: Und das kriminelle Banksterpack kommt in den Knast und wird nicht durch Steuermilliarden gerettet. ZACK!!!

23.12.2009
09:26
In Zukunft gibt es immer weniger zu verteilen
von Holländer | #16

Über 60% der Beschäftigten arbeiten schon im Dienstleistungsbereich; dort ist es sehr viel schwerer Produktivitätsfortschritte zu machen als in der Industrie; das führt natürlich zu niedrigeren Wachstumssätzen.
Unsere Industrie ist sehr exportlastig, was in der momentanen Krise zu sichtbarem Minuswachstum führt.
Bei stagnierenden Nettoeinkommen, bei Rentnern sogar Einkommensabnahmen u. ständig steigenden Kosten für Energie, Transporte etc. ist die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung vorprorammiert.
Bruttosozialprodukt sagt nichts über die Verteilung aus, u. die wird immer ungerechter s.o. !

23.12.2009
07:30
Blockierter Kommentar.
von rene.bogdanski | #15

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

22.12.2009
23:26
In Zukunft gibt es immer weniger zu verteilen
von Grundgesetz | #14

Der SOzialstaat in Deutschland ohnehin viel zu aufgebläht und wird schamlos ausgenutzt.

Wer nicht arbeiten will oder straffällig wird bekommt auch kein Geld. ZACK!!!

22.12.2009
21:14
In Zukunft gibt es immer weniger zu verteilen
von gerdg | #13

In einer degenerierten (überalterterten) Gesellschaft kann man keine nennenswerte Wachstumszahlen erreichen,da Rentner in Überzahl bekannlich mehr kosten wie sie bringen.Und da beträchliche Schulden schon da sind (die auch Geld kosten),werden wohl noch mehr dazu kommen.Wirtschaftswachstum mit Schulden schwächt die Wirtschaft,machmal langsam aber zum Schluß schnell.

22.12.2009
16:31
Blockierter Kommentar.
von kuba braucht keiner | #12

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

22.12.2009
14:19
In Zukunft gibt es immer weniger zu verteilen
von Nationalökonom | #11

Einfache Rechnung:
1% Wirtschaftswachstum von 2 Bio Euro = 20 Mrd. Euro volkswirtschaftlicher jährlicher Zugewinn.

Bei einer Schuldenlast von 1,6 Bio Euro mit einem Zins von 5% sind jährlich 80 Mrd. Euro zu zahlen.

Ergo fehlt dem BRD-Bürger bei einem Wirtschaftswachstum von 1% nominal und bei einer Inflation von 2% Nominal 20 Mrd. Euro an Volksvermögen.

Die Menschen in der BRD wurden durch das System zu Zinsknechten gemacht und Dummbatzen von einem Schlage Bofingers sind dazu da, die Menschen hierzulande für dumm zu verkaufen.

Deutschland lebt von der Subsanz und zwar nicht erst seit gestern

22.12.2009
13:58
In Zukunft gibt es immer weniger zu verteilen
von kuba4711 | #10

@ 4 Nimm das Wort Kuba nicht in den Mund.
Offenbar gehörst Du zu den neoliberal gestrickten Minderleistern in dieser banana republika .
Deine Beiträge kurbeln aber zumindest die Pharma-Industrie an.
Denn bei fortwährendem Konsum deiner verbalen Müllhalden steigt automatisch der Kopfschmerzmittell -Verbrauch immens an..-))))

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