In USA wächst Widerstand gegen Fracking

Ray Kemble ist ein entschiedener Fracking-Gegner. Sein Brunnenwasser ist seit Jahren ungenießbar.
Ray Kemble ist ein entschiedener Fracking-Gegner. Sein Brunnenwasser ist seit Jahren ungenießbar.
Foto: Dirk Hautkapp
Was wir bereits wissen
Ray Kemble ist einer der wortgewaltigsten Aktivisten gegen das Fracking. Er wohnt in Nähe eines Bohrlochs. Sein Wasser in inzwischen ungenießbar.

Dimock/Pennsylvania.. Ray Kembles stärkste Argumente gegen Fracking wechseln manchmal die Farbe. Wenn der 58-Jährige aus dem Brunnen hinter seinem Haus in Dimock zu Demonstrationszwecken übel riechendes Wasser schöpft, ist es mal lutschbonbongrün, dann goldfischfarben und eine Woche später kohlenschwarz. „Nur eins“, sagt der hoch aufgeschossene Mann und schiebt sich die vierte Zigarre an diesem nebligen Dezember-Tag in den rechten Mundwinkel, „ist es schon seit Ewigkeiten: ungenießbar.“

2009 stellte das Umweltamt des US-Bundesstaates Pennsylvania in Kembles Trinkwasser hohe Konzentrationen von Eisen, Arsen, Uran und Lithium fest. Chemikalien, die ins Erdreich gejagt werden bei der umstrittenen Methode der Gasgewinnung, die Amerikas märchenhaften Energie-Boom erklärt. Rund 30 anderen Familien aus Dimock, Susquehanna County, die nur aus dem Wohnzimmer schauen müssen, um das nächste Bohrloch im Umkreis des 1500 Einwohner-Nestes zu sehen, erging es ähnlich. Mit Ausgleichszahlungen und einer neuen Wasserleitung aus dem 20 Kilometer entfernten Montrose sollte der Kollateralschaden der Industrie abgefedert werden. Sollte.

Unbrauchbarer Brunnen

Fünf Jahre später wachsen Sträucher und Bäume aus seinem leerem Swimmingpool. Das Haus ist wegen des unbrauchbaren Brunnens praktisch wertlos. Wasser zum Zähneputzen und Kaffeekochen müssen sich der erzkonservative Republikaner und sein Bruder in Plastik-Gallonen aus dem Supermarkt holen. Auf eigene Kosten. „Sie haben mein Leben zur Hölle gemacht“, sagte der knorrige Harley-Davidson-Fahrer beim Besuch dieser Zeitung kurz vor Weihnachten, „jetzt ist es an der Zeit, dass ich ihr Leben zur Hölle mache.“

Fracking Ray Kemble gibt sich Mühe. Er gehört zu den wortmächtigsten Fracking-Rebellen im Osten Amerikas. Die Hollywood-Schauspielerin Susan Sarandon hat ihn besucht. Genau so wie Yoko Ono, die Witwe von John Lennon. Beide aktive Umweltschützerinnen. Kemble ist oft auf Demonstrationen aktiv und empfängt im Wochentakt Journalisten aus aller Welt. Gerade erst hat ein russischer Fernsehsender eine Dokumentation über seinen „Kampf“ gedreht.

Seit ihn die Gas-Industrie gefeuert hat, für die er jahrelang Abwasser-Lkw fuhr, finanzieren Umweltschutzorganisationen seinen Lebensunterhalt. Kemble ist nicht zimperlich ist, wenn ungebetene Gäste vorbeischauen. „Sie haben die Wahl“, beschied er neulich zwei Gasfirmen-Vertretern mit gezogener Beretta, „umdrehen und gehen. Oder im Leichensack nach Hause getragen werden.“

Schweigegeld angeboten

Ray Kemble war zunächst aus rein persönlicher Betroffenheit auf der Gegengraden. Heute ist er grundsätzlich gegen Fracking. Selbst für ein üppiges Schweigegeld, das ihm manchmal angeboten wird, würde er nicht gehen. „Du kannst das verdammte Geld nicht trinken.“ Auf seinem Küchentisch türmen sich Expertengutachten und Untersuchungsprotokolle staatlicher Umweltbehörden. „Ich will die Gas-Industrie hier raus haben. Die sind pures Gift. Wir haben nur eine Erde. Es gibt keinen Plan B.“

Kemble gehört zu denen, die das Grundversprechen der Fracking-Fans für Humbug halten. Danach ist die Fördermethode unbedenklich. Kemble kriegt rote Flecken am Hals, wenn er so etwas hört. Die bei der Hochdruck-Einspritzung von Wasser und Sand beigemischten Chemikalien, die in einer Tiefe von 1000 bis 5000 Metern mithelfen sollen, das Gestein aufzubrechen, damit das Gas gewonnen werden kann, suchten sich früher oder später ihren Weg nach oben. „Das ist doch logisch”, sagt Kemble: „Mein Wasser würde ja sonst nicht so furchtbar stinken.”

Fracking Stetiges Wachstum

Ray Kemble weiß, dass er gegen mächtige Zahlen anredet. Und einen noch mächtigeren Trend. In Pennsylvania, nach Texas der meistgefrackte Landstrich in den USA, hat der Schiefergas-Boom eine Viertel Million Jobs geschaffen und binnen des vergangenen Jahrzehnts drei Milliarden Dollar an Steuern und Gebühren in die Staatskasse gespült. Und das ist laut Daryl Miller erst der Anfang.

Der Landrat von Bradford County, 35 Meilen von Dimock entfernt, richtet sich auf „40 Jahre stetiges Wachstum ein“. Erst 900 von 2200 Bohrlöchern in dem verblüffend nach Sauerland aussehenden Landstrich sind in Betrieb, sagte der stramme Republikaner und zeigt im Verwaltungssitz der Kreisstadt Towanda auf eine neue Landkarte. Weil das „Marcellus Shale“, eine unterirdische Lagerstätte, die sich von West Virginia bis New York Hunderte Kilometer unter dem Nordosten Amerikas durchzieht, erst zu Bruchteilen angezapft sei, würden bald „Hunderte neue Bohrlöcher folgen“.

Die Kommune profitiert von Fracking

Für Landbesitzer eine Goldgrube. Bis zu zehn Dollar pro Hektar und Tag kassieren sie dafür, dass sie sich von Cabot Gas oder anderen Firmen die Scholle perforieren lassen. Auch die Kommune profitiert. Die Bezirkssteuern konnten gesenkt werden. Die Arbeitslosigkeit liegt unter fünf Prozent. Towanda, wo Hotels und Restaurants an der Main Street Preise wie in Washington DC aufrufen, ist schuldenfrei. Sogar Geld für ein neues Dach auf dem 100 Jahre alten Gerichtsgebäude ist da. „Und für neue Straßen im County“, ergänzt der 62-Jährige, „hat die Gas-Industrie 275 Millionen Dollar ausgegeben.“

Über die Kehrseite der Medaille, wie sie sich Ray Kemble umhängt, will der Commissioner nicht viel sagen. „Es gibt vereinzelt Probleme. Aber die kriegt man in den Griff.“ Um die Unschädlichkeit des Fracking zu demonstrieren, fährt Miller den Gast aus Deutschland in Towanda hinauf zum Aussichtspunkt „Marie Antoinette“. So weit das Auge reicht unten im Tal nur gepflegte Hügelketten und Äcker. Von störenden Fracking-Baustellen, wie sie North-Dakota längst verschandeln, keine Spur. Fast alles spielt sich unterirdisch ab. Das Spinnen-Netz aus Leitungen unter Tage zählt für Miller nicht.

Für Andrew Cuomo schon. Kurz vor Weihnachten hat der Gouverneur des Bundesstaates New York nach jahrelangen Prüfungen Fracking untersagt. Eine Entscheidung, die landesweit für Aufsehen sorgt. „Die potenziellen Gesundheits-Risiken sind einfach zu hoch“, sagt der Demokrat. Ray Kemble hat sich gefreut. Experten aus New York waren oft bei ihm in Dimock. Sie haben sein Wasser gesehen. Und gerochen.