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Immer mehr Arbeitgeber entdecken die Familie

24.02.2010 | 10:13 Uhr
Immer mehr Arbeitgeber entdecken die Familie

Dortmund. Wenn die Kita ausfällt, muss für berufstätige Eltern Ersatz her. Immer mehr Unternehmen bieten Hilfe an von der Heimarbeit bis zum Betreuungs-Dienstleister für den Notfall. Und einige richten sogar ein Eltern-Kind-Büro ein.

Der Anruf treibt Mama die Schweißperlen auf die Stirn. Morgen hat die Kita zu – die Grippe geht um. Dabei muss sich die berufstätige Mutter um ein wichtiges Projekt kümmern. Wohin mit dem Nachwuchs im Betreuungs-Notfall? Mit zur Arbeit? Was sagt der Chef dazu? Immer mehr Unternehmen bieten Hilfestellungen an.

Arbeitet Mama bei RWE in Dortmund oder Essen, bleibt sie einfach mit Kind und Laptop zuhause. Zur Konferenz wird sie telefonisch zugeschaltet. Kein Problem, Hauptsache sie erfüllt ihr Pensum. Im Büro würde das Kind allerdings stören, sagt ein Unternehmenssprecher.

Betreuung im Büro

Wo bleibt das Kind bei der Arbeit? Viele unternehmen bieten Hilfe an.

Bei der Duisburger Internetagentur Krankikom sieht das Geschäftsführer Holger Ruhfus ganz anders: „Natürlich gibt es Kinder, die mit der Lautstärke einer Pferdeherde durchs Büro laufen, andere aber nimmt man gar nicht wahr.“ Ruhfus – Vater von zwei Kindern – muss es wissen, denn seit Jahren bringen einige der 50 Mitarbeiter den Nachwuchs mit ins Büro. Dort – im eigens eingerichteten Kinderzimmer – kümmert sich bei Bedarf eine Erzieherin um die Knirpse.

Nur unter dieser Prämisse war es Kristine Meyer möglich, 30 Stunden in der Woche zu arbeiten: „Nur so ist es möglich, dass ich nicht immer wieder frei nehmen muss.“ Alle zwei Wochen nimmt sie einen ihrer beiden Söhne mit ins Büro, bei Engpässen häufiger. „Auch, wenn Kunden zu uns kommen, sind die Reaktionen durchweg positiv. Kunden haben ja auch Kinder.“

„Backup-Center“ für den Nachwuchs

Vor allem größere Unternehmen leisten sich im Betreuungs-Notfall Dienstleister. Die halten „Backup-Center“ genannte Kitas und alternativ Notmütter vor, die in die Haushalte kommen – sogar zu kranken Kindern. Der bundesweit größte Dienstleister dieser Art ist PME Familienservice mit 14 Backup Centern in Deutschland, eins davon in Essen. Die Kundenkartei mit über 600 Unternehmen liest sich wie ein Who is Who der deutschen Wirtschaft: Autobauer BMW ist dabei, Möbelriese Ikea auch. Die Unternehmensberatung McKinsey nutzt den Service ebenfalls. Zehn Tage im Jahr bekommen die Mitarbeiter Notmutter oder Kita-Platz auf Rechnung des Arbeitgebers.

Der „Verband berufstätiger Mütter“ in Köln sieht die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. „Es ist toll, wenn Arbeitgeber sich bewegen. Aber bei einem Dienstleister fehlt Kindern die Bezugsperson. Für ein Kind, das einmal im halben Jahr in so eine Not-Kita geht, sind die Erzieher Fremde“, so Sprecherin Eike Ostendorf-Servissoglu. Das Kind bei der Arbeit sei dann keine Lösung, wenn es keine Betreuungskraft gibt: „Da ist weder das Kind optimal betreut, noch kann die Mitarbeiterin effektiv arbeiten.“

Positive Effekte für das Unternehmen

Diesen Fall – mit Mama oder Papa zur Arbeit – sieht das Unternehmernetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ als Ausnahme, aber als notwendige. Projektreferentin Anine Linder empfiehlt einen Spielzeugkoffer oder ein Büro mit Spielecke (Eltern-Kind-Büro): „Solche Maßnahmen sind eine Möglichkeit des Arbeitgebers, Offenheit zu signalisieren.“

Offenheit, die sich auszahlt: Positive Effekte zeigen Wissenschaftler des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik Münster auf. Eltern kommen früher aus der Elternzeit zurück, die Rate derjenigen, die gar nicht wiederkommen, sinkt. Außerdem: Motivation und Produktivität steigen. Die Mitarbeiterfluktuation nimmt ab, damit sinken Kosten für Bewerbungsverfahren und Einarbeitungszeit. Vorteile, auf die Arbeitgeber kaum mehr verzichten mögen.

Schub durch Elterngeld

Doch auch Arbeitgeber mit weniger spezialisiertem Personal setzen zunehmend auf Familie, weiß Unternehmensberaterin Anne Schickentanz-Dey aus Unna, Expertin für Familienbewusste Unternehmensstrukturen: „Unternehmen wie REWE handeln jetzt auch verstärkt in dieser Richtung.“ Mit Einführung des Elterngelds vor drei Jahren habe die Entwicklung einen Schub erfahren.

Viel früher, nämlich schon in den 1970er Jahren, hat die „Continentale“ in Dortmund reagiert: Die Versicherung setzt auf Flexibilität – mit über 200 verschiedenen Arbeitszeit-Modellen. „Bei einem Betreuungs-Engpass bleiben die Eltern einfach zuhause und holen die Stunden nach“, erläutert Sprecher Bernd Goletz, „Eltern sollen sich sorgenfrei auf ihre Arbeit konzentrieren können.“

RWE geht deswegen noch einen Schritt weiter. Demnächst eröffnet der Energieversorger das „Lumiland“ am Standort Essen, wo Kinder rund um die Uhr versorgt werden. Selbst bei Dienstreisen wird so die Betreuung zum Kinderspiel.

Andreas Graw



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