Im Angebot: 102 Kaiser’s-Märkte

Mülheim..  Die Zerschlagung der Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann hat begonnen. Gestern hat die Zentrale in Mülheim eine Liste mit 102 Filialen in Nordrhein-Westfalen an mögliche Erwerber geschickt. Bei der Einzelverwertung strebt das Unternehmen Paketlösungen an, die allerdings so geschnürt werden sollen, dass eine Zustimmung des Kartellamts nicht erforderlich wird, wie diese Zeitung aus Konzernkreisen erfuhr.

„Eruierung alternativer Optionen für die Kaiser’s Tengelmann Region Nordrhein“ ist der Brief überschrieben. Der nüchterne Titel täuscht aber darüber hinweg, dass der Inhalt hoch brisant ist: Der Ausverkauf des Mülheimer Traditionsunternehmens hat begonnen.

„Schnell und effizient“, heißt es in dem Schreiben, wolle man „Alternativoptionen“ prüfen, sollte die Komplettübernahme durch Edeka nicht doch noch in letzter Minute möglich werden.

Angeschrieben hat Kaiser’s Tengelmann alle bundesweit tätigen „relevanten Handelsunternehmen“. Bevorzugen will Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub seinen Wunsch-Partner für eine Komplettlösung, den Lebensmittel-Marktführer Edeka. Post aus Mülheim erhielten aber auch Rewe, die Drogerieriesen dm und Rossmann sowie Biomarkt-Betreiber. Zum Verteiler gehören zudem die Discounter. Sie betreiben kleinere Flächen als moderne Supermärkte mit ihren Vollsortimenten.

Den Betriebsübergangorganisieren

Die Kaiser’s Tengelmann-Läden könnten ihre Bedürfnisse also am ehesten treffen. Drogeriemärkte und Discounter beschäftigen aber weniger Mitarbeiter als die bisherigen Kaiser’s Tengelmann-Filialen mit ihren Fleisch-, Fisch- und Käsetheken. Das Unternehmen erwartet von den Interessenten deshalb auch, dass sie nicht nur Ladeneinrichtung und Ware übernehmen, sondern auch Verträge beispielsweise mit Vermietern und Dienstleistern, aber auch den Filialmitarbeitern. Für sie soll ein Betriebsübergang organisiert werden.

Im Interview mit dieser Zeitung hatte Tengelmann-Inhaber Haub erklärt, dass er im schwierigen Markt NRW nur mit „30 bis 40 Filialen“ rechne, die überhaupt Kaufinteressenten anlockten. „Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Kollegen in rund 60 Märkten ihre Arbeit verlieren werden“, argwöhnt Peter Kohne, der stellv. Betriebsratsvorsitzende in NRW. „Die ganze Situation ist dramatisch.“ Nach Angaben Kohnes trifft sich der Betriebsrat heute erstmals mit der Kaiser’s Tengelmann-Geschäftsführung, um über einen Sozialplan für die 3500 Beschäftigten in NRW zu reden. Um ihre Zukunft bangen nicht nur die Mitarbeiter in den Filialen, sondern auch 400 in der Mülheimer Zentrale und all jene in Verwaltung, Lager und Fleischwerk am Standort Viersen.

Aus Konzern-Kreisen verlautet, dass die Sozialplanverhandlungen erst dann beginnen sollen, wenn feststehe, welche Filialen zu welchen Bedingungen den Besitzer wechseln. Das könne noch einige Wochen dauern. Bis zum 26. Oktober haben die Wettbewerber nun Zeit, ihr Interesse zu bekunden. Erst dann will Kaiser’s Tengelmann etwa Umsatzzahlen der einzelnen Filialen preisgeben.

Platzeck alsVermittler genannt

„Bis zur letzten Minute“, hatte Tengelmann-Chef Haub angekündigt, sei er für Lösungen, die den Verkauf an Edeka möglich machen, offen. Auch sein Rivale von Rewe, Alain Caparros, hatte Gesprächsbereitschaft signalisiert, obwohl die Verhandlungen über eine Rücknahme seiner Klage gegen die Fusion von Kaiser’s Tengelmann und Edeka gescheitert waren. Als Vermittler hat Caparros die SPD-Politiker Sigmar Gabriel und Matthias Platzeck ins Gespräch gebracht.