In den Amazon-Lagern in Rheinberg und Werne herrscht das Chaos-Prinzip
04.07.2012 | 06:01 Uhr 2012-07-04T06:01:00+0200
Rheinberg. Mit seinen eigentümlich organisierten Lagern hat Amazon, der Marktführer unter den Internet-Kaufhäusern, seit 2010 im westfälischen Werne und niederrheinischen Rheinberg kleine Job-Wunder ausgelöst. Doch es gibt auch Kritik an den Beschäftigungsverhältnissen.
Rheinbergs größtes Kaufhaus liegt fernab der Einkaufsstraßen, gleich an der Autobahn. Laufkundschaft kommt hier nicht vorbei – und das ist auch so gewollt. Schließlich besuchen Kunden das Kaufhaus Amazon nur virtuell, im Internet. Doch an der Alten Landstraße in Rheinberg landen die Online-Einkäufe in der Realität – wer läuft schon gern in virtuellen Schuhen herum? Seit Herbst betreibt Amazon hier eines seiner bundesweit sechs Logistikzentren – das zweite in NRW, nach dem erst ein Jahr zuvor eröffneten Lager in Werne. Und die deutschen Lager Nummer sieben und acht sollen in diesem Herbst in Koblenz und Pforzheim eröffnen.
In dieser Amazon-Welt ist Chaos Programm. Statt wohl sortierter Abteilungen wie im gewöhnlichen Geschäft liegen in den je gut 15 Fußballfelder großen Hallen Bücher-Stapel neben Duschgel-Packungen und DVD-Spieler neben Gartenscheren. Jeder „Stower“ – so nennt Amazon seine fürs Einlagern zuständigen Mitarbeiter – kann sich fast beliebig einen freien Regalplatz aussuchen und dort neue Ware verstauen.
Ein Klick mit dem Handscanner auf die Ware, ein weiterer auf den Regalplatz – schon sind die Informationen gespeichert, die später den „Picker“ an den richtigen Ort führen, wenn ein Kunde via Internetbestellung nach dem Produkt verlangt. Doch auch ein „Picker“ arbeitet nicht etwa nach und nach eine Bestellung ab, sondern sammelt auf einem optimierten Weg durch das Lager Waren für verschiedenste Kunden ein. Erst am Ende werden diese zu Paketen für einzelne Empfänger zusammengestellt.
1000 langfristige Arbeitsplätze
Das Chaos-Prinzip gilt bei Amazon auch jenseits der Lagerhallen: „Prinzipiell sollen immer alle Waren in jedem Lager verfügbar sein“, erklärt eine Amazon-Sprecherin. Für Kunden aus NRW muss eine Bestellung dennoch längst nicht aus Werne oder Rheinberg kommen, sondern aus dem Lager, wo sie laut Computer am schnellsten zusammengestellt werden kann – das kann auch Leipzig oder Bad Hersfeld sein.
Trotz so vieler Berechnungen ist ein Großteil des Amazon-Geschäfts Handarbeit. Mittelfristig will der Konzern in beiden NRW-Lägern je 1000 langfristige Arbeitsplätze schaffen. An diesem Ziel sei man nun „relativ nah dran“, so die Sprecherin. Zudem werden im Weihnachtsgeschäft, wenn an Spitzentagen schon mal mehr als 100 Lkw von DHL und anderen Kurierdiensten jedes Lager verlassen, weitere je 2000 Aushilfen benötigt. Zahlen, die erklären, weshalb Wirtschaftsförderer und Bürgermeister Amazon als Segen preisen. In Dortmund etwa wurde zeitweise ein Bus-Shuttle eingerichtet, der Arbeitslose zu den Einstellungsgesprächen nach Werne brachte.
Co-Finanzierung vom Staat?
Dennoch scheint gerade in Personal-Dingen bei Amazon nicht alles Gold, was glänzt. Ärger gab es etwa, als im Winter herauskam, dass der Konzern Hartz-IV-Empfänger vor einer Einstellung zunächst ein zweiwöchiges Praktikum absolvieren ließ, das vom Job-Center finanziert wurde. Eine legale Praxis, die indes bei manchen Politikern den Eindruck erweckte, Amazon wolle sich sein Weihnachtsgeschäft vom Staat co-finanzieren lassen.
NRW als Land der Logistik steht im Fokus des aktuellen Wirtschaftsmagazins der WAZ-Mediengruppe.
Mittlerweise scheint der Streit darüber beigelegt. Dennoch prallt in den Lägern täglich eine US-amerikanische Arbeitgeberkultur, die vor allem auf Leistung setzt und diese praktisch ständig – etwa an Hand der im Lager zurückgelegten Strecke – misst, auf deutsche Arbeitnehmer. Die Gewerkschaft Verdi will deshalb statt „Mitarbeiterforen“ in den Lägern ordentliche Betriebsräte mit gesetzlichen Befugnissen und eine Bezahlung nach Tarifvertrag durchsetzen. Amazon betont indes immer, sich bei den Arbeitsbedingungen an alle gesetzlichen Spielregeln zu halten. Ziemlich reale Diskussionen also im virtuellen Online-Kaufhaus.

17:17
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"Die Zahlung von Tariflöhnen ist im System Amazon auch nicht vorgesehen und so wird ein Ingenieur zum Hilfarbeiter abgestempelt und mit Brotsamen bedacht."
Was wollen sie denn damit sagen? Das ein Arbeitnehmer, der zuvor als Ingenieur gearbeitet hatte, nach seinem Jobverlust anschließend als Amazon-(Hilfs-)Mitarbeiter den gleichen Tariflohn wie an seinem alten, hochqualifizierten Arbeitsplatz erhalten sollte? Das können sie ja doch wohl nicht wirklich ernst meinen, oder? Der "Tariflohn", insofern es überhaupt einen Tariflohn für ungelernte Hilfskräfte gibt, der liegt in NRW so bei 8,50 Euro. Und den bezahlt Amazon mit rund 9,50 Euro ja. Wo ist also dann das/ihr Problem? Wenn ein Packer bei Amazon den gleichen Lohn bekommen würde wie ein Ingenieur, warum sollte dann überhaupt noch jemand Abitur machen und langjährig studieren? Und was haben sie bitte gegen die "Couchkartoffeln", die bei dem Online-Versender ihre Waren bestellen? Ohne diese gäbe es diese neuenArbeitsplätze ja garnicht.
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09:48
Ich Liebe Amazon!
Total geiler Service! So kaufe ich gerne ein!
Weiter so!
16:38
Also von einem Jobwunder habe ich noch nichts gehört... übrigens, Menschen, die Arbeit suchen, möchten einen Arbeitsplatz und keinen Job... soweit ich es verfolgt habe, hat sich Amazon Mitarbeiter besorgt, die im Großen und Ganzen von der Arbeitsverwaltung bezahlt wurden und zur Belohnung nach dem Weihnachtsgeschäft direkt wieder auf die Straße gesetzt wurden - eben typisch amerikanische Personalführungskultur - nennt man wohl Gewinnmaximierung
Ich habe und werden niemals bei Amazon bestellen, solange sie im Ruf stehen, die Rechte der Mitarbeiter mit Füßen zu treten. Das habe ich mit Schlecker auch gemacht und zum Glück viel viele andere Konsumenten auch.
11:27
IMmer, wenn das Wort "jobwunder" auftaucht, kommt kurz danach die Pointe...Ich liebe es.^^
11:19
So fragt tatsächlich keiner nach, was mit den faktisch staatlich bezahlten Saisonarbeitern ist.
10:59
Mich würde interessieren wie der Streit um die Weihnachtsjobs und deren Finanzierung beigelegt wurde. Davon schreibt der Autor leider nichts. Wohl in der Absicht einen großen Werbekunden in positivem Lichts darzustellen. Wahrscheinlich hat Amazon mit einer Verlagerung der Logistik gedroht um alles so zu belassen wie es ist, was jetzt als Beilegung des Streits bezeichnet wird. Wäre nett wenn der Autor hierüber mal Auskunft geben könnte.
10:44
Es ist bedauerlich, daß die Firma auf kürzeste Bearbeitungszeit setzt. Es wäre für den Energieverbrauch und die Umweltschonung besser, sie würden auf möglichst optimierte,kürzeste Wege setzen. Aber, leider bringt die "gute" kurze Bearbeitungszeit mehr Lob, mehr Profit. Luxuriös geht die Welt zugrunde, oder: nach uns die Sintflut.
wenn ich mir was bestelle, will ich, daß es kommt - und zwar bald. Auf welchem Weg ist mir doch wurscht.
09:56
30 km am Tag durchs Lager mit handgezogenen Palettenhubwagen, das scheint mir ein bischen viel zu sein und geht auf die Knochen der betreffenden Mitarbeiter. Das hat übrigens nichts mit der so genannten "chaotischen" Lagerhaltung zu tun. Es gibt sogenannte, elektrische "Stockpicker", die die Arbeit erheblich erleichtern und krankheitsbedingte Ausfälle der Mitarbeiter verhindern helfen.
09:24
So etwas nennt man "chaotische Lagerhaltung" und man findet sie heute in fast allen modernen Lägern. Würde das Lager anders als chaotisch verwaltet, hätte man Zweifel an Amazon bekommen können. So, aber, ist Alles ganz normal. Herrn Rünker, hingegen, kann ich nur empfehlen sich mit der Materie vertraut zu machen über die er berichtet. Der Artikel, jedenfalls, und vor allem die Überschrift ist keine Glanzleistung.
07:36
Wenn das Chaos ist, dann ist es äußerst effizientes Chaos, meine Bestellungen kamen immer zuverlässig und superschnell bei mir an. Das kann ich von den meisten anderen Versendern leider nicht sagen.